• vom 12.01.2017, 16:06 Uhr

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Update: 13.01.2017, 07:40 Uhr

Gesellschaft

Kampfzone Frau




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Die Aufklärungsarbeit in Europa müsste demnach nicht nur bei den Frauen ansetzen, sondern genauso mit den Männern beziehungsweise den Vätern und Brüdern passieren. Nur eine Frau, die freiwillig oben ohne geht, das Kopftuch also aus freien Stücken ablegt, zählt in dieser Debatte als vermeintlicher Erfolg.

Ein offenes, tolerantes Europa muss sich jedoch auch - jenseits dieser angestrebten Enthüllungsfreuden - überlegen, ob es wirklich das Kopftuch ist, an dem sich der Grad der Integration messen lässt. Und es muss zur Diskussion stellen, ob es sich ausschließt, ein Kopftuch zu tragen und Europäerin zu sein. Die Gefahr, die viele von diesem Stück gebundenen Stoffs ausgehen sehen, lauert ganz woanders. Nämlich in dem, was sich nicht nur in den von Tüchern bedeckten Köpfen befindet - in den Gedanken und Gesinnungen aller Mitglieder einer Gesellschaft. Hier klare, nüchterne Regelungen bezüglich Hass- und Hetzpredigten auf beiden Seiten oder auch der Straffälligkeit von Asylwerbern zu beschließen, ist wesentlich sinnvoller, als beliebig Kleidervorschriften zu setzen.

Dabei muss sich die viel beschworene Wertegemeinschaft Europa jenseits des plakativen Diskurses auch mit den Fragen beschäftigen, die hier im wahrsten Sinne des Wortes verschleiert werden: Welche Werte sind für unser Zusammenleben unabdingbar? Wie müssen wir die Regeln für ein gesellschaftliches Miteinander neu denken und schreiben? Wie können wir gemeinsam an einer Gesellschaft bauen, in der sich niemand bedroht oder ausgegrenzt fühlt? Egal, ob mit Kopftuch oder ohne. Sind diese Fragen grundsätzlich geklärt, spielen Äußerlichkeiten wie Kleidung keine Rolle. Die aktuelle Debatte tut jedenfalls herzlich wenig für ein de-radikalisierendes Miteinander.

Dass es bei der Kopftuch-Diskussion nicht um Säkularisierung geht, das hat mit Staatssekretärin Muna Duzdar auch die Regierung erreicht. Auch sie stört an der Debatte, dass es nur um Muslime geht, von Kippas, Turbanen oder Kreuzen nie die Rede ist. Im Interview mit der "Wiener Zeitung" analysiert sie, dass es hier darum geht, "gegen die Mitglieder dieser Religion Stimmung zu machen".

Dass die gesellschaftliche Stimmung maßgeblich an der Wahl dieser populistischen Schaukämpfe ist, zeigt auch die Burkini-Debatte vergangenen Sommer. Vor dem Hintergrund der Anschläge in Paris und Nizza entlud sich die Frustration (nicht nur) der Franzosen an der Badebekleidung einiger weniger Frauen. Stellvertretend für alle jene Faktoren, die für das großflächige Scheitern von Integration und die dadurch resultierende Radikalisierung junger Muslime verantwortlich sind.

Doch gesellschaftliche Kämpfe werden nicht nur auf dem Körper von Frauen ausgetragen, sie werden auch um den Körper der Frau selbst geführt - jenseits vom Islam und Integration. Auch die Abtreibungsdiskussion, die im Sommer in Polen die Gemüter erhitzte, bedient ein ähnliches Muster. Auch hier wird ein plakatives Thema vorgeschoben, um sich dem Eigentlichen nicht widmen zu müssen. Um Frauen dazu zu animieren, Kinder zu bekommen, ist ein Verbot der Abtreibung kein probates Mittel. An den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu arbeiten, wäre der konstruktivere Weg, der Frauen in ihrer Selbstbestimmung unterstützt und sie nicht in die Illegalität treibt. Doch Bedingungen - von Betreuung über finanzielle bis zu struktureller Unterstützung - zu schaffen, in denen Menschen beiderlei Geschlechts sich dazu entschließen, ein Kind in die Welt zu setzen, bedeutet mehr Arbeit, als ein Gesetz zu erlassen.

Die Debatten, die auf und um den weiblichen Körper geführt werden, sind letztlich sehr männliche Diskurse: Im Falle der Abtreibung ist es der Kampf um die Kontrolle über die Fortpflanzung, in den diversen Verhüllungsdiskussionen geht es um die Kontrolle des eigenen, männlichen Triebes. In beiden Fällen ist es dringend notwendig, den Schauplatz zu wechseln und den Kampf vom Körper der Frau dorthin zu verlegen, wo er auch gelöst werden kann. Als Thema, das alle angeht.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-12 16:11:06
Letzte ńnderung am 2017-01-13 07:40:04



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