• vom 18.01.2014, 08:55 Uhr

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Update: 23.01.2014, 09:48 Uhr

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Unter Werbedruck




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Von Franz Zauner

  • Egal, wo du hingehst, deine Werbung ist schon da.

Wer im Kino laut wird, muss sich auf eine Woge aus "Schschschschsssts" gefasst machen. Nicht so der Herr drei Reihen vor mir, der den Zeitpunkt seiner Intervention klug gewählt hatte. Eine gute halbe Stunde lang war Werbung, Werbung, Werbung über die Leinwand gelaufen. Dann empfahl ein Insert, dass man im Falle von Belästigungen das Personal informieren solle. Und genau das tat der Mann. Er rief: "Hört’s endlich mit der sch... Werbung auf!" Und erntete dafür nicht nur zustimmendes Gemurmel, sondern auch noch ein "Bravo!" und ein "Genau!". Es wutbürgerte im Kinosaal.

Der Sound der Werbung ist aus vereinzelten Sirenengesängen zu einem allgegenwärtigen Dauergetrommel angeschwollen. Das Sündenregister ist lang: Werbung verschont weder die größten Plätze noch die engsten Toiletten. Sie zerstört die besten Momente jedes Programms. In der Werbepause riskiert jeder, der nicht schnell genug die Lautstärke des Fernsehers herunterregelt, einen Trommelfellschaden. Und im Internet schieben sich Pop-Ups wie rabiate Türsteher zwischen User und Content.

Werbung

Der deutsche Journalist, Buchautor und Werbefachmann Wolfgang J. Koschnick spricht von einer "Reklame-Sintflut": "Die Leute können sie einfach nicht mehr sehen, die vielen Spots, Riesenplakate, Anzeigen, Banner, Pop-Ups, Mailings, Beilagen, die Dinge anpreisen, die den Konsumenten von Herzen gleichgültig sind". Doch die Werbeindustrie steigert die Dosis und erhöht den "Werbedruck".

Dem Konsumenten, dieser Brieftasche auf zwei Beinen, begegnet die aktuelle Panikblüte der Werbeindustrie in bis zu 5000 Werbebotschaften täglich. Wenn sie schon nicht wirken, haben sie zumindest Nebenwirkungen – sie lösen zuverlässig Hass und Ärger aus. Doch unverdrossen entwickelt die Branche neue Belästigungsformate. Auf das Online-Tracking, das jeden User identifiziert, um ihm seinen angeblichen Vorlieben gemäß mit Reklame zu kommen, folgt das Offline-Tracking: Werbe-Targeting durch Gesichtserkennung etwa. Egal, wo du hingehst, deine Werbung ist schon da. Und sie klebt dir wie ein Hundstrümmerl an der Profilsohle.

In São Paulo haben sie Werbung im öffentlichen Raum weitgehend verboten. In Schweden muss der Regisseur einverstanden sein, wenn man seinen Film unterbrechen will. Die Politik, die sonst durchaus engagiert den Alltag normiert, könnte hier eine Finanzierungsquelle auftun und dafür sogar Beifall ernten: eine progressiv ansteigende Normverbrauchsabgabe für geistigen Umweltschutz. Der zu zahlende Betrag wächst mit jeder Wiederholung. Und lässt jemand jahraus, jahrein dieselben Spots aus allen Kanälen plärren, sodass es weder ein räumliches noch zeitliches Entkommen gibt, dann steigen die Kosten für diese totale Reklame-Penetration ins Astronomische. Aus den Erlösen werden Zonen der Stille und Inseln der Ruhe finanziert.




Schlagwörter

Backup, Werbung, Offline-Tracking

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2014-01-17 14:14:56
Letzte ─nderung am 2014-01-23 09:48:04



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