• vom 17.11.2012, 17:33 Uhr

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Update: 19.11.2012, 15:24 Uhr

Brüssel-Block

Radfahren? Ohne mich!




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Von Martyna Czarnowska

  • Brüssel-Block



Ein paar Hartgesottene sind noch unterwegs. Aber die reichen schon, um mir immer wieder einen Schrecken einzujagen. Es ist wegen dieser leuchtendgelben Schutzjacken. Ich denke sofort an Straßenkontrollen oder Ordnungsdienste, wenn ich so ein Blitzen sehe. Ich frage mich, ob es nicht eine schlechte Idee war, jetzt bei Rot die Straße zu überqueren. Oder ob ich nicht vielleicht gerade irgend eine andere Regel breche.

Und dann wird mir bewusst, dass es nur ein vorbeiflitzender Radfahrer war, der mich mit seiner Weste in Warnfarben aus meinen Gedanken gerissen hat. Solche Kleidungsstücke werden im Straßenverkehr in Brüssel zunehmend genutzt. Die Radfahrer hier scheinen überhaupt disziplinierter zu sein als in etlichen anderen belgischen oder gar niederländischen Städten, wo diese Fortbewegungsart intensiv gepflegt wird. Überhaupt sind hier nicht so viele unterwegs. Brüssel ist nicht Amsterdam oder Utrecht, ist nicht die Studentenstadt Gent, die nur ein paar Dutzend Kilometer entfernt ist und wo Fußgängern sogar auf dem Gehsteig der Platz streitig gemacht wird.

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Kurz: Brüssel ist keine ausgewiesene Radfahr-Metropole. Und das ist eines der Dinge, die ich an der Stadt mag. Ich gestehe also: Ich bin keine Radfahrerin. Seit vielen Jahren nicht. Seit mir mein polnisches Klapprad, das ich zur Erstkommunion bekommen habe und auf das ich zehn Jahre lang stolz gewesen war, bei einem Dorffest in Niederösterreich entwendet wurde. In der Zwischenzeit, glaube ich, habe ich das Radfahren verlernt. Mit ein wenig Disziplin geht das.

Daher behagt mir an Brüssel, dass es eher eine Stadt für Fußgänger ist. Das mag eine gewagte These sein, bei all den schiefen Gehsteigen, den lockeren Pflastersteinen und den Löchern auf den Straßen, die schon so manches Stolpern und Straucheln verursacht haben sowie das Tragen von Schuhen mit hohen Absätzen zu einer Herausforderung selbst für Geübte machen. Wenigstens aber brauchen sich Fußgänger nicht an jeder Straßenecke ängstlich umzusehen, ob sie nicht gleich von einem Radfahrer – der sich aus seinem Bewusstsein der ökologisch schadensfreien Straßennutzung gleich ein ewiges Vorrangrecht herausnimmt – umgemäht werden.

Nein, vielmehr sind es die Fußgänger selbst, die oft Vorrang genießen. Autofahrer bleiben stehen, wenn sie einen Menschen an einem Zebrastreifen sehen – selbst wenn dieser Mensch unbedacht nur dort stehen geblieben ist, um sich eine Zigarette anzuzünden. Anders als in etlichen anderen Städten ist es so nicht einmal an einer vierspurigen Fahrbahn nötig, minutenlang darauf zu warten, die Straße überqueren zu können. Trotz einer ausgeprägten Laisser-faire-Haltung in Parksituationen oder bei der Einhaltung von Geschwindigkeitsvorgaben sind Brüsseler Autofahrer Fußgängern gegenüber sehr aufmerksam. Auch wenn diese Regel ihre Ausnahmen kennt, die sich vor allem nach Mitternacht häufen.
Das dürfte bei manchen Fußgängern zu einem derart unbekümmerten Verhalten führen, dass sich vor kurzem die städtischen Verkehrsbetriebe bemüßigt fühlten, mit einer Plakatkampagne auf einige Regeln aufmerksam zu machen. Die Bilder, überwiegend an Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel aufgehängt, zeigten eine Frau, die vor eine gerade abfahrende Straßenbahn läuft. Solch ein Verhalten sei falsch, signalisierte der Text. Die Straßenbahn habe nämlich in dem Fall Vorrang. Das Wort "Immer" war unterstrichen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2015
Dokument erstellt am 2012-11-17 17:34:49
Letzte ─nderung am 2012-11-19 15:24:02



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