• vom 12.01.2017, 11:00 Uhr

Der Kritische Punkt

Update: 13.04.2017, 11:57 Uhr

Wintersport

Oft verfluchter Bindungsstab




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Von Matthias Winterer

  • 376 Tage nach seinem letzten Wettkampf wagt Gregor Schlierenzauer ein Comeback. Porträt des einstigen Genies.

Schlierenzauers erste Skisflüge bescherten ihm 2008 auf Anhieb den Weltmeistertitel auf der Heini-Klopfer-Skiflugschanze. Bis heute hat er 14 Flugbewerbe gewonnen. So viele, wie sonst keiner.

Schlierenzauers erste Skisflüge bescherten ihm 2008 auf Anhieb den Weltmeistertitel auf der Heini-Klopfer-Skiflugschanze. Bis heute hat er 14 Flugbewerbe gewonnen. So viele, wie sonst keiner.
© APA / Barbara Gindl
Schlierenzauers erste Skisflüge bescherten ihm 2008 auf Anhieb den Weltmeistertitel auf der Heini-Klopfer-Skiflugschanze. Bis heute hat er 14 Flugbewerbe gewonnen. So viele, wie sonst keiner.
© APA / Barbara Gindl

"Um Gottes willen", brüllt Armin Kogler ins Mikrofon. Der Skisprungexperte des ORF ist merklich besorgt. Kein Wunder, als ehemaliger Weltcupsieger erkennt er sofort, dass dieser Sprung zu weit gehen muss. Gregor Schlierenzauer segelt mit viel zu hohem Luftstand in den Radius des Lysgårds-Bakken im norwegischen Lillehammer. Sichtlich panisch versucht er den Sprung abzubrechen, um früher – und halbwegs sicher – zu landen. Der Landedruck im flachen Teil des Aufsprungs zwingt ihn trotzdem zum Sturz. Nach 150,5 Metern Luftfahrt strauchelt Schlierenzauer in den pickelharten Schnee. Konkurrenz und Experten sind geschockt, an diesem 5. Dezember 2009. Er sprang zwölf Meter über die Hillsize, jenen Punkt einer Skisprungschanze, ab dem das Gefälle des Hügels so flach wird, dass die Jury verkürzen muss, sobald er übersprungen wird. "Diesen Sprung kannst du nicht stehen", schreit Kogler.

Drei Jahre zuvor war Schlierenzauers Stern genau hier aufgegangen. In der Saison 2006/2007 gewann der 16-jährige Sportler aus Fulpmes in Tirol in Lillehammer sein erst drittes Weltcupspringen. Trainer und Betreuer aller Nationen erkannten sofort das Talent. Absprung und Flugphase seiner Sprünge wurden ehrfürchtig besprochen. In so manchen Aufwärmräumen und Wartehäuschen wurde er tuschelnd mit der Legende Matti Nykänen verglichen. Der damalige Cheftrainer der Schweizer, Werner Schuster, sagte in einem Interview: "Wenn alle immer die gleichen Bedingungen und das gleiche Material haben, gewinnt immer Gregor Schlierenzauer." Kurz, die Fachwelt des Sprungsport war sich einig: Hier kommt einer, der nur ganz schwer zu schlagen sein wird.

Erwartungen erfüllt

Und Schlierenzauer erfüllte alle Erwartungen. Vielleicht liegt auch genau hier das Besondere am Phänomen Schlierenzauer. Zu oft wurde Skispringern eine große Karriere beschienen, zu oft konnten sie dem Druck nicht standhalten. Doch Schlierenzauer begann fortan zu gewinnen. 2008 holte er bei seinem ersten Skiflugbewerb den Weltmeistertitel als jüngster Springer aller Zeiten. In derselben Saison – es war seine erste zur Gänze gesprungene - wurde er auf Anhieb Gesamtweltcup-Zweiter. Nur der Österreicher Thomas Morgenstern sollte vor ihm liegen – noch.

Denn schon ein Jahr später hatte Schlierenzauer sowohl Sprung-, als auch Flugweltcup in der Tasche. Es wurde ein Winter der Superlative. Am 10. Jänner 2009 verbesserte er den Schanzenrekord von Sven Hannawald auf dem Kulm, der größten Naturschanze der Welt, auf unglaubliche 215,5 Meter. In Lillehammer musste er bei 150,5 Metern stürzen. Am 25. Jänner 2009 gewann er das Springen auf der Olympiaschanze in Vancouver mit Rekordweite. Wie weit der Sprung genau war, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, denn Schlierenzauer sprang über den Bereich der Videoweitenmessung.

Beim Teamfliegen in Vikkersund landete der Tiroler fast schon im Auslauf und stürzte. In wütender Reaktion dreht er sich zum Sprungrichterturm, mit dem Zeigefinger auf den Helm klopfend. Es war eins schwierige Zeit für die Organisatoren der Sprungbewerbe. War die Anlauflänge für das restliche Feld der Topspringer meist am untersten Limit, flog Schlierenzauer immer noch viel zu weit. Insgesamt erreichte er im Weltcup 2008/2009 den damaligen Rekord von 2.083 Punkten aus 27 Springen, von den er 13 gewann.

Der findige Schweizer

Er war auf einer Welle des Erfolgs, so nichts und niemand schien ihn stoppen zu können. Lechzend blickte er auf den kommenden Winter mit Saisonhöhepunkt Olympische Spiele in Vancouver. Doch dann kam alles anders als geplant. Eine technische Neuerung brachte Schlierenzauers Motor ins Stottern. Der findige Schweizer Simon Ammann überraschte am Vorabend der Spiele in Klingenthal mit einer neuen Bindung. Ein gebogener Bindungszapfen ermöglichte es dem Schweizer, die Ski nach dem Absprung flacher zu führen und somit schneller in die ideale Flugposition zu gelangen. Eine Bewegung, die nur ein Bruchteil einer Sekunde dauert, die beim Skisprung aber darüber entscheidet, ob ein Springer auf dem Vorbau oder unten im Flachen landet. Schlierenzauers Gabe, diesen Bewegungsablauf schneller als alle anderen zu vollführen, war plötzlich kein Vorteil mehr.

Ammann sollte die nächsten sieben Springen, inklusive beider olympischen Bewerbe, für sich entscheiden. Der Sprungsport erlebte die größte Evolution seit der Einführung des V-Stils. In der folgenden Saison stellte nahezu das komplette Starterfeld auf das revolutionäre Bindungssystem um. Nicht so Gregor Schlierenzauer. Er beharrte auf seiner alten Ausrüstung und gewann ein ganzes Jahr kein einziges Springen.

Natürlich konnte Schlierenzauer auch nach diesem denkwürdigen Winter weiterhin Erfolge feiern, von denen Springerkollegen nur träumen. So gewann er weitere 20 Bewerbe, kürte sich zum erfolgreichsten Springer der Weltcupgeschichte, holte zwei Vierschanzentournee-Siege hintereinander und 2011 am Holmenkollen in Oslo den Titel des Skisprungweltmeisters. Doch seine Dominanz ist seither gebrochen. Ein Bindungsstab degradierte das Genie zum Topspringer.

Im Jammertal der Sinnkrise

Seit Winter 2015 springt nun selbst Schlierenzauer mit dem oft verfluchten Bindungsstab. Gewonnen hat er seither noch nichts. Ganz im Gegenteil. Nach einem komplett verpatzten Saisonauftakt stellte Schlierenzauer seine Sprungski für unbestimmte Zeit in die Ecke. Ein 31. Platz beim Tourneespringen auf seiner Haus- und Hofschanze in Innsbruck hatte schlussendlich den Ausschlag gegeben. Nach acht höchst erfolgreichen Jahren fühlte er sich ausgebrannt, wie er heute sagt. "Ich vor einer schwarzen Wand gesessen und habe nimmer gewusst, was ich tun soll. Wer bin ich, was will ich, was kann ich, was gibt mir am Ende des Tages Energie?"

Im April riss er sich beim Skifahren in Kanada auch noch das Kreuzband. Ein Comeback schien ungewiss. Schlierenzauer hatte schließlich alles erreicht, so viele Springen wie sonst niemand gewonnen. Bei dieser Bilanz ist es nur allzu verständlich, irgendwann die Motivation zu verlieren.

Doch nun ist er wieder da. Vielleicht um sich selbst zu beweisen, auch mit dem Bindungsstab gewinnen zu können. Zuzutrauen ist Schlierenzauer alles. Gespannt blickt die Sprungwelt auf den ersten Weltcupsprung des einstigen Genies nach 376 Tagen.

(Eine erste Version dieses Textes erschien am 26. Dezember 2015)




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-12-09 15:12:19
Letzte ─nderung am 2017-04-13 11:57:15













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