• vom 29.12.2016, 14:04 Uhr

Der Kritische Punkt

Update: 29.12.2016, 15:44 Uhr

Wintersport

Der frühe Vogel fängt den Wurm




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Von Matthias Winterer

  • Domen Prevc dominierte die bisherige Saison der Skispringer. Sein rücksichtsloser Absprung erinnert an einen anderen Großen des Sports: an Matti Nykänen.

Flach wie Papier: In wenigen Zehntelsekunden hebelt sich Domen Prevc von der Anfahrtshocke in eine radikale Flugposition. - © APA / EXPA, Rafal Rusek

Flach wie Papier: In wenigen Zehntelsekunden hebelt sich Domen Prevc von der Anfahrtshocke in eine radikale Flugposition. © APA / EXPA, Rafal Rusek

Mutig hebelt sich der milchgesichtige Slowene aus tiefer Hocke waagrecht in die Luft. Rücksichtslos schießt der grün-schwarze Helm zwischen die Spitzen der Skier. Wie ein Blatt Papier segelt er mit breiter, fast paralleler Skiführung in den Radius der Schanze. Bei 142,5 Metern setzen die Skier mit einem lauten Knall auf. Fünf Meter weiter als die Besten des restlichen Feldes. Die Zuschauer jubeln auf den Tribünen der Lysgårds-Schanze im norwegischen Lillehammer.

Der 17-jährige Domen Prevc dominierte die bisherige Saison der Skispringer. Von fünf Wettbewerben gewann er drei. Sind die Bedingungen halbwegs fair, wird er auch in den kommenden Konkurrenzen nur schwer zu besiegen sein. Denn vor allem sein Absprung macht Prevc so stark.

Die Kunst eines guten Sprungs liegt genau hier. Im Absprung entscheidet sich, ob der Athlet die Schanze ausspringt oder oben am Vorbau landet. Um die prevce Absprungtechnik zu verstehen, muss kurz die Theorie erläutert werden.

Waagrecht ins Nichts

Der Absprung ist jener Teil des Skisprungs, in der der Springer seinen Körper von der Anfahrtshocke in die Flugposition katapultiert. Und das sollte er möglichst schnell tun. Je schneller der Absprung, desto weiter der Sprung. Klingt einfacher, als es ist.

Denn der Absprung ist ein höchst komplexer Bewegungsablauf. In etwa drei Zehntelsekunden - in denen ungefähr sechs Meter zurückgelegt werden – muss der Springer die Beine durchstrecken, die Anlaufspur verlassen, die ideale Stellung der Skier finden, den Körper über diese positionieren. Das alles soll möglichst instinktiv vollzogen werden - und widerspricht dennoch jeglichem menschlichen Instinkt. Mit 90 Stundenkilometer waagrecht ins Nichts zu springen, liegt keinesfalls in der Natur des Menschen.

Doch genau dieser beunruhigenden Vorwärts-Bewegung kommt wesentliche Bedeutung zu.

Springt der Athlet zu senkrecht – also zu vertikal – ab, erreicht er nach dem Schanzentisch zwar einen hohen Luftstand, verliert jedoch gegen Ende des Sprungs zu viel Geschwindigkeit. Seine aufrechte Körperhaltung beim Absprung bietet dem Gegenwind zu viel Angriffsfläche und bremste ihn. In etwa so, als würde man auf der Autobahn die flache Hand aus dem Fester strecken. Das andere Extrem ist der zu waagrechte Sprung. Hier ist es genau umgekehrt. Der Springer schneidet die Luft, nimmt viel Geschwindigkeit mit, hat jedoch zu wenig Höhe, um weit zu springen. Die Flugkurve ist zu flach.

Domen Prevc springt permanent zu flach ab. Dennoch springt er weit – entgegen der Physik des Sports. Zumindest auf den ersten Blick.

Früh aber nicht zu früh

Was Prevc macht, erinnert an einen anderen Großen des Sports: An niemand geringeren als Matti Nykänen. Als dieser Mitte der 1980er-Jahre die Skisprungszene dominierte, analysierten Sportwissenschaftler seinen Absprung. Dabei fiel auf, dass Nykänen immer zu früh absprang. Und genau das tut Prevc heute auch.

Wobei das "zu" in der Formulierung eigentlich nicht stimmt. Wenn Andreas Goldberger im Fernsehen, "zu frühe" Absprünge kommentiert, meint er, dass der Oberkörper zu früh über den Schanzentisch hinausschießt, die Skier aber noch nicht in der richtigen Position sind. Das System Körper-Ski bildet dadurch keine Einheit mehr. Prevc springt aber einfach früher ab, ohne das System aus dem Gleichgewicht zu bringen. Am Ende des Schanzentisches, wo man in der Regel abspringt, ist Prevc bereits in der idealen Flugposition – früher als seine Konkurrenten. Prevc ist also schneller mit der Absprungbewegung fertig, beschleunigt dadurch und kann auch mit flacher Flugkurve weit springen.

Dies erfordert Mut. Und den scheint Prevc zweifellos zu haben. Genauso wie einst sein älterer Bruder Peter. Er gewann den vergangenen Weltcup mit einem ähnlichen Sprungstil mühelos. Seit dem Sturz im finnischen Rukka scheint sein Vertrauen in den Sprung allerdings ein wenig zu wanken. Er springt nicht mehr ganz so aggressiv. Doch kommt Zeit kommt Mut. Findet Peter Prevc wieder zur alten Selbstverständlichkeit, darf man sich bei der Vierschanzentournee auf ein Duell zwischen Brüdern freuen. Oder gar auf ein Triell? In Engelberg werden erstmal alle drei Prevc-Brüder an den Start gehen. Man darf gespannt sein wie Cene Prevc abspringt.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-15 14:06:37
Letzte nderung am 2016-12-29 15:44:09













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