• vom 30.11.2017, 08:00 Uhr

Der Kritische Punkt

Update: 30.11.2017, 08:50 Uhr

Skispringen

Über ein Jahrhundert ignoriert




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Von Matthias Winterer

  • Frauen spielten im Skisprung lange keine Rolle. Das ändert sich endlich, wenn auch langsam. Ein Blick auf die bevorstehende Saison.

Sie ist die unangefochtene Königin der Skisprung-Szene. Sara Takanashi hat in ihrer kurzen Karriere bereits 53 Weltcup-Springen gewonnen.

Sie ist die unangefochtene Königin der Skisprung-Szene. Sara Takanashi hat in ihrer kurzen Karriere bereits 53 Weltcup-Springen gewonnen.© APAweb / Georg Hochmuth Sie ist die unangefochtene Königin der Skisprung-Szene. Sara Takanashi hat in ihrer kurzen Karriere bereits 53 Weltcup-Springen gewonnen.© APAweb / Georg Hochmuth

Skisprung hat lange Tradition. Die erste Nachricht über ein Skispringen stammt aus dem Jahr 1796. Es soll als Teil einer Militärübung norwegischer Soldaten ausgetragen worden sein. Hundert Jahre später – gegen Ende des 19. Jahrhunderts - setzte sich der Skisprung in Europa als eigene Sportart durch. Doch der Rückblick auf die Geschichte des Sports wird von einem höchst fragwürdigen Aspekt überschattet.

Über all die Jahre spielten Frauen keine Rolle. Kaum zu fassen aber sie dürfen erst seit 2014 bei Olympischen Spielen mitspringen. Ihr erster Weltcup wurde in der Saison 2011/2012 ausgetragen. Davor waren sie nicht präsent. Skiverbände und Medien pfiffen über Jahrhunderte auf Frauen. Um auch vor der eigenen Tür zu kehren, muss an dieser Stelle eingestanden werden, dass sie auch in diesem Blog bisher keine Erwähnung fanden.

Dabei waren sie schon immer da. Gegen Ende des 19. Jahrhundert sprangen erste Frauen über Schanzen. Seither tauchten sie immer wieder in der vermeintlichen Männerdomäne auf. Trotz starker Sprünge, landeten sie jedoch nie im Rampenlicht. Zu patriarchal waren die Strukturen der Szene. Warum das so ist und welche Pionierinnen des Sports den steinigen Weg vor die Fernsehkameras bereiteten, wird schon bald an dieser Stelle zu lesen sein.

Eine klare Favoritin

Doch nun zurück in die Gegenwart. Am 2. Dezember startet der Weltcup der Skispringerinnen zum erst siebten Mal. In den vergangenen sechs Saisonen tat sich vor allem eine Springerin hervor – Sara Takanashi. Die 21-jährige Japanerin gewann die Gesamtwertung gleich vier Mal. Dabei siegte sie in unglaublichen 53 Einzelbewerben. In der Saison 2013/2014 gewann Takanashi 15 der 18 Bewerbe, in der Saison 2015/2016 14 der 17 Bewerbe. In diesen Traumjahren war sie insgesamt nur einmal nicht am Podest.

Nur in der Saison dazwischen enttäuschte Takanashi. Wobei der Terminus "Enttäuschung" einzig im Vergleich mit ihren sonst so herausragenden Leistungen Gültigkeit hat. Denn im Weltcupwinter 2014/2015 belegte Takanashi "nur" den zweiten Platz in der Gesamtwertung. Eine Österreicherin hatte ihr kurzfristig den Rang abgelaufen.

Nämlich Daniela Iraschko-Stolz - eine Visionärin des Sprungsports. Sie ist eine jener Frauen, die ihn dorthin brachten, wo er jetzt ist. Die 33-Jährige begann bereits Mitte der 1990er-Jahre zu springen. Iraschko-Stolz dürfte die erste Frau gewesen sein, die die 200-Meter-Marke knackte. Am steirischen Kulm segelte sie 2003 als Vorspringerin der Männer in die Nähe der Marke. Da die Weitenmessung nicht aktiv war, wird der Sprung jedoch nicht als Weltrekord gewertet. Iraschko-Stolz ist Weltmeisterin, gewann den Gesamtweltcup, die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Sotschi.

Eine prekäre Situation

Ob sie in der kommenden Saison wieder zum Angriff auf den Titel blasen kann, ist jedoch höchst ungewiss. Die vielen weiten Sprünge in die Radien der Schanzen haben ihren Tribut gezollt. Iraschko-Stolz plagt seit Jahren ihr rechtes Knie. Anfang November wurde es zum bereits sechsten Mal operiert. An Skispringen kann sie frühestens in Wochen wieder denken. Beim Weltcupauftakt im norwegischen Lillehammer wird sie jedenfalls nicht mit dabei sein.

Bleibt noch Sarah Hendrickson. Die 23-jährige US-Amerikanerin ist die dritte im Bunde der Weltcup-Gesamtsiegerinnen. Ihr gelang der Triumph in der Premieren-Saison 2011/2012 als erste. Seither springt sie an der Weltspitze mit. Allerdings liegt ihr bisher letzter Sieg bereits fünf Jahre zurück. Im Vorjahr wurde sie achte im Weltcup. Zu wenig für den amerikanischen Skiverband, der ihr kurzerhand die Finanzierung strich. Hendrickson will trotzdem alle Springen der Saison bestreiten. Sie finanziert sich Unterkünfte, Anreise und Equipment einfach selbst. Eine prekäre Situation für eine der besten Springerinnen der Welt. Ein trauriges Beispiel für den Stellenwert des Frauen-Skisprungs.

In die Pause des Herren-Springens gepfercht

Den Sommer-Grand-Prix dominierte heuer Takanashi - wer sonst. Damit ist sie auch im Winter haushohe Favoritin. Im deutschen Hinterzarten und japanischen Yamagata warten auf die Springerinnen die ersten Teambewerbe in der Geschichte des Frauen-Skisprungs. Mit dem sogenannten Lillehammer-Triple steht erstmals eine extra dotierte Springer-Tournee auf dem Weltcup-Kalender.

Die Anzahl der Saison-Wettkämpfe liegt mit 17 Stück weit hinter den Männern. Auch medial bekommen sie vergleichsweise kaum Aufmerksamkeit. In den vergangenen Jahren begnügte sich der ORF oft damit, in der Pause des Männer-Springens eine Zusammenfassung der Frauen zu zeigen. Dabei hätte der Sport so einiges gutzumachen. In seiner langen Geschichte wurden Frauen beinhart ignoriert. Die Zukunft soll anders werden.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-29 12:47:44
Letzte nderung am 2017-11-30 08:50:09













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