
Letzthin hatte ich Streit mit meinem alten Schulfreund C.. Der Aufruf im "Wiener Zeitung"- Fahrrad-Blog Freitritt, sich für mehr Sicherheit für Radler einzusetzen, hatte ihn verärgert. C., der in Gablitz lebt und Autos liebt, erblickte im Rad-Manifest offenbar eine Kränkung. Denn: "Die idiotischen Amateurradfahrer in ihren bunten Dressen sind nicht nur dämlich, weil Abgase inhalieren kein Sport ist", schrieb er mir auf Facebook, sondern auch ein echtes Verkehrsärgernis. Jetzt wo es warm werde, "nudeln die da auf den Straßen herum", Lkw oder Busse könnten nicht überholen. Sein Schluss: "Nicht bös sein, liebe Radfahrer, aber so viel Blödheit wird halt leider manchmal mit einem Unfall bestraft."
Dass Radfahrer aufgrund ihrer Langsamkeit selbst schuld sind, wenn sie überfahren werden, ist als Argument ähnlich überzeugend wie jenes, dass Frauen in kurzen Röcken die Schuld am Vergewaltigt-Werden tragen. Interessant war die Auseinandersetzung mit C. allemal, höre ich doch Gedanken wie seine selten. Für die meisten meiner Freunde gehört nicht das Auto, sondern das Fahrrad zum Lebensstil.
C.s Attitüde wiederum entspricht der Speckgürtel-Logik an den Stadträndern. Der Logik einer Wohnform, die nur dank des Autos möglich wurde, und die motorisierte Mobilität heute als Menschenrecht betrachtet. Ihr eignet ein Bedürfnis nach gesundem Leben nahe am Grün - bei gleichzeitiger Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass das Leben außerhalb der Stadt in der Regel weit energieaufwändiger und umweltschädlicher ist als im verdichteten Ballungsraum.
Zahlreiche Stadtplaner haben sich mit den problematischen Folgen der Zersiedelung befasst, die durch Maßnahmen wie Pendlerpauschale, Wohnbauförderung und Schnellstraßenbau gestützt wird. Zuletzt plädierte der Harvard-Ökonom Edward Glaeser in seinem Buch "Triumph of the City" dafür, Politik, die ein derartiges Auto-basiertes Leben fördert, zu stoppen. "Statt in die Breite sollten Städte in den Himmel wachsen", schlägt Glaeser vor und rät zu liberaleren Bauvorschriften, zu hohen Steuern auf Benzin und City Maut. "Menschen, die in der Vorstadt leben wollen, sollen dies tun", schreibt er: "Aber sie sollten die wahren Kosten dafür tragen".
Apropos Kosten: Allen, die glauben, sie seien mit dem Auto schneller, sei der in den 1970er-Jahren bekannt gewordene Verkehrsphilosoph Ivan Illich ans Herz gelegt. Illich rechnete in die Durchschnittsgeschwindigkeit eines Pkw auch die für die Finanzierung und Erhaltung nötige Arbeitszeit sowie externe Kosten mit ein und kam so auf weniger als 20 km/h. Unter dieser Prämisse dauert eine Fahrt von Gablitz in die Innenstadt ganz schön lange. Auch ohne ein Rudel "idiotischer Radfahrer" auf der B1.
Matthias Bernold, geb. 1975, lebt als Journalist in Wien.
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