• vom 25.06.2012, 14:53 Uhr

Freitritt

Update: 25.06.2012, 15:24 Uhr

Fahrrad

Radboten-Roman: Interview mit Autor Bert van Radau




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Von Matthias Bernold


    Bert van Radau hat mit "Blech" eine Abrechnung mit dem Auto verfasst.  Die Protagonisten seines Romans – eine Gruppe Fahrradboten aus Köln – lehnen jede Fortbewegung mittels fossiler Energien ab. Denkt der Autor da genauso? (Rezension des Buches: hier)

    Freitritt: Bert, Du hast gerade dein Buch Blech veröffentlicht. Wie viel hast du mit deinem Charakter Heinz gemeinsam?

    Bert van Radau: Er ist mein Alter Ego. Ich bin selbst  passionierter Fahrradfahrer, versuche im Beißer’schen Sinne zumindest auf 50 Prozent gute Kilometer zu kommen. Auf das Auto oder ganz auf das Fliegen zu verzichten, ist natürlich nicht leicht. Speziell für längere Strecken. Das dannn durch Fahrradfahren und Laufen wieder rauszuholen, um auf 50 Prozent anständige Bewegung zu kommen, ist eine Herausforderung.

    Das heißt, du bist selbst manchmal mit dem Auto unterwegs?

    Ja. Ich muss gestehen, ich habe sogar eines. Auch wenn ich nicht viel damit fahre. Ich habe meinen Arbeitsort bewusst in die Nähe meines Wohnortes verlegt, so dass ich das Auto nur noch für größere Einkäufe und Familienfahrten nutzen muss. Ich bin auch relativ viel mit dem öffentlichen Verkehr und der Bahn unterwegs.

    Heinz, dein Protagonist ist Fahrradbote: Was ist dein Brotberuf, und wie ist denn dein Nahverhältnis zu den Radkurieren?

    Ich arbeite als Psychologe. Bei den Fahrradboten habe ich rein geschnuppert und ein paar Probetage mitgemacht

    Du schreibst unter Pseudonym. Warum eigentlich?

    Ich denke, dass ich da mein Alter Ego am besten ausleben kann. Blech ist ja teilweise ein radikales Buch, das missverstanden werden kann. Unter einem Pseudonym kann man freier schreiben.

    Hast du Angst vor Repressalien durch Autofahrer?

    Angst eigentlich nicht. Aber Fahrradfahren und mehr Raum für Radfahrer zu fordern, ist ein kontroverses Thema. Ich schreibe ja auch einen Blog, hie und da gibt es Stimmen, die sehr kritisch sind. In den Medien wird ja gerne ein Kampf zwischen Radfahrern und Autolenkern herbeigeschrieben. Stichwort "Kampfradler". Obwohl es

    eigentlich eine selbstverständliche Folge des Mehr an Radfahrern ist, dass es auch mehr Reibereien gibt. Radler treten heute eben selbstbewusster auf. Und das ist gut so.

    In den Städten der Industrienationen wächst der Anteil der mit dem Fahrrad zurück gelegten Wege. Da müsstest du doch eigentlich zufrieden sein, oder?

    Auf jeden Fall. Das ist voll auf Beißer- und Veloruzzerlinie (Mit Beißer - abgeleitet vom englischen Wort für Fahrrad Bicycle bezeichnen van Radaus Protagonisten jene, die auf Kfz verzichten. Anm.). Das ist der Weg der Zukunft, den man gehen muss, wie sich auch anhand von Dänemark und Holland zeigt. In vielen Städten, etwa auch in Köln oder Düsseldorf, läuft leider immer noch einiges völlig verkehrt. Ich sage nur: Laternenmasten auf Fahrradwegen. Wer bitte käme auf die Idee, einen Laternenmast in die Fahrbahnmitte zu setzen? Bei Radfahrern

    denkt man sich offenbar: die schaffen das schon irgendwie.

    Das kennen wir auch in Wien...

    Ich glaube, die mangelhafte Radinfrastruktur sorgt sehr oft für Konfrontationen. Sieht man sich manche Lösungen an, darf es niemanden wundern, wenn sich die Radfahrer zur Wehr

    setzen und auf Straßen ausweichen. Häufig beruhen Streitigkeiten auf Unkenntnis, sowohl auf Seiten der Rad- wie auch der Autofahrer.

    Hat es für dich einen Schlüsselmoment gegeben, der dich veranlasst hat, das Buch zu schreiben?

    Es ist mehr ein Prozess als ein einziger Moment. Ich bin immer mehr reingewachsen. Entstanden ist das ganze auch aus einem klimapolitischen Ansatz, sozusagen einem Weltrettungsansatz.  Das

    Fahrrad ist das ökologischste Fortbewegungsmittel. Natürlich kann
    Radfahren alleine nicht die Welt retten, aber man wäre wenigstens schon mal richtig unterwegs.

    Dein Held Heinz ärgert sich maßlos über rücksichtlose Autofahrer, freilaufende Hunde undRadwegverparker. Geht es dir genauso?

    Natürlich ärgere ich mich. Aber ich glaube, das dümmste, was wir Radfahrer machen können, wäre, recht aggressiv aufzutreten. Das heißt jetzt nicht, dass man sich alles gefallen lassen muss. Ich fahre schon sehr sportlich in der Stadt und nehme mir den Raum, den ich brauche. Selbstbewusst, aber nicht aggressiv, das ist – glaube ich –

    der richtige Weg.

    Heinz lässt in Blech seinem Ärger deutlich entschiedener seinen Lauf. Der schrammt mit seinen Schlüsselbund schon einmal über Autolack, kickt Hunde aus dem Weg und einem Cabriofahrer spritzt er Bier ins Gesicht. Hast du dir ein bisschen Zorn von der Leber geschrieben?

    Sicher. Heinz hat mehr Freiheit, sich auszuleben als ich mir zugestehe. Einige Momente sind aus dem Leben gegriffen, andere sind komplett fiktiv.

    Beschreib doch einmal deine Utopie, wie Städte in Zukunft aussehen sollen?

    Ich denke, wir müssen die Straßen in den Städten für die Bürgerinnen, für die Fußgänger und die Radfahrenden zurückerobern. Das gelingt nur, wenn wir den Autoverkehr deutlich reduzieren. Straßen müssen freier werden. So verstopft wie die Straßen sind, macht doch auch Autofahren keinen Spaß mehr. Wir müssen die Autos zugunsten der Fahrräder und die Zahl der Auto-Pendler reduzieren, wir brauchen flächendeckend 30 Km/h-Zonen, um den Verkehr in den Wohnbereichen langsamer

    zu machen. Autos sind o.k. für weite Strecken, bei Überlandfahrten, dort, wo  ich anders nicht hinkomme. Mir gefällt auch das Modell von Schnellradwegen, ohne Ampeln oder mit auf Radfahrer abgestimmten Grünphasen. So wie das derzeit  in vielen Städten läuft, ist das doch ein  klassischer Albtraum für Fahrradfahrer. Da wird man für seine anständige Bewegung bestraft.

    Was willst du mit deinem Buch erreichen?

    Ich denke, eine der Grundfragen des Buches ist jene, ob es verrückt ist, was die Beißer und Veloruzzer machen oder ob wir nicht alle mit unserem Mobilitätsverhalten ziemlich daneben liegen. Ist nur der, der mit einem Schlüsselbund nach Autos wirft, ein Spinner? Oder gibt es etwas in seinem Verhalten, für das man Verständnis haben kann? Das

    Ganze soll jetzt aber nicht total bedeutungsschwer daherkommen. Der
    Leser soll zuerst mal gut unterhalten werden und wenn er dann am Schluss noch denkt, Radfahren ist cool, müsste ich mal wieder öfter machen, umso besser.

    Danke für das Gespräch




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2012-06-25 14:55:28
    Letzte Änderung am 2012-06-25 15:24:48



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