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Update: 25.01.2013, 13:48 Uhr

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Bunte Räder mit Seele




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Von Matthias Bernold

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Sieht schneidig aus: Ein Fahrrad mit Farbkonzept. Foto: Bernold

Sieht schneidig aus: Ein Fahrrad mit Farbkonzept. Foto: Bernold

In dieser Wohnküche wird primär weder gewohnt, noch gekocht. Sondern geschraubt. Ein Fahrrad-Rahmen in Weiß hängt in einer Monatagehalterung in der Mitte des Zimmers, daneben liegen Kästen mit Werkzeug und Komponenten. Ein Dutzend halb fertige Räder lehnen in der Ecke. Rahmen, Bremsen, Naben, Felgen, Ketten, ja sogar die Speichen leuchten in den wildesten Farben. Eine psychedelische Farbenkammer mitten in der Leopoldstadt.

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"Was in Wien als Citybike verkauft wird, ist meistens unauffällig und grau", sagt Marcin Dopieralski, "dabei ist Radfahren etwas, das extrem viel Freude bereitet. Ich finde, das Rad soll diese Freude verkörpern ".

Seit fünfzehn Jahren montiert der Absolvent der Bildhauerei-Klasse an der Universität für Angewandte Künste in Wien in seiner Wohnung Fahrräder. Sogar aus Holz-, Harz und Bambusteilen hat der 33-Jährige schon Gefährte konstruiert. Bisher bloß aus Zeitvertreib. Jetzt formen restaurierte Stahl-Rahmen, moderne Komponenten und ein künstlerisches Farbkonzept eine Geschäftsidee.

Marcin in seiner Wohnküchenwerkstatt in Wien 2. Foto: Bernold

Marcin in seiner Wohnküchenwerkstatt in Wien 2. Foto: Bernold Marcin in seiner Wohnküchenwerkstatt in Wien 2. Foto: Bernold

Die Inspiration dafür kam zu Marcin letzten Winter in Gestalt seiner Bekannten Verena. Die vermochte nämlich kein Rad zu finden, das ihr gefiel, und sie wusste um Marcels Leidenschaft für stählerne Rösser. "Klassisch sollte es sein, und elegant und ,mädchenhaft’ in rosa und weiß gehalten und schnell", erinnert sich Marcin: "Ich habe zu ihr gesagt: Du kannst so ein Fahrrad nirgends kaufen. Aber vielleicht kann ich dir eines bauen".

Marcin trieb einen alten Mixte-Rahmen auf, reinigte und lackierte ihn, tauschte, was zu tauschen war und irgendwann stand es da, das alte neue Rad. Verena war glücklich. Marcin war stolz. Und auf der Straße erkundigten sich andauernd Leute, woher Verena schicker Flitzer stamme.

Schicke Farben in Marcins Wohnküchenwerkstatt Foto: Bernold

Schicke Farben in Marcins Wohnküchenwerkstatt Foto: Bernold Schicke Farben in Marcins Wohnküchenwerkstatt Foto: Bernold

Das Interesse bestärkte Marcin. Er löst einen Gewerbeschein und begann sich nach geeigneten Teilen umzusehen. Wie für Verenas Prototypen verwendet er auch für die späteren Modelle klassische alte Rahmen aus Stahl, die nicht nur – wie er sagt –"wahnsinnig viel aushalten", sondern auch "eine Seele haben". Über das Internet kauft er die Rahmen in Deutschland, Österreich und Osteuropa ein, kontrolliert sie auf Dellen oder Risse und klärt die Rahmennummern mit der Polizei ab, um nicht an Hehlerware zu geraten. An der Technischen Universität in Krakau lässt er die Rahmen mit Sandstrahl reinigen und den Altlack entfernen. Dank Pulverbeschichtung erstrahlen die Teile bald in neuer Farbenpracht.

Modell Agresia. Foto: http://biq-shop.com/

Modell Agresia. Foto: http://biq-shop.com/ Modell Agresia. Foto: http://biq-shop.com/

Zurück in Wien versieht Marcin die Rahmen mit Sattelstützen, Felgen und allen sonstigen Komponenten. Farblich abgestimmt und zur Bauart der Rahmen passend. "Alte Gabeln aus den 1970er- und 1980er-Jahren erlauben nicht jede beliebige Art Bremsen und Schaltsätze", erklärt er. Jedes Fahrrad ist ein Einzelstück und kostet ab 900 Euro aufwärts. "Die Farben können sich meine Kunden aussuchen", sagt Marcin, "im Endeffekt ist alles möglich".

Rund 20.000 Euro hat Marcin bisher in seinen Fuhrpark investiert. Derzeit sind im Grazer Mobilitätszentrum zwei Modelle – Agresia und Vagant – ausgestellt. Die komplette Kollektion kann man sich auf Marcins Web-Seite anschauen.

Modell Vagant. Foto: http://biq-shop.com/

Modell Vagant. Foto: http://biq-shop.com/ Modell Vagant. Foto: http://biq-shop.com/

Im Frühling, hofft Marcin, könnten seine "Räder mit Seele" bereits das Stadtbild bereichern. Für ihn selbst hat sich sein Engagement schon jetzt ausgezahlt. Und zwar in einem ganz anderen Lebensbereich. Seine erste Kundin Verena gewann nämlich nicht nur das rosaweiße Fahrrad lieb, sondern auch den Monteur: Seit Sommer vergangenen Jahres sind Marcin und Verena ein Paar...




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2013-01-20 09:09:03
Letzte Änderung am 2013-01-25 13:48:02


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