• vom 22.02.2013, 15:01 Uhr

Freitritt

Update: 22.02.2013, 15:40 Uhr

Fahrrad

"Haben die kritische Masse noch nicht erreicht"




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Von Matthias Bernold (Twitter @mgbernold)

  • Freitritt: Interview mit dem Mobilitätsexperten Andrew Nash

Andy Nash beim Interview im Café Nil. Foto: Bernold

Andy Nash beim Interview im Café Nil. Foto: Bernold Andy Nash beim Interview im Café Nil. Foto: Bernold

Der austro-amerikanische Mobilitätsexperte Andy Nash im Interview über sein neues Fahrradspiel "GrrGrr-Bike", die Fehler der Stadtplaner in Wien und das Potential von Social Media in der Verkehrspolitik.

Freitritt: Ihr erstes Spiel "Busmeister" war ein Simulator für den öffentlichen Verkehr. Das neue Spiel "Grr-Grr-Bikes" (derzeit ist die Testversion für Android-Phones downloadbar) kommt als kurzweiliges Geschicklichkeitsspielchen daher. Warum dieser Schwenk?

Andy Nash: Busmeister ist ein sehr komplexes Strategiespiel, für das man drei bis vier Stunden gebraucht hat, um es ganz durchzuspielen. Der Anspruch von Busmeister war, die Spieler mit den Zusammenhängen bei der Planung des öffentlichen Verkehrs vertraut zu machen. Frequenz der Busse, die Zahl der Stationen, Routenwahl haben Auswirkungen auf die Kosten und die Zufriedenheit der Fahrgäste. Zu diesem Zweck war es gut geeignet. Anderes hat weniger gut geklappt: Beim Abstimmen von Spielfreude und Realitätsnähe haben wir damals auf Realitätsnähe gesetzt. So hat es – leider - weniger Anhänger gefunden als erhofft.

Und das sollte bei GrrGrr-Bikes anders sein...

Genau. Diesmal steht der Spaß im Vordergrund. Es ist während der Fahrt in der Straßenbahn schnell auf dem SmartPhone spielbar. Aber damit endet es natürlich nicht: Einerseits stoßen die Spieler auf typische Probleme, die Radfahrer im täglichen Leben bewältigen müssen: Menschen, die ohne zu schauen die Autotüren aufreißen zum Beispiel. Andererseits zeigt das Spiel nach Ende eines jeden Levels Links zu lokalen Interessensvertretungen für Radfahrer.

Warum ist das so wichtig?

Die Fahrrad-Lobbys sind zwar nach innen gut organisiert und machen meistens sehr gute Arbeit. Viele Menschen, die Rad fahren oder gerne mehr Radfahren würden, sind aber nicht organisiert oder wissen gar nicht, dass es die Interessensgruppen gibt. Das Spiel bedeutet einen niederschwelligen Eintritt, um mehr über die Tätigkeit der Lobbys zu erfahren oder um sich einzubringen.

Sie haben für die Entwicklung 10.000 Euro vorgestreckt. Warum war Ihnen das Spiel so viel Geld wert?

Der Bereich Stadt- und Verkehrsplanung und wie sich die Öffentlichkeit da involvieren lässt, ist ja das Feld, in dem ich arbeite.  Natürlich sind 10.000 Euro eine Investition, aber es ist ein Testballon für neue Formen der Kommunikation. Ich hoffe jetzt, dass wir - das Spiel wird von der Wiener Software-Firma Platogo programmiert - noch einmal 10.000 Euro zusammen bekommen, um über die Testphase hinauszukommen. Mal sehen, wie viel das Crowdfunding bringt.

Als die Grünen vergangene Woche ihre Pläne für die Verlängerung des Radwegs am Getreidemarkt zwischen Lehargasse und Operngasse präsentiert haben, beschwerten sich nicht wie üblich die Autofahrer, sondern viele Radfahrer. Inzwischen haben die Grünen ihr Konzept zurück gezogen. Die gefährliche Strecke bleibt also - bis auf weiteres zumindest - ohne Lösung. Ist man da von Seiten der Politiker falsch vorgegangen?

Ich glaube, Verkehrsplanung funktioniert am besten unter Einbindung der Bevölkerung. Als erstes geht es darum, die entsprechenden Informationen zugänglich zu machen. Dann kann man verschiedenen Varianten vorstellen und deren Vor- und Nachteile zeigen. Schließlich geht es darum, die Leute Stellung nehmen und Ergänzungsvorschläge abgeben zu lassen. Man wird niemals alle zufrieden stellen können, aber es wird auf diese Weise möglich, zu besseren Lösungen zu kommen. Einfach weil es Sinn macht, die Leute einzubinden, die auf den Straßen täglich unterwegs sind. Diese Dinge kann eine Verwaltung heutzutage nicht mehr alleine entscheiden. Es ist die Sache der Bürger.

Wie sehen Sie die Bedeutung von Social Media in Fragen der Bürgerbeteiligung von Infrastrukturprojekten?

Ich komme aus dem Bereich der Bürgerinitiativen und bin dann Schritt für Schritt in den Bereich Stadtplanung hineingewachsen. Wir haben in San Franzisko Bürgerbeteiligungen abgewickelt, lange vor dem Internet und lange vor den heutigen technischen Möglichkeiten. Das hat damals gut funktioniert, obwohl alles auf Papier basierte und die Kommunikation mit den interessierten Bürgern sehr kompliziert war. Mit Social Media wird es wesentlich effizienter und besser. Es ist einfacher – zum Beispiel etwa mit Hilfe von Wikis – die Informationen bereit zu stellen und sie durch die Interessierten selbst erweitern zu lassen.

Wird Ihrer Meinung das Potential von Social Media bei der Verkehrsplanung ausgeschöpft?

Nein. Bei großen Unternehmen des Öffentlichen Verkehrs ist die herrschende Ansicht: Warum sollten wir eine Plattform schaffen, wo sich die Leute über uns beschweren können. Die Chancen die sich dadurch für die intensivere Beziehung zum Kunden ergeben, werden nur langsam wahrgenommen. Zwar unterhalten auch die Öffi-Betreiber Facebookseiten oder Twitter-Feeds. Aber anders als bei den großen erfolgreichen Konzernen dieser Welt, wissen sie noch nicht so recht, wie sie Social Media dazu benutzen können, um Loyalität ihrer Kunden zu steigern und ihr Service besser und attraktiver zu machen.

Denken, Sie dass die Mehrheit der Wiener für mehr Radinfrastruktur zu begeistern ist?

Viele Menschen fahren nur deshalb nicht mit dem Rad, weil sie es für zu gefährlich halten. Das war und ist in anderen Städten ähnlich. Ich glaube, die Politiker in vielen Städten haben bemerkt, dass die Leute gerne mit dem Rad fahren wollen – sei es weil sie umweltbewusst, gesund oder günstiger leben wollen und weil es ihnen ganz einfach Spaß macht.  In Bogata zum Beispiel hat die Stadt Parkplätze zugunsten von breiten Gehsteigen, Rad-Infrastruktur und Busspuren eingespart. Die Bevölkerung hat für den Erhalt und die Erweiterung dieser "greenways" gestimmt. Wir wissen heute aus der Erfahrung in vielen Städten: Das subjektive Sicherheitsgefühl ändert sich, je mehr Menschen mit dem Fahrrad unterwegs sind. Es gibt eine kritische Masse, sobald die erreicht ist, steigen die Menschen selbstverständlich auf das Fahrrad um. Diese kritische Masse ist in Wien noch nicht erreicht.

Warum wird in Wien um jede Maßnahme, die Verkehrssicherheit zu erhöhen oder die Straßen radfreundlicher zu machen, massiv gerungen?

Dieses Problem zeigt sich nicht nur in Wien, sondern überall. Städte lebenswerter, gesünder und grüner zu machen, ist heute kein technisches Problem mehr. Wir wissen wie das geht. Es gibt dafür zahlreiche Beispiele überall auf der Welt. New York hat sich in den vergangenen Jahren massiv verändert. Radwege, Busspuren und Fußgängerzonen – etwa am Times Square – wurden eingerichtet. Überall dort, wo das geschehen ist, profitieren auch die ansässigen Geschäfte. Es ist daher keine Frage von Wirtschaft vs. Lebensqualität, sondern eine der politischen Courage. Viele Politiker trauen sich nicht, gerade heraus die simple Frage zu stellen: Wollen wir, dass die Straßen den Menschen gehören oder den Autos? Sie haben Angst, die Wahrheit auszusprechen: Nämlich, dass es in Wien schlicht und ergreifend viel zu viele Autos gibt.

Schuld sind also feige Politiker?

Auch. Viele Politiker können sich gar nicht vorstellen, dass Menschen ihr Mobilitätsverhalten ändern können und ändern wollen. Was auch daran liegt, dass die Mehrheit der Personen in den verantwortlichen Gremien zwischen 43 und 55 ist, über ein gutes Einkommen verfügt, bürgerlich ausgerichtet und gut situiert: Sie sind die typische Zielgruppe für die Autoindustrie. Dass es Menschen gibt, die jünger sind, die vielleicht weniger Geld zur Verfügung haben oder andere Perspektiven, kommt vielen von ihnen gar nicht in den Sinn. Und noch etwas: Gruppen, die – so wie die Automobil-Industrie - wirtschaftliche Interessen verfolgen, sind in der Regel sehr gut organisiert. Besser als Radfahrer, Fußgänger oder auch Eltern, die es leid sind, dass vor ihrer Haustüre lebensbedrohliche Stadt-Autobahn vorbei führen.
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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-02-22 15:06:33
Letzte nderung am 2013-02-22 15:40:40



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