• vom 08.11.2013, 10:38 Uhr

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Update: 08.11.2013, 11:42 Uhr

Kampfradler

"Jaywalking", "Kampfradler": Wörter als Waffen




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Von Matthias Bernold

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Mit dem sprachlichen Kampf um die Vorherrschaft auf der Straße und abwertende Begrifflichkeiten wie "Kampfradler", "Rad-Rowdie" & Co beschäftigt sich dieser großartige Beitrag im deutschen Fahrrad-Blog "Alle Macht den Rädern", der von drei Soziologie-Studierenden in Berlin herausgegeben wird.  "Zwei Schlagworte markieren den Beginn und das Ende der Dominanz des Automobils", schreiben die Berliner: "Wurden mit dem Begriff des ‘Jaywalking’ die Straßen der Städte durch das Automobil erobert, erleben wir heute mit dem Begriff des ,Kampfradlers’ einen Verteidigungsreflex."

Wie im Bericht aufgezeigt, sah sich der Kraftverkehr in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunächst mit größter Missachtung konfrontiert: "Massenweise fielen ihm FußgängerInnen – zur Hälfte Kinder – zum Opfer, welche die Straßen in bisher gewohnter Weise nutzten." Mit Hilfe eines  von der Automobil-Lobby geschickt eingesetzten Begriffs - dem : Jaywalking - sollte die Verantwortung für Verletzte im Straßenverkehr von den Fahrzeug-Lenkern zu den Fußgängern verschoben werden.

Ein Anti-Jaywalking-Plakat aus den
1930er Jahren und die anonyme Plakataktion im Prenzlauer Berg in Berlin voriges Jahr: Sowohl der Begriff "Kampfradler" als auch "Jaywalker" dienen dazu, dem Auto die Herrschaft auf den Straßen zu sichern.

Ein Anti-Jaywalking-Plakat aus den
1930er Jahren und die anonyme Plakataktion im Prenzlauer Berg in Berlin voriges Jahr: Sowohl der Begriff "Kampfradler" als auch "Jaywalker" dienen dazu, dem Auto die Herrschaft auf den Straßen zu sichern.
© http://www.alle-macht-den-raedern.de/2013/06/vom-jaywalking-zum-kampfradeln/ Ein Anti-Jaywalking-Plakat aus den
1930er Jahren und die anonyme Plakataktion im Prenzlauer Berg in Berlin voriges Jahr: Sowohl der Begriff "Kampfradler" als auch "Jaywalker" dienen dazu, dem Auto die Herrschaft auf den Straßen zu sichern.
© http://www.alle-macht-den-raedern.de/2013/06/vom-jaywalking-zum-kampfradeln/

"‘Jay’ bedeutete umangssprachlich so viel wie Tölpel und war eine abfällige Bezeichnung für vermeintlich ungeschickte Menschen vom Land", heißt es in dem Bericht: "Die Automobillobby nahm den Begriff neu auf, bezog ihn auf das Verhalten von FußgängerInnen gegenüber Fahrzeugen".  "Nicht mehr derjenige sei der schuldhafte Rüpel, der sein Kraftfahrzeug mit übermäßiger Geschwindigkeit durch dichte Stadtstraßen steuerte und dabei Menschen tötete, sondern rüpelhaft war von nun an, sich im Straßenraum ohne ‘Rücksicht’ auf Fahrzeuge zu bewegen."

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In der Debatte um die Neuverteilung des öffentlichen Raums und die Bestrebungen, den Autolenkern und -parkern Platz abzutrutzen, setzen die Automobil-Anhänger nun ebenfalls auf abwertende Begriffe. Der Kampf um die Straße und deren Nutzungsrechte werde mit Worten geführt. "Mit der zunehmenden Rückkehr der Radfahrenden in die Straßen der Städte soll ein neuer Begriff mit verblüffend ähnlicher Funktion zum Jaywalker geschöpft werden: der Kampfradler." 

Wie sehr diese Analyse auch auf Österreich zutrifft, zeigt eine Blick in die heimischen Zeitungen oder in die Presseaussendungen von Wiener ÖVP- und FPÖ-Politikern, wo es von abfälligen Begriffen wie "Pedalritter", "Rad-Rowdie", "Rad-Rambo" nur so wimmelt. Mit der Realität auf den Straßen hat diese verbale Kriegsführung der Agitatoren zum Glück nur wenig zu tun. Sehr wohl aber mit dem Schielen auf die Stimmen jener Wähler, die von einfältigen Parolen zu beeindrucken sind und meinen, Autofahren und mit Autos den öffentlichen Raum verstellen  seien unantastbare Menschenrechte. For the record: They are not.

Hier geht es zu dem Bericht in Alle Macht den Rädern.




Schlagwörter

Kampfradler, Rad-Rowdy, Radfahrer

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-11-08 10:38:38
Letzte ─nderung am 2013-11-08 11:42:42



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