• vom 03.04.2014, 20:23 Uhr

Freitritt

Update: 09.04.2014, 08:08 Uhr

Fahrrad

Krieg auf den Straßen als Erfindung der Medien




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Von Matthias G. Bernold (Twitter @mgbernold)

  • Interview mit Wolfgang Scherreiks vom Fahrrad Journal

Der Berliner Wolfgang Scherreiks gibt das Blog www.fahrradjournal.de heraus, das sich in Deutschland zu einer wichtigen Plattform in Sachen Fahrrad Kultur entwickelt hat und - unter anderem - ein Ranking der Top 50 deutschen Fahrrad Blogs veröffentlicht. Ich habe ihn im Zuge meines Berlin Besuchs (anlässlich der Fahrrad Messe Velo Berlin) getroffen, um über den Fahrrad Alltag in unseren Heimatstädten zu plaudern. Das Treffen fand übrigens im Giro d'espresso statt, einem entzückenden Fahrrad-Café in Berlin-Charlottenburg, wo der vielleicht beste Espresso in der Stadt gereicht wird.

Freitritt: Wie lange fahren Sie schon Rad in Berlin?

Wolfgang Scherreiks: Seit ich 1987 als Student hier ankam. Da gab es weder Radspuren noch Winterräumdienste auf den baulichen Radwegen. Es war ganz normal, dass man den Schnee von den Bürgersteigen auf die Radwege kippte. Inzwischen gibt es in Berlin ausgesuchte Routen, die im Winter verlässlich geräumt werden. Auch ist das Fahrradfahren dank der Zahl der Radfahrer heute wesentlich angenehmer.

Ist Berlin eine radfreundliche Stadt?

Im Verhältnis zu anderen Ländern und Städten ist Berlin radfreundlich. Wir haben das Glück, breite Straßen zu haben. Es gibt viel Platz. Da kann man anders planen als in Städten mit mittelalterlichem Kern wie Köln zum Beispiel. Berlin ist außerdem sehr grün, besitzt viele Uferwege und Parkanlagen. Deshalb empfinde ich es als äußerst angenehm, hier Fahrrad zu fahren.

In Wien ist das Radfahren ein Zankapfel und ein Politikum. Ist das in Berlin auch so?

In den Medien ist es ein großes Thema, über das man beinahe täglich berichtet. Da wird gern eine aufgeheizte Debatte geführt, auch unter dem Titel "Kampfradler". Natürlich gibt es diesen Zusammenstoß zwischen großstädtischen Verkehrsteilnehmern. Deren Hintergrund ist oft eine unzeitgemäße Infrastruktur. Ein "Krieg auf den Straßen" findet aber vor allen Dingen in den Medien statt. Meiner Erfahrung nach geht es auf den Straßen weniger aufgeregt zu. Die Mehrzahl der Radfahrer, Autofahrer und Fußgänger kommen im Alltag gut miteinander aus.

Wie hat sich den in Berlin die Situation für die Radfahrer in den letzten Jahren verändert?

Ich glaube, wir stecken mitten in einem Wandel. Immer mehr Menschen steigen auf das Fahrrad um. Das ist positiv, führt zunächst aber so lange zu erhöhten Unfallzahlen, bis eine gewisse Aufmerksamkeit bei allen Verkehrsteilnehmern erreicht ist. Besonders ist hier die Politik gefragt. Zwar gibt es Ansätze für eine bessere Infrastruktur in der Stadtentwicklungsbehörde, allerdings dauern die Planungs- und Umsetzungsprozesse viel zu lange im Vergleich zum wachsenden Mehrbedarf.

Können Sie für uns skizzieren, wie die Berliner Verkehrspolitik die Radfahrer berücksichtigt?

Anlässlich von Wahlen hat der ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad  Club) einmal die politischen Positionen der Berliner Parteien zur Radverkehrspolitik abgefragt. Prinzipiell bekennen sich alle zur Förderung des Radverkehrs. Allerdings vorbehaltlich der Bereitstellung von Haushaltsmitteln. Egal, wer in der Regierung war: Die Geldmittel in der notwendigen Höhe wurden für den Radverkehr bisher nicht zur Verfügung gestellt. Letzten Endes ist doch so, dass sich zwar die Politik gerne mit dem Fahrrad schmückt. Bisher ging man aber davon aus, dass Radfahren nicht wahlentscheidend ist.

Wie wird sich das Radfahren in Berlin in den nächsten zehn Jahren entwickeln?

Meine Vision ist, dass das Radfahren sehr bald etwas Normales und Selbstverständliches sein wird. Die Leute werden mit dem Rad zur Arbeit fahren, ohne groß darüber nachzudenken. Übrigens auch ohne zu überlegen, was sie jetzt dazu anziehen sollen und ohne Angst vor dem Verlust irgendeines Statussymbols. Der nächste Regierende Bürgermeister ist selbstverständlich ein Radfahrer, der Radverkehrspolitik zur Chefsache machen wird. Die Infrastruktur wird so gut ausgebaut, dass man angenehm und sicher durch die Stadt kommt. Dies einmal vorausgesetzt, werden sich auch mediale und tatsächliche Konflikte befrieden. Abgesehen von den unvermeidbaren Begegnungen mit Stadtneurotikern.

Link zu Wolfgang Scherreiks "Fahrradjournal - Das Kulturmagazin"

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Dokument erstellt am 2014-04-03 21:04:29
Letzte ─nderung am 2014-04-09 08:08:18



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