• vom 13.10.2015, 13:12 Uhr

Freitritt

Update: 14.10.2015, 16:07 Uhr

Freitritt

Amerikanische Höflichkeit








Von Bettina Figl

  • Freitritt
  • Zuvorkommende Autofahrer, breite Fahrradwege, die Ampeln auf Fahrradtempo eingestellt: Portland im US-Westküstenstaat Oregon gilt als Radfahrmekka Amerikas.

Beim "Bridge Pedal" gehören die Brücken Portlands den Fahrradfahrern.

Beim "Bridge Pedal" gehören die Brücken Portlands den Fahrradfahrern.© fib Beim "Bridge Pedal" gehören die Brücken Portlands den Fahrradfahrern.© fib

Als ich in Portland ankomme, bin ich enttäuscht. Radfahrer sind – anders erwartet – im Stadtbild nicht besonders präsent, und ich brauche ein paar Tage, um die Weitläufigkeit der Zwei-Millionen-Stadt zu erfassen. Fest steht: Ich brauche ein Rad.

Als Besucherin an ein solches zu kommen, ist aber gar nicht so einfach: Ein Fahrrad eine Woche lang auszuleihen ist teurer als ein Öffi-Ticket für zwei Wochen. 20 Dollar pro Tag? Dafür bekommt man fast schon ein Auto. Dann stoße ich auf Spinlister: Die Online-Plattform bringt private Fahrradbesitzer mit Menschen zusammen, die sich tage- oder wochenweise ein Fahrrad ausleihen wollen. Der Preis wird individuell vereinbart, Spinlister schneidet ein bisschen mit, dafür ist das Rad versichert. Ich überzeuge eine Verleiherin, dass das Rad für mich ein Transportmittel ist, nicht nur Sportgerät, und daher leistbar sein muss – und sie leiht mir ihr sportliches Rad für 6 Dollar pro Tag.

Über 14 Brücken
In Portland in die Pedale zu treten stimmt mich versöhnlich: die Straßen bestehen zur Hälfte aus Fahrradstreifen, die Ampeln in der Innenstadt so geschaltet, dass ich fast nie anhalten muss. Fernab der Innenstadt geht es in Portland schon einmal bergauf, doch die spektakuläre Kulisse entschädigt für jeden Schweißtropfen: Die Stadt mit den zwei Flüssen (Columbia und Williamette) ist extrem grün, in der Ferne thront der schneebedeckte Mount Hood, der höchste Berg des US-Westküstenstaats Oregon.

Auf dem Weg vom innerstädtischen Westen in den hippen und künstlerisch angehauchten Ostteil überquere ich eine von vierzehn Brücken. Einige von ihnen sind alte Stahlbrücken und erinnern an New York. Einmal pro Jahr werden die Brücken für Autofahrer gesperrt, beim Radwandertag Bridge Pedal gehört die Straße ganz den Radlern. Seit September befindet sich in Portland die erste Brücke Amerikas, die nur für Fußgänger und Radfahrer geöffnet ist.

Die Stadt will Radfahren das ganze Jahr über attraktiv machen: Alle Busse haben Fahrradhalter, Unternehmen, die ihren Angestellten einen Duschraum zur Verfügung stellen, bekommen Steuererleichterungen. Einige Firmen liefern Kekse, Bier oder Pizza exklusiv per Rad, teilweise werden auch die Produkte in den Supermärkten mit dem Rad angeliefert.

Die Autofahrer machen mich sprachlos
Sprachlos machen mich aber die Autofahrer: Halte ich bei einer
Stop-Tafel an, fahren sie – obwohl sie Vorrang haben – nicht weiter. Zuerst bin ich irritiert, bis ich begreife, dass sie aus Freundlichkeit Vorrang geben, und nicht weil es die Verkehrsregeln vorgeben. Fast schon übertrieben höflich sind auch die Fahrradfahrer: Nähern sie sich einem Fußgänger, klingeln sie nicht (das könnte jemanden erschrecken), sondern kündigen dies mit "zu Ihrer Linken" an. Und die Taxler, die ja in Wien den Radfahrern gerne ein wenig zu nahe kommen? Die beschweren sich darüber, dass die Taxis noch keine Haltevorrichtungen für den Fahrradtransport haben, denn das sei schlecht für’s Geschäft: "Jeder hier hat ein Rad, das ist ganz normal."

In Portland schenkt man einander auch abseits des Fahrradstreifens oft ein Lächeln, und es vergehen keine drei Minuten, ohne dass jemand "sorry" sagt. Sind es also der kulturelle Unterschied und die amerikanische Höflichkeit, die das Radfahren im Portland so angenehm machen? Ein Professor an der University of Oregon drückt es so aus: "Europa ist toll, und ich bin gerne dort. Aber ich genieße es auch immer zurückzukommen. Denn anders als in Europa sehen mich Menschen, die ich anlächle hier nicht an, als wäre ich ein Kinderschänder."

Ein Radfahrer in Portland.

Ein Radfahrer in Portland.© fib Ein Radfahrer in Portland.© fib






Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-10-13 13:15:44
Letzte nderung am 2015-10-14 16:07:32



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Abstimmung war unverantwortlich"
Meistkommentiert
  1. "Abstimmung war unverantwortlich"

Werbung







Werbung


Werbung