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Update: 24.03.2017, 14:11 Uhr

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Mehr Lastenräder gewünscht? Dann tut halt was!




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Von Matthias G. Bernold

Die großen Zustellunternehmen kombinieren immer öfter Mikro-Verteilzentren in den Grätzeln mit E-Lastenrädern

Die großen Zustellunternehmen kombinieren immer öfter Mikro-Verteilzentren in den Grätzeln mit E-Lastenrädern© UPS Die großen Zustellunternehmen kombinieren immer öfter Mikro-Verteilzentren in den Grätzeln mit E-Lastenrädern© UPS

Endlich Zeit, einen kleinen Rückblick auf die Cycle Logistics Konferenz zu verfassen. Fazit: Erstaunliche Visionen, die da für eine Zukunft mit weniger Abgasen und Lärm, dargelegt wurden. Insbesondere die Sichtweise der großen Logistik-Konzerne, die sich auf Städte ohne Kfz-Verkehr vorbereiten, sind ermutigend. Damit die Wende hin zum umwelt- und lebensfreundlichen Gütertransport gelingt, bedarf es jedoch mutiger politischer Maßnahmen. Ob Wien dazu in der Lage ist?

Mit ihrem Befund spricht Maria Vassilakou allen Autoverkehrsgeplagten Menschen in der Stadt aus dem Herzen: Eine smarte Logistik, die sich von Kfz und fossilen Treibstoffen abwendet, sei "eine Frage der Lebensqualität und der Stauvermeidung sowie der Zeitökonomie". Dem Cargo Bike komme dabei eine wichtige Rolle zu, erklärte die Vizebürgermeisterin am Montag in ihren Eröffnungsworten zur großen Lastenrad-Konferenz im Wiener Museumsquartier.

In den folgenden zwei Tagen wurde deutlich, wie weit die Möglichkeiten reichen, Lastenräder für den professionellen Transport von Gütern einzusetzen: Studien wie die des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt im Auftrag des deutschen Bundesverkehrsministerium rechnen vor, dass zumindest 23 Prozent des Güterverkehrs in den Städten künftig auf Cargobikes verlagert werden könnten. Bei leichten Gütern und Paketen schätzen Experten das Potenzial sogar auf mehr als 50 Prozent.

Große internationale Logistik-Unternehmen wie UPS oder GLS übernehmen – nach teilweise mehrjährigen Pilotprojekten – Transporträder in ihren regulären Betrieb und stellen in vielen Städten ihre Logistik-Systeme um: Statt auf Verteilerzentren am Stadtrand plus Klein-Lkw setzt man zusehends auf Mikro-Hubs in den Grätzeln und E-Pedelecs für die sogenannte letzte Meile. Dass dies nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch ökonomisch effizienter ist, strichen Manager der Logistik-Konzerne während der Tagung hervor.

Verkehrspolitische Rahmenbedingungen

Von alleine – so viel wurde allerdings auch klar – geschieht diese Verlagerung nicht. Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Anteil der Lastenfahrräder in den Fuhrparks winzig. Den ca. 400 Transporträdern in Wien steht eine Armada von fast 60.000 Klein-Lkw gegenüber. Die im März beschlossene finanzielle Förderung von Lastenrädern ist gut und richtig, aber als Maßnahme alleine zu wenig. Damit der professionelle Lieferbetrieb – wie es die Stadt in ihrer Smart-City-Strategie so ehrgeizig formuliert –bis zum Jahr 2030 CO2-neutral abgewickelt werden kann, braucht es andere verkehrspolitische Rahmenbedingungen: Verkehrsbeschränkungen für Kfz, Umweltzonen, Reduktion des Parkraums, den Bau großzügiger und sicherer Rad- und Fußgänger-Infrastruktur. Schließlich muss die Stadt selbst als Vorbild wirken, indem sie auf Vehikel mit Elektro-Antrieb in den städtischen Fuhrparks umstellt.

Keiner zweifelt an der ehrlichen Überzeugung der grünen Vizebürgermeisterin und Verkehrsstadträtin. Und in der Wiener Stadtverwaltung fehlt es keineswegs an Know-how für die Durchsetzung der richtigen Maßnahmen – erst diese Woche formulierte MA18-Raumplanerin Angelika Winkler in einem "Wiener Zeitung"-Interview: "Obwohl der Anteil des Autoverkehrs bei 27 Prozent liegt, benötigen Autos 65 Prozent der Fläche. Wir versuchen daher, die Flächen, die zurzeit dem Autoverkehr zur Verfügung stehen, für andere Zwecke zu verwenden."

Nur: In der Praxis bleibt von den guten Plänen oft wenig übrig. Am Widerstand der Bezirksvorstehungen, denen verkehrspolitisch viel Gestaltungsmacht zukommt und von denen viele verkehrspolitisch irgendwo in den 1960er-Jahren feststecken, scheitern so gute wie alle weitreichenden Maßnahmen. Es ist erstaunlich zu sehen, wie verbohrt und unvernünftig manche Bezirkspolitiker jeden Parkplatz verteidigen. Hätten militante Kettenraucher eine ebenso starke politische Lobby hinter sich gehabt – wir würden heute noch in Zügen und Flugzeugen von qualmenden Mitmenschen angehustet...

In Wien, das während der vergangenen Monate von der Luftqualität her allzu häufig an ein verrauchtes Zugabteil erinnerte, führte diese Blockade zu halbherzigen Verkehrslösungen. Guten Ansätzen wie der kurzen Strecke am Getreidemarkt oder der neuen Verbindung über den Karlsplatz, stehen pfuschige und schmale Mehrzweckstreifen-Lösungen gegenüber, die das Sicherheitsrisiko sogar noch erhöhen. So entstehen dann "Radwege", die sich in der Statistik des Radverkehrsnetzes gut machen, die aber nicht dazu angetan sind, Rad-Anfängern oder Familien die Angst vor dem Straßenverkehr zu nehmen. Für die etwas breiteren Lastenräder sind sie gänzlich ungeeignet.

Im internationalen Vergleich präsentiert sich Wien zögerlicher und feiger als Städte wie Berlin, Madrid, Paris oder München, die in den vergangene Jahren massiv in den Ausbau der Radinfrastruktur investiert haben und immer stärker in den Autoverkehr eingreifen. Mit der derart halbherzigen Politik Wiens ist es wenig verwunderlich, dass die Zuwachsraten beim Radfahren bescheiden sind und das – ohnehin nicht sehr ambitionierte – Ziel von neun Prozent Fahrradanteil bisher nicht erreicht wurde. Wird die Verkehrspolitik nicht bald pragmatischer und vernünftiger, könnten wir auch die Chance verpassen, die Lastenräder und Elektrifizierung mit sich bringen. Zum Schaden der Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt...

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-24 13:59:12
Letzte ─nderung am 2017-03-24 14:11:50



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