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Update: 06.05.2017, 23:30 Uhr

Verkehrssicherheit

Helm ab, ihr Spaßtronauten!




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Von Matthias G. Bernold

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Sonderbar: die Kreativabteilung des Kuratoriums für Verkehrssicherheit  hat sich wieder selbst übertroffen...

Sonderbar: die Kreativabteilung des Kuratoriums für Verkehrssicherheit  hat sich wieder selbst übertroffen...© Kuratorium für Verkehrssicherheit Sonderbar: die Kreativabteilung des Kuratoriums für Verkehrssicherheit  hat sich wieder selbst übertroffen...© Kuratorium für Verkehrssicherheit

Mit einer sonderbaren Aktion offenbart das Kuratorium für Verkehrssicherheit zweierlei: seinen außerirdischen Sinn für Humor und seinen anachronistischen Zugang zu Fragen der Verkehrssicherheit.

Als ich ein Kind war, strahlte der ORF im Kinderprogramm eine Sendung aus, deren namensgebender Held eine kleine Puppe mit großem Sturzhelm war. In kurzen Geschichten wurde verdeutlicht, dass der öffentliche Raum nicht für Spielen, Laufen und sonstigen Unfug da sei, sondern einzig und allein zur Fortbewegung, und da vor allem zum Autofahren. "Helmi", so der Name der Puppe, die der große Arminio Rothstein gefertigt hatte, erteilte Kindern und deren Eltern wohlmeinende Ratschläge für den Überlebenskampf im Straßenverkehr.

Die Sendung wurde vom Kuratorium für Verkehrssicherheit konzipiert und sie atmete das Verkehrsverständnis der 1970er- und 1980er-Jahre als man Baumreihen zugunsten von Parkplätzen abholzte, Fußgänger unter die Erde verbannte und in großem Stil Schnellstraßen errichtete. Helmi stand für Verkehrserziehung, die nicht bloß die Reduktion der Verletzten und Toten im Straßenverkehr bezweckte, sondern die mithalf, das Primat des Automobils so früh wie möglich in die Köpfe der Menschen zu betonieren. (Was insofern nicht verwundert als die Autofahrerklubs ÖAMTC und ARBÖ zu den wichtigsten Mitgliedern des Vereins zählen.)

Offenbar spukt der alte Geist noch heute in den Gängen des Kuratoriums. Wie sonst ließe sich die Aktion erklären, die in den letzten Tagen durchs Netz geisterte? Da blockierten Astronauten in Raumanzügen den Ringradweg und schwenkten Tafeln mit der Aufschrift "Helm auf ihr Helden". Was leicht mit einer interstellaren Invasion oder einer weiteren boshaften Spaß-Demo verwechselt werden hätte können (Vorsicht: Ironie!) soll in Wirklichkeit – so das KfV in einer Aussendung – "Radfahrer humorvoll auf die Notwendigkeit einen Helm zu tragen, aufmerksam zu machen".

Stichwort: Humor

Wer wäre nicht gerne Mäuschen in der KfV-Kreativabteilung gewesen und hätte den Entstehungsprozess dieses rasend komischen Einfalls begleitet! Astronauten mit Verkehrssicherheit zu verknüpfen, muss Teil eines humoristischen Konzeptes sein, das sich mir nicht vollends erschließt. Vielleicht soll es einfach bedeuten, dass Alltagsradfahren den KfV-Mitarbeitern ebenso fremdartig und geheimnisvoll erscheint, wie anderen Menschen das schwerelose Schweben der Kosmonauten durch die ISS.

Aber lassen wir einmal den Schmäh-Faktor der Sache beiseite. An der Aktion sind noch ein paar andere Aspekte zweifelhaft.

Radhelme als Sicherheitsfaktor sind umstritten

So ist nämlich die Frage, ob Helme tatsächlich als verkehrspolitische Maßnahme taugen, seit Jahrzehnten umstritten. Studien scheiterten zumeist an der geringen Größe der Samples, an Vergleichsgruppen und daran, dass es schwierig ist, eine einzige Ursache für Unfälle und schwere Verletzungen auszumachen. Was man – bei Durchsicht der Studien – jedenfalls sagen kann: Die Mehrzahl der schweren oder sogar tödlichen Unfall-Verletzungen entsteht bei Kollisionen mit Kraftfahrzeugen. Höhere Geschwindigkeit (vor allem jener der beteiligten Kfz) bedeutet ein höheres Risiko. Und: Dort, wo die meisten Radfahrer unterwegs sind – also in Radstädten wie Amsterdam und Kopenhagen –, ereignen sich die wenigstens Unfälle mit Kfz-Beteiligung. Radfahren ist in Fahrradstädten am sichersten, weil dort die Infrastruktur besser ist und weil die Kfz-Lenker mit Radfahrern rechnen. (Helme tragen übrigens die wenigsten Alltagsradler in Amsterdam und Kopenhagen.)

Von einer "Notwendigkeit" Helme zu tragen, kann also keine Rede sein. Es ist halt einfacher, Radfahrer zum Helmtragen aufzufordern als alles zu unternehmen, damit sich Unfälle gar nicht erst ereignen: Geschwindigkeitsbegrenzungen einzufordern zum Beispiel oder bessere Gestaltung von Kreuzungsbereichen einzumahnen oder bessere Radinfrastruktur. Wo bleiben die KfV-Astronauten an gefährlichen Kreuzungen? Wo wird mit Transparenten "Geht vom Gas, Ihr Helden" gemahnt?

So wie diese Kampagne angelegt ist, ist sie im besten Fall ein peinlicher Schrei nach Aufmerksamkeit. Im schlechtesten funktioniert sie als Abschreckung für all jene, die gern einmal das Fahrrad als Verkehrsmittel für den Alltag ausprobiert hätten. Mit moderner Verkehrspolitik hat die Kampagne des KfV wenig zu tun. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass die Verantwortlichen selbst in den Raumanzug schlüpfen. Es ist ihnen zu wünschen, dass sie ein Wurmloch finden, das sie flugs in die Gegenwart katapultiert...

Linksammlung zu Fahrradhelm und Sicherheit

Zum Thema "Fahrrad-Helm und Verkehrssicherheit" habe ich hier einige weiterführende Links zusammen gestellt.

Hier ein Link zum heuer im März veröffentlichten, sehr umfangreichen Endbericht der HFC Human-Factors-Consult GmbH im Auftrag des Ministeriums für Verkehr Baden-Württemberg zu Sicherheitspotenzialen von Radhelmen und Helmpflicht. Das private Unternehmen, das auch große Automobilhersteller wie BMW, VW und Daimler und Zulieferer wie Bosch und Magna berät, wertet mehrere Studien und Meta-Studien der vergangenen Jahre aus und kommt zum Schluss, dass Fahrrad-Helme das Risiko von Kopfverletzungen um rund 50 Prozent verringern können. Um das Ziel der Vision Zero (keine Verkehrstoten. Anm.) im Radverkehrsbereich zu erreichen, bedürfe es allerdings "einer Vielzahl von Maßnahmen  in  allen  Handlungsbereichen": "Dabei  sind  insbesondere  die  Instrumente  in  den  Bereichen Verkehrsverhalten, Infrastruktur, Fahrzeuge, Recht und Enforcement von Bedeutung."

Hier ein Artikel auf der Website der European Cyclist Federation, der ganz gut erklärt, wie Helm-Sicherheits-Studien funktionieren und worin deren Schwächen liegen.

Hier ein Artikel des Verkehrswissenschaftlers Martin Randelhoff auf dessen Blog Zukunft Mobilität mit einer Kritik an einer immer wieder gern zitierten Helm-Studie aus dem Jahr 1989.

Das Wissenschaftsmagazin BMJ berichtet über eine kanadische Studie, die sich mit der Frage der Effizienz der Helmpflicht in Kanada befasste. Hier die Zusammenfassung des Studienergebnisses in aller Kürze:

"While helmets reduce head injuries and their use should be encouraged, this study suggests that, in the Canadian context of provincial and municipal safety campaigns, improvements to the cycling infrastructure, and the passive uptake of helmets, the incremental contribution of provincial helmet legislation to reduce the number of hospital admissions for head injuries is uncertain to some extent, but seems to have been minimal."

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Hier ein Spiegel-Bericht, der einige wissenschaftliche Studien zitiert, und zum Ergebnis kommt, dass eine Helmpflicht vermutlich kontraproduktive Effekte hätte.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-04 12:11:07
Letzte nderung am 2017-05-06 23:30:37



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