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Update: 11.06.2017, 11:14 Uhr

Verkehrsentlastung

Das Märchen von der Verkehrsentlastung




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Von Matthias G. Bernold

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Freitritt - Der Radblog der "Wiener Zeitung".

Freitritt - Der Radblog der "Wiener Zeitung".© Wiener Zeitung Freitritt - Der Radblog der "Wiener Zeitung".© Wiener Zeitung

Gerne als Argument für den Straßenbau bemüht, regelmäßig widerlegt: Die Verkehrsentlastung. Erfahrungen mit dem neuen Grazer Südgürteltunnel zeigen das eindrucksvoll. Seit Inbetriebnahme der Straße gibt es deutlich mehr Autoverkehr und Stau als angenommen.

"Dass wir mit dem neuen Tunnel auch Autoverkehr generieren, war uns natürlich bewusst. Aber mit dieser Masse, mit der wir jetzt konfrontiert sind, haben wir erst in zwei bis drei Jahren gerechnet": Mit diesen Worten wird Bernd Cagran, der Leiter des Referats "Verkehrssteuerung" in Graz in der "Kleinen Zeitung" vom Mittwoch zitiert.

Zur Vorgeschichte: In der vergangenen Woche war zwischen der Puntigamerbrücke und der Kreuzung Liebenauer Hauptstraße / Liebenauer Gürtel ein zwei Kilometer langer, vierspuriger Verbindungstunnel eröffnet worden. Das 120 Millionen Euro teure Projekt sollte helfen, das massive Kfz-Verkehrsaufkommen in Graz-Liebenau zu bewältigen. Auf der Website der Stadt Graz hieß es vollmundig: "Durch die Führung des Lückenschlusses (...) sind sowohl eine Entlastung der Wohnbevölkerung als auch ein zügiges Vorankommen für mehr als 25.000 prognostizierte Fahrzeuge gewährleistet (...). Daher wird es neben der Verbesserung für Anrainer auch zu einer Entlastung der Pendler kommen."

Von einer Entlastung oder zügigerem Vorankommen ist – wie die letzten Tage gezeigt haben – nichts zu spüren. Im Gegenteil: "Am Mittwoch vor dem Feiertag war es besonders schlimm, da hat es sich bis in die Seitenstraßen gestaut", wird der Bezirksvorsteher von Graz-Liebenau Karl Christian Kvas zitiert.

Handeln wider die Vernunft

Die politischen Schlussfolgerungen aus dem massiv gestiegenen Verkehrsaufkommen: Noch mehr Straßen sollen gebaut werden. Bereits heuer im Sommer will die Stadt Graz die Zufahrtsstraßen verbreitern und weitere Fahrspuren einrichten. Das Argument dafür – wer hätte es gedacht? – "Entlastung".

Dass sich eben diese mit Straßenbau nicht erzielen lässt, weiß die Verkehrsforschung seit Jahrzehnten: Das Angebot schafft die Nachfrage. "Menschen reagieren intelligent und eigennützig auf ihre Umwelt. Wenn man ihnen mehr Fahrbahnen anbietet, fahren sie mehr Auto", erklärt Verkehrsforscher Hermann Knoflacher wieder und immer wieder: "Sie können aber auch auf Autofahrten verzichten, wenn diese kein Vergnügen mehr bereiten, benutzen andere Verkehrsmittel, nutzen das Auto gemeinsam oder suchen sich andere Ziele."

Politik in Wahlkampfzeiten

Wider besseres Wissen ist "Verkehrsentlastung" dennoch ein viel verwendetes Argument. Insbesondere in Wahlkampfzeiten. So regten die Floridsdorfer Sozialdemokraten vor kurzem an, die Kapazitäten der Einfallsstraßen Richtung Innenstadt zu erhöhen: gefordert wurde eine weitere Fahrspur auf der Nordbrücke. Das ist insofern bemerkenswert, als dies einen diametralen Gegensatz zum Wiener Verkehrskonzept und dem Ziel der strukturellen Verkehrsvermeidung darstellt.

Ebenso muss die ominöse Verkehrsentlastung als Argument für die Errichtung des umstrittenen Lobau-Tunnels herhalten. Obwohl sogar die Prognosen der Autobahn- und Schnellstraßenfinanzierungsgesellschaft (Asfinag) zeigen, dass Entlastungseffekte entweder nach wenigen Jahren verpuffen oder überhaupt durch sogenannten induzierten – also neu geschaffenen Verkehr – verhindert werden.

Attraktive Alternativen zum Automobil

Es mag Gründe geben, Straßen zu errichten oder auszubauen: Verkehrsentlastung ist keiner davon. Um wirklich eine Verkehrsentlastung herbeizuführen, müssen attraktive Alternativen zum Auto her: Besser öffentliche Vekehrsmittel sowie leistungsfähige und sichere Radverbindungen. Wäre doch schön, wenn sich dieses Wissen bis ins Referat "Verkehrssteuerung" in Graz herumspricht...

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-02 11:31:59
Letzte nderung am 2017-06-11 11:14:33



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