• vom 07.07.2017, 07:00 Uhr

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Update: 07.07.2017, 07:38 Uhr

Bullitt

Das Bullitt Transportrad: Ein Erfahrungsbericht




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Von Matthias G. Bernold

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Die Scheibtruhe musste ich quer befestigen. Mit den alten Fahrradschläuchen kein Problem

Die Scheibtruhe musste ich quer befestigen. Mit den alten Fahrradschläuchen kein Problem© Bernold Die Scheibtruhe musste ich quer befestigen. Mit den alten Fahrradschläuchen kein Problem© Bernold

Seit knapp fünf Monaten bin ich mit dem Bullitt unterwegs. Ausreichend Zeit also, um das gute Stück intensiv zu testen. Hier meine Erfahrungen mit dem dänischen Lastenrad.

Kauf und Lieferung

Ich habe mir das Rad direkt bei Larry vs Harry in Kopenhagen bestellt, weil es mich gereizt hat, das Gefährt selber zusammenzubauen und weil ich mit einem Radmechaniker befreundet bin, der mir versprochen hatte, im Notfall weiterzuhelfen. (Ansonsten würde ich zum Kauf über einen Händler raten, damit in den Folgejahren ein gutes Service und die Wartung sichergestellt sind.)

Die Kommunikation mit Larry vs Harry funktionierte dabei tadellos. Die Bezahlfunktion im Online-Shop hakte irgendwie, so dass ich mit dem Unternehmen per E-Mail Kontakt aufnahm. Firmengründer Hans Bullitt Fogh besorgte die Kommunikation dann gleich persönlich. Drei Tage nachdem ich das Geld überwiesen hatte, kam das Rad in einer gewaltigen Schachtel an. Der Kurier und ich trugen den knapp 30 Kilogramm schweren Karton durchs verwinkelte Stiegenhaus in den dritten Stock.

Der Nachwuchs ist grundsätzlich interessiert

Der Nachwuchs ist grundsätzlich interessiert© Bernold Der Nachwuchs ist grundsätzlich interessiert© Bernold

Zusammenbau

Das Fahrrad kommt "pre-assambled". Das heißt: die besonders heiklen Teile sind bereits zusammengefügt – so hängen die Ritzeln am Hinterrad und die Kurbel ist montiert. Zum Schrauben gibt es aber immer noch genug. So müssen die Schalt- und Bremszüge verlegt werden, Laufräder, Sattel, Lenkstange, Pedale, Hauptständer angefügt, auch das Lenk-Gestänge, das unter der Ladefläche verläuft. Die Bremsscheiben hängen bereits an den Rädern, so müssen nur noch die Bremsen festgeschraubt und eingestellt werden. Das Fixieren der (auf die richtige Länge gebrachten) Schalt- und Bremszüge erfolgt simpel mit Kabelbindern. Der Rahmen hat dafür entsprechende Ösen.

Zusammenbauen im Wohnzimmer: Schwieriger als gedacht

Zusammenbauen im Wohnzimmer: Schwieriger als gedacht© Bernold Zusammenbauen im Wohnzimmer: Schwieriger als gedacht© Bernold

Rechtsanwälte basteln länger

In den sehr humorvoll abgefassten "Terms and Conditions" des Herstellers heißt es in der englischen Originalfassung:

"If you have ordered one of our magnificent BULLITT cargo bikes, it will be delivered semi-assembled and requires 1-2 hours of assembly by someone who is reasonably competent with tools and directions, or 6-8 hours if you are our lawyer."

Wie ich jetzt weiß, liege ich mit meinen persönlichen Skills eindeutig näher beim Rechtsanwalt als beim durchschnittlichen Schrauber. Aber ich hatte bisher auch nicht viel Erfahrung. Die Montage-Anleitungen sind für Ungeübte auch nicht ideal:  Sie sind sehr kurz gehalten und die Skizzen  rätselhaft (der Zusammenbau eines Pax-Schrankes von Ikea ist deutlich einfacher.)

Geladen sind Verkehrsschilder für die Grätzloase

Geladen sind Verkehrsschilder für die Grätzloase© Bernold Geladen sind Verkehrsschilder für die Grätzloase© Bernold

Insgesamt verbrachte ich wohl eine Woche mit dem Zusammenbau, weil ich immer nur abends ein paar Stunden Zeit hatte. Außerdem war ich gezwungen, völlig geräuschlos zu arbeiten, weil sonst der Nachwuchs im Nebenzimmer aufgewacht wäre.

Am Ende ging es dann doch nicht ohne Mechaniker Marcins Hilfe: Ich hatte die Kette zu stark gekürzt, das Justieren des Shimano XT-Schaltwerks bekam ich einfach nicht hin und irgendeinen Fehler muss ich bei der Lenksäule gemacht haben, die wackelte im Lager hin und her. Marcin reagierte dankenswerter Weise auf meinen Hilferuf und machte das Bullitt in einem Hausbesuch fahrfertig.

Lässt sich ordentlich beladen: Das Bullitt mit einer improvisierten Transport-Box

Lässt sich ordentlich beladen: Das Bullitt mit einer improvisierten Transport-Box© Bernold Lässt sich ordentlich beladen: Das Bullitt mit einer improvisierten Transport-Box© Bernold

Kapitalistische Logik

Es folgt der Logik des Kapitalismus, dass jede Investition drei weitere nach sich zieht. Mit dem zweieinhalb Meter langen Lastenrad entstand die Notwendigkeit eines passenden Stellplatzes. Im Stiegenhaus wäre nicht genügend Platz gewesen. Ein neues Kellerabteil musste her. Weitere Investitionen werden den Kindertransport betreffen. Dazu ist zu sagen, dass die Accessoires beim Bullitt allesamt hochpreisig sind. Wer den Kauf überlegt, muss das unbedingt einkalkulieren.

Transportkapazität

Die Scheibtruhe muss man quer montieren

Die Scheibtruhe muss man quer montieren© Bernold Die Scheibtruhe muss man quer montieren© Bernold

Ich habe das Bullitt sozusagen roh bestellt. Also ohne Transportkiste oder Ladefläche. Damit ich dennoch etwas transportieren kann, habe ich – inspiriert vom Lastenradhersteller Omnium – mit alten Radschläuchen eine Ladefläche gewoben. Damit spare ich nicht nur einige hundert Euro, ich hab auch eine rutschfeste Unterlage. Die Radschläuche dienen außerdem als praktische und nahezu unzerstörbare Spanngurte. (Ohne Firlefanz mit Ratsche oder dergleichen.) Je nachdem, wie viel Material ich zum Fixieren des Ladegutes brauche, wickle ich die entsprechende Länge Radschläuche ab.

Die Stadt Wien förderte die Anschaffung des Transportrades mit 800 Euro

Die Stadt Wien förderte die Anschaffung des Transportrades mit 800 Euro Die Stadt Wien förderte die Anschaffung des Transportrades mit 800 Euro

 Das System bewährt sich. Ich habe bereits eine im Baumarkt erworbene Scheibtruhe damit transportiert. Auch einen Bettbalkon, Babygewand, Verkehrsschilder und Kartons voller Zeitschriften. Ebenfalls möglich waren Sand für die Sandkiste mit einem Gesamtgewicht von 140 Kilogramm; allerdings traute ich mich damit nicht heimfahren, sondern entschied mich,  das Gefährt zu schieben.

Die Grenzen sind irgendwann dort erreicht, wo sehr sperrige oder überschwere Lasten wie Kühlschränke oder Waschmaschinen transportiert werden müssen. Wer derartige Güter regelmäßig bewegen muss, sollte zu größeren und / oder dreirädrigen Alternativen greifen. Etwa dem MSC Truck (in Österreich hergestellt) oder der Radkutsche Musketier.

Fahrverhalten

Fast jeder, der sich zum ersten Mal auf das Bullitt setzt, kommt zunächst gehörig ins Geigeln. Allerdings stellt sich bereits nach den ersten hundert Metern der Gleichgewichtssinn um. Inzwischen fahre ich mit dem Lastenrad mindestens genauso gerne wie mit dem Stadtrad. Wozu das niedrige Gewicht von 25 Kilogramm und die gute Ausstattung viel beiträgt. Zwar entschlossen wir uns, auf einen E-Zusatz-Antrieb zu verzichten. Dafür gönnten wir uns die bereits erwähnte XT-Gruppe mit äußerst kräftigen Scheibenbremsen und einer mächtigen Untersetzung, mit der sich auch knackige Steigungen bewältigen lassen. Für mich war die Grenze beim steilen Himmelmutterweg im 17. Bezirk erreicht. Dort hieß es irgendwann absteigen und schieben.

Längere Strecken von 50 Kilometern und mehr sind kein Problem, die Sitzposition ist sportlich-komfortabel. Der gerade Mountainbike-Lenker liegt mir persönlich weniger, weil ich den Rennlenker gewöhnt bin und die Handhaltung mit Daumen nach oben auf Dauer entspannter finde. Vielleicht justiere ich hier noch nach. Obwohl der Sattel, der beim Rad dabei war, ganz o.k. ist, passt mir der auf meine Körpermaße abgestimmte SQLab 612, den ich seit einigen Jahren auf dem Rennrad fahre, natürlich besser. Zum Glück stimmen die Dimensionen der Sattelstütze bei beiden Rädern überein, so dass ich die selbe Stütze samt Sattel bei beiden Rädern verwenden kann.

Das wendige Bullitt macht auch im Stadtverkehr große Freude. Mit einer Breite von 47 Zentimeter hat man nicht das Gefühl, einen überbreiten Schwertransporter zu steuern. Eng wird es allenfalls dort, wo die Radinfrastruktur schwächelt. Etwa, wenn zu wenig Raum für Radfahrende gelassen wurde, die bei Rotlicht warten. Oder auf unterdimensionierten Radwegen wie etwa auf der Praterstraße. Dort ist Überholen mit dem Bullitt kaum mehr möglich.

Fazit

Das Bullitt ist ein schnelles und wendiges Transportrad für den Alltag: das "Rennrad" unter den Lastenrädern. Für den Kindertransport sind teure Extras notwendig. Für den Transport sperriger oder extrem schwerer Lasten ist das einspurige Rad nur bedingt geeignet. Die Vorzüge liegen eindeutig beim Fahrspaß und der hochqualitativen Verarbeitung.

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Schlagwörter

Bullitt, Test

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-06 11:34:19
Letzte ─nderung am 2017-07-07 07:38:07



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