• vom 18.08.2017, 13:40 Uhr

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Update: 18.08.2017, 14:35 Uhr

Victim Blaming

Victim Blaming vom Feinsten: "Gefährliche" Laufräder




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Von Matthias G. Bernold

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Verrückte Welt: "Sicherer" SUV...

Verrückte Welt: "Sicherer" SUV...© Stock / Pexels Verrückte Welt: "Sicherer" SUV...© Stock / Pexels

Im Wochenrückblick (aus Radfahrersicht) schauen wir heute in die Schweiz. Journalist Marco Lüssi lieferte für die Gratis-Pendler-Postille "20 Minuten" ein prototypisches Beispiel für Täter-Opfer-Umkehr – im Englischen: victim blaming – wie es auch in heimischem Medienberichten und Presseaussendungen der Polizei immer wieder vorkommt. In seinem Text mit dem Titel "Bub getötet – wie gefährlich sind Laufräder?" berichtet Lüssi von einem Vierjährigen, der am vergangenen Samstag im Schweizer Kanton St. Gallen auf dem Gehsteig (!) von einer Autofahrerin übersehen und tödlich verletzt wurde. In der Folge geht Lüssi der Frage nach, ob Laufräder nicht vielleicht "zu gefährlich" sein könnten.

"Beim Laufrad müssen Eltern ganz besonders aufpassen. Die Kinder haben zwar oft schon die Fähigkeit, sich damit schnell fortzubewegen, ihre Reaktionsfähigkeit ist aber noch nicht gut genug", schreibt Lüssi.

Womit sich der Mann gar nicht erst aufhält: Ob es vielleicht nicht an "gefährlichen" Laufrädern liegt, sondern an tonnenschweren Automobilen, die unachtsam und häufig zu schnell, rücksichtlos und mit erheblichem Risiko für andere Menschen durch die Stadt bewegt werden. Mit keinem Wort geht der Reporter darauf ein, wie es dazu kommen konnte, dass die Autolenkerin beim Queren des Trottoirs – sie verließ auf diesem Weg einen Parkplatz – das Kind nicht bemerkt hatte. Kein Wort darüber, dass "Autofahrer besonders aufpassen sollten", wenn sie Gehwege queren. Auch, dass die "Reaktionsfähigkeit" der Autolenkerin offenbar nicht ausgereicht hat, sich regelkonform zu verhalten, wird nicht thematisiert.

... und "gefährliches" Kinderfahrrad

... und "gefährliches" Kinderfahrrad© Stock / Pexels ... und "gefährliches" Kinderfahrrad© Stock / Pexels

Das Recht des stärker Gepanzerten

Stattdessen wird Schuld-Umkehr betrieben: Die schwächsten Verkehrsteilnehmer oder deren Eltern sind anscheinend selbst schuld, wenn sie von Autoreifen zermalmt werden. Und zwar selbst dann, wenn sich die Kinder den Verkehrsregeln entsprechend verhalten. Kinder, suggeriert der Artikel, bleiben am besten zu Hause und dort am besten in der Gehschule.

In diesem Text schwingt die Attitüde durch, dass es ein Naturgesetz sei, dass wir in unseren Städten die tödliche Gefahr durch den Automobilverkehr zulassen müssen. Als sei es unvermeidbar, dass Autofahrer wieder jemanden "übersehen" und überfahren. Selber schuld, Kinder und Eltern, hättet ihr eben besser aufgepasst! Und akzeptiert, dass auf der Straße nur ein Recht gilt: Das des Stärkeren und besser Gepanzerten...





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-18 13:43:29
Letzte nderung am 2017-08-18 14:35:34




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