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Update: 04.12.2017, 09:13 Uhr

Winterradeln

Bestes Fahrrad-Wetter ever




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Von Matthias G. Bernold

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Freitritt - Der Radblog der "Wiener Zeitung".

Freitritt - Der Radblog der "Wiener Zeitung".© Wiener Zeitung Freitritt - Der Radblog der "Wiener Zeitung".© Wiener Zeitung

Schnee und Kälte sind die perfekten Voraussetzungen zum Radfahren in der Stadt. Hier steht, warum.

Normalerweise ist der Hof vor dem Impact-Hub-Vienna (dem Gemeinschaftsbüro, in dem ich meistens arbeite) voller Fahrräder. So voll sind Hof und Fahrradständer, dass  man häufig nur schwer einen Stellplatz findet. Gestern standen hier gerade einmal drei Fahrräder herum. Eines ist meines, die anderen beiden sind offenbar schon länger hier – denn sie sind beide mit einer respektablen Schneeschicht bedeckt. Stichwort Schnee: Die erste derartige Wetterlage in diesem Jahr und die Temperatur von zwei Grad veranlassten wohl viele meiner Kolleginnen und Kollegen, die Räder daheim zu lassen. Schade eigentlich: denn wer jetzt nicht mit dem Fahrrad fährt, verpasst die wahrscheinlich beste Zeit dafür. Hier zehn Gründe, warum der Winter fürs Radeln die beste Jahreszeit ist.

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1. Die Stadt ist leiser und schöner

Angezuckert die Wege, der Schnee dämpft die Abrollgeräusche der Autos, wo sonst Beton und Asphalt das Auge ermüden: jetzt frisches Weiß. Für ein paar Stunden, bis alles als patzig-graue Pampe herumliegt, sieht die Stadt richtig schön aus.

2. Pünktlich

Mein Weg in den 7. Bezirk führt mich den Donaukanal entlang, durch die Innere Stadt, die Mariahilfer Straße hinauf bis in die Lindengasse. Im Regelfall dauert das 15 bis 20 Minuten, je nach gewählter Route. Bei verschneiter Fahrbahn – so wie heute – nehme ich mir etwas mehr Zeit. Dennoch ist die Dauer der Anfahrt exakt kalkulierbar. Stau ist ebenso wenig ein Faktor wie eine Betriebsstörung der U-Bahn.

3. Schadenfroh

Unterwegs fahre ich an jenen vorbei, die der Meinung waren, bei Schnee müsse man mit dem Auto fahren. Sie sitzen jetzt fremdbestimmt im Stau fest und verbrennen dabei Benzin. Regelmäßig reißt einem die Geduld: Der fährt dann bei gelbrot in eine Kreuzung, die er aufgrund des dichten Verkehrs nicht mehr rechtzeitig queren kann, wodurch er in der nächsten Ampelphase den Querverkehr blockiert. Dann ärgeren sich alle noch mehr. Ich sehe mir dieses absurde Treiben an, während ich daran vorbei gleite.

3. Freie Fahrt auf den Radwegen

Wenn die meisten ihr Fahrrad stehen lassen, sind die Radwege angenehm leer: keine geigelnden Touristengruppen auf Leihrädern oder – schlimmer – Segways, keine rücksichtslosen Mamils (Middle Aged Men in Lycra) auf Rennrädern. Die, die jetzt unterwegs sind, wissen was sie tun. Das bewirkt ein starkes Gefühl der Solidarität. Außerdem: In den letzten Jahren werden die Radwege vom Magistrat ziemlich zuverlässig geräumt. Nur die Radstreifen am Straßenrand sind mitunter ein Problem, weil sich hier der Matsch zusammenschiebt.

4. Kein Schwitzen

Im Hochsommer Radfahren ist bekanntlich ein Graus. So gemütlich kann man fast nicht fahren, so gründlich kann der Fahrtwind nicht kühlen, als dass man nicht kräftig zu schwitzen begänne. Irgendwann kann man sich nicht weiter ausziehen – gegen die Hitze sind wir machtlos. Im Winter ist das anders: Mit Schal, Handschuhen und der richtigen Haube (Ohrenflappen sind ein Muss: bewährt haben sich zum Beispiel eine peruanische Chullo (am besten aus Alpaca-Wolle) oder – noch wärmer – die russische "Uschanka" Pelzmütze.) passen wir uns den Außentemperaturen an. Und nach dem ersten Kilometer ist einem angenehm warm.

5. Kein Frösteln

Wer kennt das Gefühl nicht: Den ganzen Tag in der geheizten Wohnung oder im Büro herumgesessen. Und dennoch frösteln? Im Winter ist die Versuchung groß, die notwendige Bewegung zu unterlassen. Die Folge: der Kreislauf kommt nie so richtig in Schwung, und den ganzen Tag über wird uns niemals richtig warm. Dieses Problem hat man als Radfahrer nicht.

6. Gute Laune

Psychologen wissen: Bewegung macht glücklich. Radfahren ist die beste Möglichkeit, Bewegung in den Alltag zu integrieren. Im Winter ist die Bewegung gleich nochmals lohnender. Weil der Helden-Faktor dazu kommt. Ständig erntet man bewundernde Blicke und ungläubige Fragen: Was, bei diesem Wetter bist du mit dem Fahrrad unterwegs? Hell, yeah – und es hat Spaß gemacht. Ähnliche Anerkennung bekommt man sonst nur für Aktivitäten wie Base-Jumping und Extrem-Wellenreiten. Dabei ist man bloß vier Kilometer in die Arbeit geradelt... Crazy, oder?

7. Sexyness

Vielen Menschen gilt der Akt des Entkleidens als erotischste Tätigkeit überhaupt. Wer mehr Eros in seinem Leben will, sollte – konsequenter Weise – einfach mehr Zeit mit Ausziehen verbringen. Wer aber verbrächte mehr Zeit mit An- und Ausziehen als Winterradler? In möglichst viele Schichten gepackt, wird jeder Umziehvorgang zum frivolen Erlebnis: Jacke, Weste, Pullover, Hemd, etc., lassen sich – die notwendige Übung vorausgesetzt – kunstvoll entblättern. So sexy geht das nur im Winter!

8. Kekse verbrennen

Zwei Faktoren bestimmen bekanntlich den Leibesumfang (zumindest bei Männern): Vaterschaft und Weihnachten. Dem winterlichen Kekse-in-sich-Hineinstopfen ist mit Vernunft alleine nicht beizukommen. Die Kekse müssen einfach so schnell wie möglich in den Bauch –  und zwar bis die blöde Dose leer ist. Die einzige Möglichkeit, die Schwimmreifenbildung zumindest zu begrenzen, ist regelmäßige Bewegung. In der Winterzeit, wenn der Körper nicht nur für Bewegungs-, sondern auch für Wärmenergie sorgen muss, ist das Radeln besonders energieaufwändig. Ideale Voraussetzungen also, um Vanillekipferln, Kokusbusserln und Linzeraugen doppelt zu genießen: Erstens Lebensfreude durch Zufuhr von Zucker plus – zweitens  Lebensfreude durch Abbau von Zucker quasi.

9. Analoge Erfahrung

Haben Sie sich einmal ausgerechnet, wie viele Stunden Sie täglich in einen Bildschirm schauen und wie viele in die "echte" Welt? Mit Büro-Job, Smartphone-Nutzung und Fernsehen am Abend kann es leicht passieren, dass die analogen Zeiten Mangelware werden. Manchen Menschen – mir zum Beispiel – geht das echt auf die Nerven. Ich will mehr Echtes und weniger Pixel sehen. Und das geht auf dem Fahrrad sehr gut. Zumindest solange als sich Smart-Glasses noch nicht durchgesetzt haben...

10. Lebendig sein

In einer Welt der Termine, des Zeitdrucks, umgeben von Bildschirmen, Werbung und der Angst, den nächsten Instagram-Post zu versemmeln, entsteht bald der Wunsch, unmittelbare, persönliche und physische Erfahrungen zu machen und im Moment zu leben. Geht ganz leicht: Rauf aufs Fahrrad, Wind und Schneeflocken im Gesicht spüren. So herrlich ist es, am Leben zu sein...





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-29 12:25:03
Letzte ─nderung am 2017-12-04 09:13:29




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