• Artikel vom 03.02.2012, 12:38 Uhr

Jüdisch leben

Update: 10.02.2012, 13:52 Uhr
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Jüdisch leben

Totalitäre Psychosen


Von Alexia Weiss

Alexia Weiss ist Journalistin und Autorin.

Alexia Weiss ist Journalistin und Autorin.Paul Divjak Alexia Weiss ist Journalistin und Autorin.Paul Divjak

Eigentlich wollte ich Sie diese Woche in die Flora entführen: kommenden Dienstag und Mittwoch wird nämlich Tu BiSchwat gefeiert, das Neujahr der Bäume. Bevor sich die Tische allerdings unter köstlichen Früchten biegen, gehen noch ein paar Tage ins Land. Und in der jüdischen Gasse wird über ganz andere Dinge gesprochen.

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Sie kennen die jüdische Gasse nicht? Sie befindet sich auch an keinem bestimmten Ort. Wann immer Juden zusammentreffen und über Gemeindeinterna geklatscht wird, heißt es später: das kommt in der jüdischen Gasse nicht gut an. In der jüdischen Gasse ist man entzückt. In der jüdischen Gasse hat XY damit Pluspunkte gesammelt.

"Wir sind die neuen Juden" soll FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache beim Ball des Wiener Korporations-Rings in der Hofburg gesagt haben. Die Ballbesucher fühlten sich von den Ballgegnern beim Hinweg ins Eck gedrängt, belästigt, bedroht. Dass dies eines der zentralen Gesprächsthemen auf dem Ball war, ist leicht nachzuvollziehen. Wie Strache sich hier anmaßt, Vergleiche zu den Novemberpogromen zu ziehen, nicht.

Wer noch irgendwelche Zweifel an dem Bericht des "Standard" gehabt haben sollte: Strache selbst räumte sie Dienstagabend während eines Life-Interviews in der "ZiB 2" des ORF-Fernsehens aus. Moderator Armin Wolf fragte, ob das Wort "Reichskristallnacht" ins Gespräch gekommen sei. Darauf Strache: "Und ich sage Ihnen, das Wort ‚Reichskristallnacht‘ ist in einem völlig anderen Zusammenhang ins Gespräch gekommen. Und zwar in jenem Zusammenhang, dass diese totalitären Massenpsychosen, die damals passiert sind, auch dort von den Besuchern erlebt worden sind und man gesagt hat, jetzt kann man sich vorstellen, welches Leid die Menschen damals erleiden mussten und mit welchen Methoden …". Wolf greift ein, sagt: "Sie vergleichen es ja doch, Herr Strache."

Danach liefen die Telefone heiß. Breite Empörung über diese Täter-Opfer-Umkehr. Über die Tatsache, dass es damals auch schlagende Burschenschafter waren, die bei der Vertreibung und Ermordung von Juden die Fäden zogen. Und man nicht das Gefühl hat, dass die Distanzierung davon eine ehrliche ist, wenn der Ball just am 27. Jänner, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, abgehalten wird.
Die Beiträge vieler Kommentatoren in der Causa waren wohltuend und wurden weitergeleitet, gepostet, geliked. Ein Aspekt, der in all den Statements allerdings fehlte: niemand hat die Ballbesucher gezwungen, zu dieser Veranstaltung zu gehen. Sie taten es aus einer persönlichen Überzeugung und Haltung heraus. Und keiner von ihnen musste um sein Leben fürchten, auch wenn das Hingelangen zur Hofburg für manchen zum Spießrutenlauf geraten sein mag. Wiener Juden im Jahr 1938 wurden verfolgt, weil sie Juden waren. Sie hatten nicht die Wahl, irgendwo nicht hinzugehen. Ihre Geschäfte, ihr Besitz wurde zerstört, es gab Tote, es gab Verletzte.




Schlagwörter

Judentum, Jüdisch leben

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2012-02-03 12:38:54
Letzte Änderung am 2012-02-10 13:52:03


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