
Wenn man einen orthodox lebenden Gesprächspartner zum Interview bittet, ist es manchmal gar nicht so einfach, einen geeigneten Ort für diesen Termin zu finden. Religiöse Frauen laden dann meist in ihre Wohnung – Männer eher in ihr Büro oder Arbeitsumfeld.
Ein Treffen in einem Lokal ist schwierig: selbst wenn er oder sie dort nur Wasser bestellt, ist zwar das Wasser natürlich koscher – nicht aber das Glas, in dem es serviert wird. Wer schließt aus, dass darin nicht schon ein Getränk mit Milch kredenzt wurde? Und diese Milch war dann sicher nicht koscher. Oder wurde es gemeinsam mit Tellern, auf denen Fleisch angerichtet worden war, im Geschirrspüler gewaschen? Ein no go für streng nach den religiösen Speisevorschriften lebende Juden.
Doch nach und nach wird das Angebot an koscherer Gastronomie immer reichhaltiger. Erst vor ein paar Monaten hat in der Zirkusgasse das Novellino eröffnet, ein milchiges Lokal, das Pasta, Pizza, Fisch anbietet. Und Desserts, die mit Milch- und nicht wie sonst üblich mit Sojaprodukten hergestellt werden. Eine Rarität in der fleischlastigen Wiener Koscher-Szene. Damit man nach einer Fleischspeise auch Süßes als Nachtisch konsumieren kann, wird eben oft mit parve – also neutralen – Zutaten gearbeitet, wie beispielsweise Soja. Das schmeckt man allerdings.
Dieser Tage eröffneten nun gleich zwei weitere koschere Lokale: eine zweite Pizzeria in der Taborstraße (Pizzeria Prego). Und ein Café im Umfeld des Karmelitermarkts (Kaffee-Konditorei Chay in der Krummbaumgasse). Damit gibt es in Wien nun vier fleischige Restaurants (Alef Alef, Bahur Tov, Simchas, Buchara Palace), zwei milchige Lokale (Novellino, Pizzeria Prego), eine Konditorei (Chay), einen fleischigen Imbiss (Chez Berl) und einen milchigen (Rafael Malkov), zwei Bäckereien (Ohel Moshe, Malkov) sowie sechs koschere Geschäfte beziehungsweise Supermärkte sowie die Großküche im Sanatorium Maimonides.
Und der Bedarf ist da. Einerseits leben jene Familien, die aus der ehemaligen Sowjetunion zugewandert sind, meist traditioneller als viele aschkenasische Juden. Andererseits sorgen die jüdischen Schulen für mehr Nähe zur Religion in der jüngeren Generation. Nicht selten beschließt ein junges Paar, sein Leben koscher zu führen, auch wenn beide Partner nicht so aufgewachsen sind.
Ein koscherer Haushalt: das bedeutet heute im Idealfall eine Küche mit zwei Küchenblöcken: also zwei Kühlschränken, zwei Geschirrspülern, und auch zwei Spülbecken. Warum? Eine der Vorschriften in der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, besagt, dass man milchige und fleischige Speisen nicht gemeinsam verzehren darf. Was in der Theorie noch relativ einfach klingt, birgt in der Praxis jede Menge Herausforderungen, denn Milch und Fleisch dürfen auch nicht in der Lagerung aufeinander stoßen. Früher benutzte man oft einfach verschiedene Fächer im Kühlschrank. Wer es sich leisten kann, hat aber heute zwei Kühlschränke. Und auch von Tellern, auf denen bereits Fleisch serviert wurde, darf nichts Milchiges mehr angerichtet werden. Daher: verschiedenes Essgeschirr, am besten im Kasten der milchigen oder fleischigen Küchenzeile untergebracht. Das erleichtert das Handling im Alltag.
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