
Knapp unter 7.600 Mitglieder zählt die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Wien derzeit. 1,7 Millionen Menschen leben in Wien – der Anteil der jüdischen an der Gesamtbevölkerung ist heute also sehr gering. Wenn sich der Präsident der IKG, Ariel Muzicant, wie bereits vor Monaten angekündigt, rund um seinen 60. Geburtstag vom Vorsitz zurückzieht und an den langjährigen Vizepräsidenten Oskar Deutsch übergibt, sorgt das dennoch auch in nicht-jüdischen Medien österreichweit für Schlagzeilen. Und in den Internetforen für hitzige Debatten.
Sehr politisch gehe es da in einer Religionsgemeinschaft zu, ist etwa zu lesen. Nun, das hat wenigstens noch ansatzweise mit dem Thema zu tun. Dann heißt es aber auch, man wünsche sich neben den harten Worten gegen rechts von der IKG-Spitze auch Kritik an der Siedlungspolitik Israels. Der Begriff der "Nazikeule" wird bemüht, FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache verteidigt und es werden Argumente in die Diskussion geworfen, deren Logik nicht ganz nachzuvollziehen ist - wie etwa in diesem Fall: Dadurch, dass sich die Kultusgemeinde Zuwanderung wünsche, sage sie indirekt, dass Antisemitismus in Österreich kein Problem sei. Sonst würde sie sich ja nicht dafür stark machen, dass Juden nach Österreich auswandern. Nun ja. Wenn über Juden oder Jüdisches berichtet wird, gehen in den Foren immer die Wogen hoch.
Tatsächlich ist es so, dass es nach der Schoa mehr als fraglich war, ob es in Wien jemals wieder nennenswertes jüdisches Leben geben wird. Das Gefühl, auf den gepackten Koffern zu sitzen: es war typisch für die wenigen tausend Juden, die sich in den Nachkriegsjahren hier aufgehalten haben – darunter die kleine Zahl derer, die als U-Boote hier überlebt hatten, die Rückkehrer, jene Juden, die zunächst in den Lagern für Displaced Persons untergebracht waren und dann nach Wien kamen.
Mit den Jahrzehnten setzte die Gemeinde wieder Wurzeln an. Und in den vergangenen 20 Jahren wurde eine Infrastruktur aufgebaut, die ein jüdisches Leben ermöglicht: Schulen, Synagogen, koschere Versorgung (Supermärkte, Fleischereien, Bäckereien, Gastronomie), ein Elternheim (MZ) und ein psychosoziales Zentrum (ESRA), das spezialisiert auf den Umgang mit Schoa-Traumatisierten, aber auch die Weitergabe von Traumata von Generation zu Generation ist, und sich der Sorgen der Zuwanderer sowie aller sozial Schwachen in der Gemeinde annimmt. Derer gibt es viele. Denn das antisemitische Klischee, dass alle Juden reich sind: es stimmt eben nicht. Auch wenn es manche Menschen einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen.
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