
In der Realität gehen jenen, die das Verbot, während der acht Tage des Pessach-Fests nichts Gesäuertes zu essen, ernst nehmen, die Mazzebrotscheiben schon ziemlich auf die Nerven. Da hilft selbst die in Schokolade getauchte Variante nicht mehr viel. Dennoch: das Schabbesbrot in Zopfform, Challa genannt, kommt erst nächste Woche Freitag wieder auf den Tisch. Denn heute ist immer noch Pessach. Das Fest, mit dem man sich an den Auszug der Juden aus Ägypten erinnert, endet am Samstag.
Nichts Gesäuertes, das bedeutet: seit einer Woche kein Brot, keine Nudeln, keine Kekse, kein Kuchen. In der realen Welt. In der virtuellen Welt des World Wide Web wollen sich indessen die Wogen um die Provokation eines deutschen Literaturnobelpreisträgers nicht beruhigen. Auf Facebook sieht das dann so aus: Urlaubsfotos von diversen Pessachurlaubsdestinationen wechseln einander mit Glückwunschpostings und Links zu Zeitungsberichten über die Grass-Affäre ab.
Während sich die allgemeine Berichterstattung allerdings zunehmend auf die Frage verlagert, ob die Reaktion Israels, den Schriftsteller mit einem Einreiseverbot zu belegen, angemessen war, und Antisemiten unterschiedlichster Lager von ganz rechts bis ganz links einander in den Online-Foren wieder einmal hemmungslos die Stichworte für hasserfüllte Postings liefern, geht es unter Juden verstärkt um die Frage: wie gehen wir mit solch einer Situation um? Wie reagieren wir auf Antisemitismus dieser Art? Welche Muster wiederholen sich hier und wie ist ihnen zu begegnen?
Die Frage ist: was bewirkt es, für den eigenen Freundeskreis jeden Artikel, der in Zusammenhang mit dem Grass-Poem steht, zu posten? Die Frage ist aber auch: was bewegt die kollektiv formulierte Kritik an den Zeilen des Dichters, die aber eben nicht Ausdruck eines gesamtgesellschaftlichen Kollektivs ist. Denn ein anderer Teil der Bevölkerung sieht sich hier ja nur bestätigt und tut wohl genau das eben seinem Freundeskreis kund. Und dann gibt es jene, denen es einfach egal ist, welche Botschaft ein Autor, von dem sie wohl noch nie etwas gelesen haben, an Israel richtet.
Was ernüchternd ist: nach der ersten Welle der Empörung stimmen Kommentatoren nach und nach in den Chor jener ein, die meinen, man dürfe ja Israel noch kritisieren dürfen. Was niemand bestreitet. Nur Israel als Gefahr für den Weltfrieden hinzustellen, ist nicht wirklich konstruktive Kritik, sondern eben das Bedienen altbekannter antisemitischer Vorurteile. Juden als Kriegstreiber, das ist ein abgenutztes Bild. Da ist man schon wieder nahe bei der imaginären jüdischen Weltverschwörung.
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