Am Sonntag öffneten sich die Türen der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien in der Seitenstettengasse und der Einladung kamen überraschend viele nach. Wenn man spätvormittags vom Rabensteig in die Seitenstettengasse bog, bot sich einem ein ungewohntes Bild: Menschenschlangen vor den Eingängen zu Synagoge und Gemeindezentrum. Solch große Menschenansammlungen kennt man hier nur, wenn im Herbst die Hohen Feiertage, also Rosch HaSchana, das jüdische Neujahr, und Jom Kippur, der Versöhnungstag, begangen werden. Dann stellen sich hier allerdings Jüdinnen und Juden an, um im Stadttempel dem Gebet beizuwohnen.

Gestern allerdings, da waren es vor allem Nichtjuden, die zu Besuch kamen. Attraktiv war dabei vor allem die Synagoge – Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister stellte diese im Lauf des Tages mehrmals vor und beantwortete Fragen über Fragen. Währenddessen saßen männliche und weibliche Besucher nebeneinander im Erdgeschoss der Schul, wie aschkenasische Juden, also solche aus Mittel- und Osteuropa, eine Synagoge manchmal ebenfalls nennen. Auch das ein ungewohnter Anblick: der Stadttempel wird – wie fast alle anderen Wiener Synagogen - nach orthodoxem Ritus geführt und da sitzen Männer und Frauen getrennt. In der Synagoge in der Seitenstettengasse finden sich die Plätze für die männlichen Besucher im Parterre, die Plätze für Frauen auf der Galerie, deren es hier zwei gibt: eine im ersten und eine im zweiten Stock. Für Frauen hat der Synagogen- also ein bisschen etwas von einem Theaterbesuch: von oben kann man sich ansehen, wie unten aus der Tora vorgetragen wird.
Die Tora, sie umfasst die fünf Bücher Moses, steht auch im Mittelpunkt jenes Festes, für das die Synagogen am kommenden Wochenende meist mit Blumen geschmückt werden: Schawuot, was ins Deutsche übersetzt Wochenfest bedeutet. Dabei erinnert man sich an den Empfang der zehn Gebote. Mancherorts wird hier die ganze Nacht aus der Tora gelernt und studiert. Im Misrachi-Haus am Judenplatz beispielsweise wird in der Nacht von 26. auf 27. Mai ab 0.30 Uhr zur "Langen Nacht der Tora" geladen. Schiurium, so werden Lehrstunden genannt, gibt es dabei mit verschiedenen Rabbinern. Abgehalten wird dieses Nachtlernen in deutscher Sprache.

Das Gebet in den Synagogen findet allerdings üblicherweise auf Hebräisch statt. Daher liegen auch die Gebetbücher in den meisten Wiener Synagogen auf Hebräisch auf. Im Wiener Stadttempel war das Publikum stets auch teils säkular. Schon vor 180 Jahren schuf Rabbiner Isaak Noah Mannheimer für diese Synagoge eigene Gebetbücher, die einerseits stark gestrafft waren, andererseits aber auch eine Übersetzung ins Deutsche boten. Diese Gebetbücher, der damaligen Zeit entsprechend in Frakturschrift gedruckt, sind bis heute im Stadttempel in Verwendung.
In den vergangenen vier Jahren bemühte sich Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg um eine Wiener Version der Gebetbücher Schma Kolenu (Höre unsere Stimme), die der Schweizer Edouard Selig in Basel in seinem Verlag Morascha herausgebracht hat und die sich in zeitgemäßer Übersetzung und modernem Druckbild präsentieren.

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