
Es ist alljährlich ein großes Get-together, das Straßenfest der jüdischen Gemeinde am Judenplatz. Hier stellen sich die verschiedenen Einrichtungen und Vereine an insgesamt 40 Infoständen vor: die jüdischen Schulen sind ebenso vertreten wie die Jugendorganisationen, der Sportverein Hakoah oder Kulturinitiativen wie der Salon Vienna.
Hier kommt man her, um einen angenehmen Nachmittag zu bringen, denn alle paar Meter trifft man jemanden, wo man sich freut, ihn oder sie zu sehen, man bleibt stehen, und plaudert ein bisschen. Und lässt sich dazu vielleicht ein Stück Kuchen schmecken, gebacken für einen wohltätigen Zweck. Da macht das Naschen schon fast kein schlechtes Gewissen mehr. Die gehäkelte rosa Kippa mit bunten Autos drauf, die meine Tochter vor ein paar Jahren für meinen Mann aussuchte, hat dieser zwar so gut wie nie getragen, aber sie findet sie immer noch wunderschön. Auch der Erlös aus diesem Verkauf diente einem guten Zweck.

Wer sich für das lebendige Judentum interessiert, hat hier eine gute Möglichkeit, mit Wiener Juden ins Gespräch zu kommen, jüdische Speisen zu essen und Musik zu hören: auf einer Bühne in der Mitte des Judenplatzes treten zum Beispiel "Blue Jew" auf, die Jewish Jazz spielen, das Ensemble Klesmer Wien oder die von Roman und Tony Grinberg 1982 gegründete Gruppe "Frejlech", welche beim heurigen Straßenfest die Sängerin Tini Kainrath begleitet, die Lieder auf Jiddisch zum besten gibt. Und die Kinder können sich auf das Hüpfen in der Luftburg, Riesenseifenblasen und auch sonst noch sicher die eine oder andere Überraschung freuen.
Wer kommen möchte, sollte einen Ausweis mitnehmen und eine kurze Wartezeit in Kauf nehmen, denn bei allen Zugängen zum Judenplatz gibt es Sicherheitskontrollen. Wie bereits beim Tag der offenen Tür in den Gemeinderäumlichkeiten in der Seitenstettengasse vor zwei Wochen präsentiert sich hier die Gemeinde selbstbewusst, und außerdem dieses Mal auch in aller Öffentlichkeit. Die Sicherheit muss aber immer gewährleistet sein. Auch so manches Gemeindemitglied reagiert genervt, wenn das Warten zu lange dauert und man wieder einmal beantworten muss, ob man Waffen zur Selbstverteidigung eingesteckt hat. Doch so kann einigermaßen unbeschwert im öffentlichen Raum gefeiert werden.
Eingebettet ist das Straßenfest übrigens in die "Jüdischen Kulturwochen", einem jedes Jahr von der IKG veranstalteten Kulturreigen (heuer von 22. Mai bis 14. Juni). Wen eine tiefere inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Judentum interessiert, findet vielleicht am Vortrag eines Arztes und Bioethikers aus Israel Gefallen: am 10. Juni spricht Beni Gesundheit, der auch eine rabbinische Ausbildung hat, in der Misrachi (eine orthodox-zionistische Bewegung) am Judenplatz.
Und am 14. Juni zeigt der Jüdische Filmclub Wien den Film "Hey, hey! Its Esther Blueberger" von Cathy Randall im Jüdischen Museum in der Dorotheergasse. In dieser Komödie wird jüdisches Leben im heutigen Australien porträtiert. Die Titelheldin Esther ist ein Teenager und der Film ein Streifen übers Erwachsenwerden. Die australisch-jüdische Perspektive dürfte auch für viele Gemeindemitglieder eine bis dato völlig unbekannte sein.
Was ich an solchen (Film-)Veranstaltungen schätze: hier geht es eben um bisher unbekannte Einblicke, aber auch um Alltagskultur. Kritiker sagen immer wieder, dass bei so mancher Veranstaltung mit jüdischem Bezug nichts als Folklore gezeigt wird. Worin liegt die Relevanz von Klezmer Musik beispielsweise für jüdische Teenager? Nostalgie versus moderne Lebensart sozusagen.
In letzter Zeit versucht die Jüdische Gemeinde hier bewusst, Events zu veranstalten, die wirklich im Hier und Heute angesiedelt sind. Da wurde zu Purim im Gemeindezentrum eine Bar eingerichtet und der Jom Haatzmanut, der Geburtstag Israels, mit einem Clubbing in der Residenz Zögernitz begangen. Auch daran gibt es natürlich Kritik: ist es richtig, hier so groß zu inszenieren? Wer zahlt das? Wen spricht das an? Gerade im Wahljahr – im November wird der Vorstand der IKG Wien neu gewählt – ist die Frage nach den Ausgaben für solche Events gemeindeintern omnipräsent. Aber wie heißt es so schön: allen wird man es nie Recht machen können. Und: die Mischung macht es aus. Es sollte also für jeden etwas dabei sein.
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