
Normalerweise halten wir ja nicht Schabbat. Das klingt sogar, wenn ich mir meinen Alltag so ansehe, nach einer ziemlichen Untertreibung. Arbeitstechnisch unterscheidet sich oft der Montag nicht vom Donnerstag, Samstag oder Sonntag.
Letzten Samstag waren wir wieder aber einmal bei einer observanten jüdischen Familie zu Besuch. Ja, man muss vorher daran denken, das Mobiltelefon auf lautlos zu stellen, damit es ja nicht klingelt und man nicht in die peinliche Situation kommt, es dann abstellen zu müssen. Diese Taste zu drücken wäre Arbeit. Ebenso wie einen Lichtschalter zu betätigen oder ein anderes elektrisches Gerät zu benutzen. Man muss das Kind daran erinnern, dass es daher das WC-Licht nicht ausschaltet, sondern so belässt, wie es ist. Und erklärt ihm, wozu die Taschentuchboxen auf der Toilette gut sind: damit man das WC-Papier nicht abreißen muss.
Das Kind, das freut sich schon am Tag zuvor. Denn es weiß: Das bedeutet einen wunderbaren Nachmittag lang einfach nur spielen mit einem gleichaltrigen Mädchen. Kiddusch, ein bisschen etwas essen, und dann darf man schon aufstehen vom Tisch. Keine Hektik, kein auf die Uhr-Schauen, kein Termin, nichts zu besorgen, niemand anzurufen. Das Kind spielt und man selbst bleibt bei Tisch, einen wunderbaren Nachmittag lang, das gehackte Ei, die Salate, der Humus, die Challot, der Tscholent werden nicht sofort abgeräumt, und man nimmt sich immer wieder etwas, plaudert, tauscht sich aus. Lauscht schließlich dem Gebet.
Den Blick auf die Uhr macht man erst, als man wieder auf der Straße ist. Der Nachmittag ist verflogen wie im Nu, fünf Stunden ist man hier gewesen. Was, so rasch ist die Zeit vergangen? Einerseits. Andererseits fühlt man sich nach so einem Nachmittag erstaunlich weit weg von all dem, was auf dem Schreibtisch auf einen wartet. So weit weg vom das noch einkaufen müssen, sich dort melden müssen. Und man kommt ins Grübeln: Wäre solch ein gänzlich freier Tag nicht doch etwas Feines? Was für eine Wohltat für die Seele! Für das innere Gleichgewicht!
Wenn man Nichtjuden erklärt, was am Samstag laut Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, unter Arbeit verstanden wird, erntet man oft ungläubiges Kopfschütteln. Ja, ich denke mir auch, es ist leichter in die U-Bahn einzusteigen und ein paar Stationen zu fahren als eine Stunde zu Fuß zu gehen. Aber vielleicht überlegt man sich ja dann, ob dieser Weg wirklich nötig ist? Das Telefon nicht zu benutzen – wie lächerlich. Aber vielleicht ist der Kopf tatsächlich freier, wenn man einmal einen Tag nicht telefoniert? Es hat schon etwas.
Gestern Abend habe ich mir die eben erschienene DVD des Films "Nicht ganz koscher" (http://www.mindjazz-pictures.de/koscher.html) angesehen. Eine modern-orthodox lebende Frau zeigt darin ein Kinderbuch, das mit vielen gezeichneten Bildern illustriert, was man am Schabbat alles nicht tun darf. Schmunzeln musste ich bei der Zeichnung, die einen Buben zeigt, der Melone isst. Nein, das ist natülich erlaubt! Der Bub sitzt im Freien und was er nicht tun darf, ist die Kerne auf die Erde zu spucken. Der Kern könnte keimen, es könnte eine neue Frucht entstehen. Das Kern-Ausspucken wäre dann also ein Säen. Und das wiederum ist – Arbeit.
Eine andere Familie, die Mitglied einer Reformgemeinde in Deutschland ist, hält ebenfalls Schabbat – aber anders. Elektrische Geräte kommen hier zum Einsatz. Aber man nützt den Freitag Abend zum gemeinsamen Gebet, samstags vertieft man sich gerne in ein Buch und was zum Beispiel die Mutter von zwei Teenagern immer macht, ist, den Wochenabschnitt zu lesen und sich ein paar Gedanken dazu zu machen.
Was ich so schön am Judentum finde? Jeder findet seinen eigenen Weg, steckt seine eigenen Grenzen, aber auch Bedürfnisse ab. Und die können sich während eines Lebens auch durchaus einmal verändern. Wie erzählt ein Mann in dem Film? Er sei als Jude geboren, habe aber nicht religiös gelebt. Er habe gegessen, was und wann er wollte, sei schlafen gegangen, wann er wollte, doch morgens sei er leer aufgewacht. Er hat den Weg zu einem orthodoxen Judentum gefunden und arbeitet heute als Maschgiach, wacht also über das richtige Zubereiten von koscheren Speisen. Solchen Lebensläufen begegnet man ebenso wie jenen von Menschen, die sich stufenweise von einem observanten Leben entfernen. Jeder ist eben anders.
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