
Der zentrale Text des Judentums ist die Tora – an jedem Schabbat wird aus ihr vorgetragen. Seit dem dritten Jahrhundert nach Christus geschieht dies in 54 Abschnitten, sodass jedes Jahr aufs Neue begonnen werden kann, und zwar zu Simchat Tora ("Freude der Tora"), heuer am 8./9. Oktober. Einen solchen Abschnitt nennt man Parascha, was auf Hebräisch so viel bedeutet wie Einteilung, oder einfach Wochenabschnitt.
Heute ist es allerdings längst nicht mehr so, dass nur, wer in die Synagoge geht, Interpretationen zum jeweiligen Wochenabschnitt serviert bekommt. Wer ein bisschen im Internet surft, bekommt hier per Mausklick jede erdenkliche Information. Observante Juden gehen allerdings oft bewusst in ein bestimmtes Bethaus, zu ihrem Rabbiner, in ihre kleine Gemeinde. Hier hat in den vergangenen Jahren daher ein besonderes Service Einzug gehalten: die Rabbiner schicken ihre Gedanken zur jeweiligen Parascha per Mail. Das ist auch in Wien nicht anders.
Der aktuelle Wochenabschnitt trägt den Titel "Ki Tawo" ("Wenn du kommst") und ist im fünften Buch Mose zu finden (Kapitel 26,1 – 29,8). Die Paraschot werden entweder nach dem ersten wichtigen Begriff, der in ihnen vorkommt, benannt, oder nach den Worten, mit denen sie beginnen.
Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg (Stadttempel in der Seitenstettengasse) teilt seine Gedanken jede Woche in einem stets mit TNN betitelten Mail: TNN für Tempel Neueste Nachrichten. Er hat sich diese Woche das Kapitel 28,1 herausgepickt: "Wenn Du auf die Stimme des Ewigen, Deines Gttes, hören wirst, Seine Gebote hüten wirst und alle seine Vorschirften üben wirst, die ich Dir heute gebe, dann wird Dich der Ewige, Dein Gtt, zur höchsten aller Nationen der Erde machen."
Da ist also zunächst eine Textpassage. Und was sagt ein berühmter Torakommentator dazu? Der Oberrabbiner lässt hier Chaim Ben Atar zu Wort kommen. Demnach handle es sich um drei Dinge: "Hören heißt die Tora zu lernen, Hüten heißt die Verbote nicht zu übertreten und tun heißt die Gebote einzuhalten!"
Und was sagt der Oberrabbiner selbst? "Wir dürfen uns keineswegs automatisch als besser als die anderen fühlen! Wir haben kein Recht uns bedingungslos als von Gtt bevorzugt zu sehen. Es ist vielmehr notwendig alle unsere Pflichten zu üben und die Tora zu lernen, denn nur diese (die Tora) erhebt uns." Und: In den Tagen vor Rosch HaSchana, das ist das jüdische Neujahrsfest, das Anfang übernächster Woche begangen wird, sollte man sich unabhängig davon bemühen, "besonders brav zu sein", auch wenn es im Lauf des Jahres nicht immer gelinge, so der Oberrabbiner.
Auch Rabbiner Pardess von der Misrachi-Synagoge am Judenplatz nimmt in seinen "Gedanken zur Parascha" Bezug zu Rosch HaSchana. Er erzählt von der Geschichte eines Mannes, der zum ersten Mal in seinem Leben fliegt. Auf dem Flug von New York nach Tel Aviv ist jeder Sitzplatz belegt, jeder freie Platz mit Handgepäck verstellt und der Mann fühlt sich beengt. Er entdeckt Stufen, die hinauf führen, und entdeckt die First Class, in der auf viel Platz wenige Menschen sitzen. Doch die Stewardess sagt ihm, dass hier nur jene sitzen können, die ein teures Ticket gekauft hätten. Der Mann möchte einen Aufpreis bezahlen, um oben sitzen zu können, doch die Flubegleiterin sagt dennoch nein. "Das geht leider nicht. Nur wer unten bezahlt, kann oben in der First Class sitzen."
Im Leben sei es nicht anders, betont Rabbiner Pardess. Je näher man dem Ende des Lebens komme, desto mehr bereue man seine früheren schlechten Taten, die man dann aber nur mehr schwer korrigieren könne. Oben in der kommenden Welt könne aber nur der ein bequemes Leben haben, der vorher in der hiesigen Welt gezahlt habe. "Deshalb müssen wir uns gerade jetzt, eine Woche für Rosch HaSchana, bemühen, unsere schlechten Tagen zu verbessern und auf Gttes Wege zurückzukehren."
Sie sehen schon: es geht darum, mit sich ins Reine zu kommen und schlicht und einfach ein guter Mensch zu sein. In den kommenden Wochen, zu den Hohen Feiertagen (Rosch HaSchana und Jom Kippur, dem Versöhnungstag) wird davon noch viel die Rede sein.
Selbst wenn man selbst nicht sehr religiös ist: die kurzen Überlegungen der Rabbiner zum Wochenabschnitt durchzulesen, gibt Woche für Woche einen Gedankenanstoß – meistens mit dem Ergebnis, dass man ins Grübeln darüber kommt, was im Leben wirklich wichtig ist. Und so erreichen die Synagogen auf diesem Weg sicher einfach noch ein paar Menschen mehr, als jene, die jeden Schabbat zum Beten kommen, die sich, und sei es auch noch so kurz, mit der Tora auseinander setzen.
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