• vom 14.09.2012, 00:41 Uhr

Jüdisch leben

Update: 15.09.2012, 11:16 Uhr

Jüdisch leben

Schana tova!




  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexia Weiss

  • Jüdisch leben

Neben herkömmlich gestalteten und schrägen virtuellen Neujahrsgrüßen lieferte mir meine Mailbox in den vergangenen Tagen auch jede Menge neue Kochrezepte: soll ich "Ruti’s Honey Challah" nachbacken? Oder einen "Pomegranate Coleslaw" servieren? Ausgedruckt liegen die Rezepte am Küchentisch, aber dann wird doch wieder die Faulheit siegen. Äpfel mit Honig sind die traditionelle Speise zu Rosch HaSchana, dem jüdischen Neujahr – und, im Gegensatz etwa zu den Mazzeknödel zu Pessach und den Sufganiot genannten Krapfen zu Chanukka (Lichterfest) - ohne große Anstrengung zubereitet: Äpfel waschen, schneiden, in Honig dippen.

Das Neujahrsfest beginnt heuer am Sonntagabend. Rosch HaSchana bedeutet übersetzt "Kopf des Jahres". Gerne gegessen wird daher auch ein Fischkopf. Das Kind hat gestern im Religionsunterricht davon gehört und sich nachher bei mir versichert: "Das muss ich aber nicht essen, oder?" Nein, muss es nicht – mir gefallen Symbolik und Geschmack von Honig ja auch viel besser: süß soll es werden, das neue Jahr.

Dass dem wirklich so sein wird, dazu kann der Einzelne etwas beitragen. In der Zeit um den Jahresbeginn lässt man das vergangene Jahre Revue passieren, denkt darüber nach, was man falsch gemacht, wem man womöglich auch weh getan hat. Die Sünden, derer man dabei bewusst hat, kann man dann Montagabend in den Donaukanal werfen. Taschlich nennt man dieses Neujahrsritual, bei dem schlechte Taten, die man bereut, am ersten Neujahrstag vor Sonnenuntergang symbolisch einem Gewässer übergeben werden. Konkret schüttelt man seine Gewänder aus, sucht nach Krümeln, die sich etwa in Hosentaschen verbergen, und wirft sie ins Wasser.

Zuvor werden die Wiener Synagogen ebenso wie jüdische Bethäuser anderswo auf der Welt vormittags besonders gut gefüllt sein. Die beiden Rosch HaSchana-Tage sowie der in der Woche darauf begangene Jom Kippur (Versöhnungstag) sind jene Feiertage, an denen selbst die so genannten Drei-Tages-Juden zum Gebet in die Synagoge kommen. Im Deutschen ist hier auch von den Hohen Feiertagen die Rede.

Besonders beliebt ist dabei im Wiener Stadttempel vormittags der Kindergottesdienst. Hier hören auch die Eltern gerne zu, wenn Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg Mädchen und Buben ab dem Kindergartenalter in das neue Jahr geleitet. Zu hören ist dabei das Schofar – ein Widderhorn.

Das Schofar-Blasen geht auf die Zeit Moses zurück. Moses hatte von Gott die zehn Gebote erhalten, die beiden Steintafeln aber beim Anblick des Goldenen Kalbs, um das die Juden in seiner Abwesenheit tanzten, zerbrochen. Daher stieg er erneut auf den Berg Sinai, um die zehn Gebote nochmals zu holen. Währenddessen bliesen die im Tal gebliebenen Menschen täglich ein Widderhorn. Damit erinnerten sie sich selbst daran, die Gebote von nun an zu befolgen. Daran knüpft der Neujahrsbrauch an, das Widderhorn erklingen zu lassen. Wichtig ist dabei weniger das Blasen, sondern vielmehr das Hören.

Kinder nutzen dieser Tage gerne ihre Plastik-Schofars, die es in knalligen Farben gibt. An Kinder zwischen sechs und zehn Jahren wendet sich auch ein Angebot des Jüdischen Museums am kommenden Sonntagvormittag: hier wird nicht nur alles rund um Rosch HaSchana erzählt, sondern ebenfalls im Museums-Atelier gebastelt (http://www.jmw.at/de/wir-feiern-rosch-haschana). In der Dorotheergasse wird zudem am Donnerstag zum ersten Wiener jüdischen Neujahrskonzert geladen. Der Wiener Jüdische Chor unter der Leitung von Roman Grinberg unterhält mit jiddischen Liedern, Geschichten und Anekdoten und auch Sängerin Timna Brauer wird zu hören sein (http://www.jmw.at/de/1-wiener-juedisches-neujahrskonzert).

Was ich an schlechten und guten Taten im zu Ende gehenden Jahr zu verbuchen habe? Noch habe ich ja ein bisschen Zeit, um darüber nachzudenken. Freude machen indessen schon die zahlreichen Neujahrswünsche. Vor allem die Karte, die das Kind gebastelt hat und mit dem es einen überraschen will, obwohl man natürlich schon davon weiß, erwärmt das mütterliche Herz.

Ich möchte auch Ihnen ein gutes neues Jahr wünschen. Schana tova! heißt das auf Hebräisch und mit diesen Worten begrüßt man einander auch in diesen Tagen des Jahres. Die schriftlich gebrauchte Redewendung ist ein wenig länger: Schana tova we gmar chatima tova. Was das bedeutet? Mögen wir in ein gutes neues Jahr eingeschrieben sein!




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-09-14 17:00:09
Letzte nderung am 2012-09-15 11:16:42



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Das dritte Österreich
  2. Die grüne DNA
  3. Wir sind wieder wir
  4. Schluss mit der Inszenierung
  5. Die Sache mit Rot-Blau
Meistkommentiert
  1. Der Umbruch
  2. Das dritte Österreich
  3. Der grüne Pilz
  4. Stimmen, Clicks und Likes
  5. Schluss mit der Inszenierung

Werbung




Werbung


Werbung