
Kommenden Mittwoch wird es in den Wiener Synagogen wieder bunt. Der höchste Feiertag, Jom Kippur, wird an diesem Tag begangen – als Fasttag. Wie passt da Farbe dazu? Zum Fasten gehört nicht nur, nichts zu essen und zu trinken, sondern auch, nicht zu arbeiten, sich nicht unnötig zu waschen, keine Kosmetika zu benutzen, auf Sex zu verzichten – und keine Lederschuhe zu tragen. Sneaker sind an diesem Tag daher oft an den Füßen der Synagogenbesucher zu sehen. Oder Crocs – mitunter auch in leuchtend bunten Farben.
Jüdische Feiertage beginnen meist am Vorabend (Sonnenuntergang) und dauern dann auch jeweils bis zum Anbruch der Nacht. Erev Jom Kippur – Erev ist das hebräische Wort für Abend – ist also kommenden Dienstag. Vor Einbruch der Nacht nehmen jene, die sich an das Gebot des Fastens halten – und das tun viele, sogar sonst säkular lebende Juden – ein großes Festmahl zu sich. Danach heißt es bis nach Sonnenuntergang des darauf folgenden Tages auf Nahrung zu verzichten. Wer gesundheitlich angeschlagen ist, für den gilt dieses Gebot nicht. Auch Schwangere und Kinder sind davon ausgenommen.
Jom Kippur ist einer jener Tage, an dem die so genannten Drei-Tages-Juden zum Gebet kommen: Sie gehen jeweils nur zu den Hohen Feiertagen, also dem Versöhnungstag und den beiden Tagen von Rosch HaSchana, dem Neujahrsfest, das zu Beginn dieser Woche gefeiert wurde, in die Synagoge. Wer am Versöhnungstag zum Gebet kommt, braucht gutes Sitzfleisch: es gibt während dieser etwas mehr als 24 Stunden insgesamt fünf Gottesdienste.
In einem davon wird auch das Buch Jona gelesen. Erinnern Sie sich noch an die Geschichte von dem Mann, der sich vor Gott verstecken will und dann von einem Wal verschluckt wird? Dass er am Ende wieder unversehrt ausgespuckt wird, hat das Kind gestern einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen. "Das geht doch nicht! Da hat er doch nichts zu essen im Bauch vom Wal. Und da wird er doch sicher verletzt!" Ja, auch glauben will gelernt sein.
Doch worum geht es nun zu Jom Kippur? Gott hatte einst den Juden befohlen, keine Götter neben ihm zu haben. Und dann tanzten sie um das Goldene Kalb und Moses musste nochmals auf den Berg Sinai steigen, um die beiden Tafeln mit den zehn Geboten erneut zu erhalten. Der Versöhnungstag erinnert an den Tag, an dem Gott dem jüdischen Volk diese Sünde vergeben hat. Daher geht es an diesem Tag auch um die spezielle Beziehung jedes Einzelnen zu Gott – man beichtet im Gebet seine Vergehen und vertraut gleichzeitig darauf, dass Gott die Sünden vergibt und einem ein weiteres Jahr voller Gesundheit und Glück schenkt.
Die Sünden gegenüber Gott sind das eine. Jene gegenüber anderen Menschen das andere. Sie muss man schon selbst aus der Welt schaffen – indem man jene, die man verletzt oder belogen hat, um Vergebung bittet. Feindseligkeiten haben nichts verloren im neuen Jahr – übrigens das Jahr 5773.
Auf politischer Ebene ist es ein besonders interessantes Jahr. Im November wird ja der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien neu gewählt. Zu Rosch HaSchana war das Antreten des einen oder anderen Gemeindemitglieds bei der Wahl, teils auf neu gegründeten Listen, teils auf solchen mit Tradition, beliebtes Smalltalk-Thema.
Denn, und das erklärt vielleicht auch, warum es säkulare Juden an ein paar abgezählten Tagen im Jahr gerne stundenlang in der Synagoge aushalten: während eines Gottesdienstes hört man nicht nur dem Kantor zu (zu dessen Leidwesen). Man tratscht auch, steht im Synagogenvorraum in Grüppchen zusammen, geht einmal hinein und einmal hinaus, grüßt sich durch die Community, ermahnt die Kinder, nicht gar zu laut durch die Gegend zu laufen – und manchmal, ja manchmal gibt es dann auch eine laute Ermahnung des Rabbiners, doch etwas leiser zu sein – oder verärgerte Pscht-Laute von jenen, die tatsächlich ihr Gebetbuch vor sich liegen haben und dem Gottesdienst folgen wollen.
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