
Russische Juden werden sie schnell einmal genannt, jene Juden, die aus der ehemaligen Sowjetunion seit den 1970er Jahren nach Wien ausgewandert sind, meist nicht auf dem direkten Weg, sondern über die Zwischenstation Israel. Wenn Sie nun versuchen, das auf der Landkarte nachzuvollziehen: sowjetische Juden konnten damals über Wien nach Israel ausreisen, fühlten sich im israelischen Klima aber oft nicht wohl. Der Weg zurück in die Sowjetunion blieb ihnen allerdings verwehrt. Wer einmal das Weite gesucht hatte, der durfte nicht mehr einreisen. Und so ließen sich diese Menschen in Wien nieder. Ja, diese Juden sprachen und sprechen Russisch. Sie sind aber keine Russen. Sie sind Georgier, Usbeken, Kirgisen, Aserbaidschaner Doch auch über diese Begriffe werden sich die wenigsten von ihnen definieren.
Bei der Wahl des Vorstands der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien am 11. November treten insgesamt zehn Listen an, darunter auch drei neue: "Chaj – Jüdisches Leben", die "Initiative Respekt" – und die Fraktion "Kaukasische Juden". Die Kaukasier sind damit eine weitere Zuwanderergruppe, die versucht, ihre Interessen über eine eigene Fraktion im Kultusvorstand zu vertreten. Bereits seit langem im Kultusvorstand präsent sind die "Sefardim – Bucharische Juden" und der "Verein georgischer Juden".
Bucharen, Grusinen, Kaukasier: woher kommen sie? Bucharen sind Nachfahren jener Juden, die nach der Zerstörung des Ersten Tempels in Jerusalem ins Exil in Persien gingen. Teile dieser Gruppe wanderte nach Zentralasien weiter und ließ sich in Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan nieder, wo sie ihre jüdischen Traditionen und ihren Ritus auch in den vielen Jahrhunderten, in denen der Islam in der Region vorherrschend war, hochhielten. Ihre Sprache, das Bucharische, das auch Judeo-Tadschikisch genannt wird, enthält sowohl tadschikische als auch persische und hebräische Elemente. In der Wiener bucharischen Gemeinde ist allerdings das Russische präsent – und das Hebräische, da einerseits viele Menschen eine Zeit lang in Israel gelebt haben und andererseits die Kinder an den jüdischen Schulen von klein an mit Iwrit vertraut sind.
Grusinen, das sind georgische Juden. Sie kamen nach der Zerstörung des Ersten Tempels vor rund 2.500 Jahren nach Georgien. Sie lebten allerdings in einem christlichen Umfeld. Das Georgische ist in Wien heute noch öfter zu hören als das Bucharische, doch auch hier zeichnet sich ein Wandel ab. Die grusinischen Kinder sind sprachlich vor allem im Deutschen und Hebräischen zu Hause. Während die Bucharen sich klar dem sefardischen Ritus zuordnen, sind die Georgier irgendwo zwischen sefardisch und aschkenasisch angesiedelt. Das Gebet folgt dem sefardischen Ritus, viele Bräuche sind aber eher aschkenasisch.
Die Kaukasier, die nun bei der diesjährigen Wahl mit einer eigenen Liste an den Start gehen, sind Bergjuden. Sie stammen, wie schon der Name sagt, aus dem Kaukasus, und lebten in Aserbaidschan und Dagestan. Die Kaukasier halten sich an den sefardischen Ritus.
Was allen drei Zuwanderergruppen gemeinsam ist: sie versuchen, ihre Traditionen und Bräuche zu bewahren. Vor allem die Bucharen, die mit an die 2.500 Menschen auch die größte der drei Gruppen sind, leben sehr traditionell, führen beispielsweise einen koscheren Haushalt (auch wenn viele von ihnen es außerhalb der eigenen vier Wände mit den koscheren Speisegesetzen nicht ganz so genau nehmen) und gehen am Schabbat in die Synagoge beten (auch wenn sie nicht unbedingt alle die samstägliche Schabbatruhe einhalten). Der Gottesdienst läuft zwar sowohl bei Bucharen als auch Grusinen und Kaukasiern nach sefardischen Ritus ab, dennoch gibt es Unterschiede im Gebet. Die verschiedenen Gruppen suchen daher auch unterschiedliche Synagogen auf.
Was allen dreien noch gemeinsam ist: die Bildung der Kinder, das Fortkommen, der soziale Aufstieg ist wichtig. Die Mittzwanziger, die bereits an einer der jüdischen Schulen maturiert haben, sie sind heute oft schon Uni-Absolventen, während ihre Väter meist noch kleinere Geschäfte führten. Ebenso wichtig ist aber auch die jüdische Identität. Hochzeiten mit Nichtjuden werden daher nicht gerne gesehen. Ehen zwischen Aschkenasen und Mitgliedern der bucharischen, grusinischen und kaukasischen Community werden aber häufiger. Dafür sorgen auch die jüdischen Schulen und Jugendorganisationen, in denen es zunehmend zu einer Durchmischung der Wiener jüdischen Gemeinde kommt.
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