• vom 06.10.2014, 11:14 Uhr

Jüdisch leben

Update: 07.10.2014, 11:32 Uhr

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Oida! – Wirklich?




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Von Alexia Weiss


    Das Jüdische Filmfestival Wien (8. bis 23. Oktober, Votiv Kino und De France Kino) steht heuer unter dem Titel "Shalom Oida!". - © Foto: JFW

    Das Jüdische Filmfestival Wien (8. bis 23. Oktober, Votiv Kino und De France Kino) steht heuer unter dem Titel "Shalom Oida!". © Foto: JFW

    Es gibt Worte, die sind einem einfach zuwider – wobei das natürlich eine sehr individuelle Sache ist. Zu meinen sprachlichen Hassobjekten zählt zum Beispiel "geil", das vor allem in der Werbung so inflationär eingesetzt wird. Und dann gibt es da noch den Begriff "Oida", den man vor einigen Jahren öfter, heute nicht mehr ganz so oft auf der Straße oder in der U-Bahn hört, wenn manche Wiener Jugendliche miteinander kommunizieren.

    Besonders irritierend ist das Wort allerdings vor allem dann, wenn es von bildungsnahen Erwachsenen verwendet mit, um sich damit eher bildungsfernen Jugendlichen anzunähern. Was das mit dem Judentum zu tun hat?

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    Das Jüdische Filmfestival Wien (8. bis 23. Oktober, Votiv Kino und De France Kino) steht heuer unter dem Titel "Shalom Oida!". Und: genau - damit soll, so die Festivalorganisatoren in einer Presseaussendung, "vor allem eine junge Generation angesprochen und ein Zeichen gegen Antisemitismus gesetzt werden". So weit, so nicht wirklich gelungen.

    Dagegen hat das Programm, heuer von der neuen künstlerischen Leiterin des Festivals, Sarah Stoß, programmiert, einige Juwelen, vor allem aber einen wichtigen Schwerpunkt zu bieten: es geht um das Thema Zivilcourage. Wie immer konzentrieren sich die Festivalmacher dabei nicht nur auf die jüdische Perspektive. In den ausgewählten Streifen ist Antisemitismus ebenso Thema wie Rassismus, Diskriminierung und auch Islamophobie. Der weiter gefasste Fokus, der in der Wiener jüdischen Gemeinde nicht immer nur auf Wohlwollen stößt, spiegelt sich bereits im Eröffnungsfilm wider: "Under the same Sun" von Regisseur Sameh Zoabi erzählt die Geschichte eines israelischen und eines palästinensischen Geschäftsmanns, die gemeinsam ein Solarenergieunternehmen aufbauen und dabei auf Widerstände nicht nur in der jeweils eigenen Familie stoßen.

    Der Film stammt aus dem Jahr 2012 und hat wohl einen positiveren Ausblick, als dies nach der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Gaza und Israel im vergangenen Sommer realistisch möglich wäre. Doch Kunst ist auch dazu da, das Unmögliche zu skizzieren, in den Bereich des Möglichen zu rücken. In diesem Sinn freue ich mich persönlich über jeden Beitrag, der das Gemeinsame unterstreicht und sich Frieden zur Maxime macht. Wie ausgewogen und gleichermaßen verständnisvoll gegenüber beiden Seiten der Film dies schafft, bleibt abzuwarten.

    Mein zweites Highlight dieses Festivals: "Hitler’s Reign of Terror", der erste amerikanische Anti-Nazi-Film aus dem Jahr 1934. Der Streifen galt viele Jahre als unauffindbar. Erst vor einem Jahr tauchte eine Kopie in Belgien auf. Der Film wurde erstmals am 30. April 1934 in New York gezeigt, danach aber rasch abgesetzt, um die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den USA und Hitler-Deutschland nicht zu stören. "Skandal-Doku mit Lacheinlage" schrieb "Der Spiegel" im Juni 2013, nachdem der Film erstmals nach 1945 gezeigt wurde. Einerseits wird in diesem Beitrag unterstrichen, dass die Nachhaltigkeit, mit der dieser erste amerikanische Anti-Nazi-Film aus den Kinos verbannt wurde, rund 80 Jahre später überrasche.

    Andererseits wird dem Film mangelnde Qualität attestiert: reales Interviewmaterial wurde demnach mit nachgespielten Szenen gemixt, das Ergebnis scheint voll unfreiwilliger Komik geraten zu sein und der Schreckensbotschaft, mit welcher der Film beworben worden war, nicht gerecht zu werden. Vor allem der Auftritt eines Hitler-Imitators habe etwas Slapstickartiges, schrieb "Der Spiegel".

    Wie auch immer: ich denke, es ist doch faszinierend, dass bereits 1934 ein Filmdokument veröffentlicht wurde, in dem Hitler, so jedenfalls die bisherigen Presseberichte, bereits die Frage gestellt wurde: "Und was ist mit den Juden, Exzellenz?". Und es ist ernüchternd, dass die Produktion rasch abgesetzt wurde, um politische und wirtschaftliche Beziehungen nicht zu belasten. Genau diese Art der Rücksichtnahme kritisiert beispielsweise die auch von der Israelitischen Kultusgemeinde unterstützte Plattform "Stop the bomb" seit Jahren, wenn es um die Haltung der österreichischen Regierung gegenüber dem iranischen Regime geht.

    Das Jüdische Filmfestival Wien bietet heuer aber auch einiges an jüdischem Humor, zusammengefasst in der Schiene "Night Laugh". Und einen großen Leinwand-Auftritt hat auch Woody Allen, und zwar in John Turturros "Fading Gigolo".


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    Dokument erstellt am 2014-10-06 11:15:48
    Letzte nderung am 2014-10-07 11:32:40



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