• vom 28.01.2016, 21:10 Uhr

Jüdisch leben


Jüdisch leben

Warum ich nicht anders kann




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Von Alexia Weiss


    Seit Köln scheint alles anders. Die Bilder der vielen Helfer, welche im Spätsommer täglich tausende Flüchtlinge an den Wiener Bahnhöfen willkommen hießen, die Bilder der spendenfreudigen Wiener, die unermüdlich für Nachschub an Schuhen, Kleidung, Wasserflaschen, Bananen sorgten: sie scheinen in weite Ferne gerückt.

    Die Willkommenspolitik sei falsch gewesen, konstatiert nun der Außenminister. Und medial dominiert das Thema Angst. Tenor: wir werden überrannt von Menschen einer anderen Kultur, die mit der hiesigen nicht kompatibel sei. Die Grenzen gehören geschlossen. Das Boot ist voll – ein in diesem Zusammenhang so bitterer Stehsatz, denn ja, viele der Schlauchboote, die von der Türkei nach Griechenland übersetzen, sind zu voll, daher kippen sie, daher gehen vor allem Kinder über Bord, daher sterben Menschen. An Land gespülte Kinderleichen - zuletzt wieder öfter.

    Auch das Boot der Familie, mit der ich seit einiger Zeit regelmäßig Deutsch lerne, war zu voll. An die 60 Menschen wurden darin übers Meer transportiert, für etwas über 20 Personen sind diese fragilen Schlauchboote konzipiert. Wasser sei ins Boot gekommen, erzählt der Vater, man habe geschöpft und geschöpft, die Kinder festgehalten. Gott sei Dank sei man sicher am anderen Ufer angekommen. Die Angst sei groß gewesen. Die Reise: strapaziös, noch dazu mit drei kleinen Kindern. Unabänderlich dennoch die Einsicht, dass diese Flucht notwendig war und zwar sofort. Die Familie stammt aus Afghanistan und wurde von Taliban bedroht. Nun sind sie hier und wollen sich ein neues Leben aufbauen. Fleißig lernen sie Deutsch, haben in wenigen Wochen gelernt, wie sie ihre Adresse aufschreiben, im Supermarkt einkaufen, über ihre Familie erzählen.

    Die vielen Fremden, die da nun zu uns kommen, machen großen Teilen der Bevölkerung Angst. Auch der jüdischen Bevölkerung. Dass im Mittleren und Nahen Osten Israel ein rotes Tuch ist und Antisemitismus sowohl durch Politik als auch Medien geschürt wird, entspricht den Tatsachen. Der Terror in Frankreich, er richtete sich auch gegen Juden – immer mehr Juden verlassen daher das Land. In Deutschland gibt es Gegenden, in denen Männer lieber nicht mehr mit Kippa auf die Straße gehen. In Wien ist die Situation anders, aber die mögliche Bedrohung, sie ist da. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Da geht es um subjektives Empfinden, um subjektives Erleben.

    Und dennoch: ich will mich dieser Angst nicht anschließen. Ich empfinde sie auch nicht. Ja, die Berichte aus Köln – sie machen ratlos und hinterlassen einen empört. Aber nein, die Konsequenz kann nicht sein, nun allen, die sich hierher nach Mitteleuropa geflüchtet haben, zu unterstellen, sie würden Frauen belästigen und sexuell missbrauchen. Pauschalurteile funktionieren nie: so wie nicht alle Juden reich sind, sind nicht alle Muslime potenzielle Terroristen und nicht alle jungen Flüchtlinge mutmaßliche Vergewaltiger. Ihnen das zu unterstellen führt statt zu einem Miteinander zur Bildung tiefer Gräben: wir hier, die Flüchtlinge dort. Gebraucht wird aber Integration. Und das geht uns alle an.

    Ich habe die afghanische Familie auch zu den Weihnachtsfeiertagen besucht und wir haben miteinander und voneinander gelernt: sie zum Beispiel, wieviele U-Bahn-Linien Wien hat und ich, dass es bei afghanischen Hochzeiten sehr bunt zugeht. Und dabei nicht alle Frauen bis zur Unkenntlichkeit verschleiert sind, sondern, ganz im Gegenteil, sehr aufgebretzelt. Das mag nicht für alle Hochzeiten zutreffen: aber für die, von denen ich Fotos und Videos sehen durfte, eben überraschenderweise schon.

    Wenn man in einem neuen Land ist, hat man viele Fragen: zu den örtlichen Feiertagen etwa. Also haben wir auch über Weihnachten gesprochen. Erstaunt zeigte sich der Familienvater, dass man in den Straßen nicht viel vom Weihnachten Feiern spüre. Offensichtlich hatte man sich am 24. Dezember eine riesige öffentliche Party erwartet. Für Erstaunen sorgte aber auch, dass ich gar nicht Weihnachten feiere. Weil ich Jüdin bin, versuchte ich zu erklären, auf Englisch. Aber das Wort "Jewish" war dem etwas Englisch sprechenden Vater kein Begriff. Also schlug ich "Jude" im Farsi/Dari-Deutsch-Wörterbuch nach. "Jehudi!", rief er erstaunt. Und lachte. "Jehudi? Wirklich?" Ja, wirklich. Da war keine Ablehnung zu spüren. Kein Auf-Abstand-Gehen. Nur Erstaunen. Und dann viele, viele Fragen.

    Diese Familie aus Afghanistan, sie hatte gedacht, dass in Österreich nur Christen leben. Nun wollte vor allem der Vater wissen: welche Religion haben die Menschen hier? Und wie sieht das eigentlich in der ganzen Welt aus? In der Woche darauf brachte ich ihm jede Menge Zahlenmaterial mit. Erneut große Augen. So viele Muslime leben bereits in Österreich? Wo kommen sie ursprünglich her? Aber auch: so viele Menschen haben hier gar kein religiöses Bekenntnis? Das gibt es tatsächlich, Menschen ohne Religion? Ja, das gibt es. Genauso wie Männer und Frauen, die zusammenleben, ohne verheiratet zu sein. Die dann vielleicht sogar gemeinsame Kinder haben. Das kam ein anderes Mal zur Sprache.

    Deutsch zu lernen mit dieser Familie, das heißt für mich auch, ihnen Österreich zu erklären und wie das Leben hier funktioniert. In meinem Sprachstudium an der Uni nannte man das Landeskunde. Viel ist in politischen Reden von Werten die Rede, von Werteschulungen. Ich denke nicht, dass man Werte isoliert vermitteln kann. Man muss über den Alltag sprechen, darüber, wie Menschen hier leben, wie die Gesellschaft funktioniert. Dafür muss es aber Leute geben, die sich dafür die Zeit nehmen: die Zeit, Flüchtlinge quasi an der Hand zu nehmen, und sie durch diese Stadt, dieses Land zu führen. Sie teilhaben zu lassen an den eigenen Netzwerken.

    Warum ich nicht anders kann, als diese Familie an der Hand zu nehmen und sie ein Stück in dieses neue Leben hineinzubegleiten? Weil ich mir seit dem Spätherbst denke, ich muss etwas tun. Da spielt sich vor unseren Augen eine humanitäre Katastrophe ab. Da kann man nicht in ein und derselben Stadt leben und so tun, als ob nichts wäre. Ja, mein Mann, meine Tochter und ich haben auch Sachen zu den Bahnhöfen gebracht. Aber ich wollte irgendetwas Nachhaltiges machen. Zunächst ist man überfordert – schließlich kann man nicht allen helfen. Aber man kann eine Person unterstützen – oder eben eine Familie. Dieser Weg erscheint mir nun für mich der richtige. Und ich freue mich über jeden sprachlichen Fortschritt, über jede Frage, die ich so beantworten kann, dass ich sehe: nun habe ich noch ein Stückchen mehr die Neugierde auf das Leben hier geweckt.

    Meine Großeltern mussten ebenfalls flüchten, und mit ihnen die beiden Urgroßmütter, die ich niemals kennenlernen sollte. Die beiden Damen überlebten schließlich in Südfrankreich, wo sie von einem Bauern aufgenommen worden waren (so jedenfalls wurde es in der Familie erzählt). Und auch meine Großeltern, die sich schließlich bis Portugal durchschlugen – auch sie müssen auf ihrer langen Reise auf Menschen gestoßen sein, die ihnen weiterhalfen. Und ich muss nun gleich ergänzen: nein, das ist nicht meine primäre Motivation, hier etwas zu tun. Aber ich habe es im Hinterkopf, wenn ich höre, man müsse die Grenzen zumachen und es müsse "eine Obergrenze" geben, eine Zahl also, die definiert, wie viele Menschen nun noch zu uns kommen dürfen und wie viele draußen bleiben müssen.

    Aus der Geschichte lernen: das heißt für mich, es besser zu machen. Wenn Menschen in Not sind, muss geholfen werden. Wenn jeder das im Rahmen seiner Möglichkeiten tun würde – mit Geld, mit Zeit, mit Networking: dann könnte das Österreich stemmen. Wenn alle EU-Staaten Menschen ohne wenn und aber aufnähmen: dann könnte Europa das stemmen. Und wenn sich die internationale Politik aufraffen können, die Kriege in der betroffenen Region und den islamistischen Terror zu stoppen: dann müssten erst gar nicht so viele Menschen fliehen.

    Aus der Geschichte zu lernen heißt aber auch: bedingungslos gegen Rassismus und Antisemitismus einzutreten. Eine Willkommenskultur und ein entschiedener Kampf gegen Antisemitismus, wie er tatsächlich bei manchem Neuankömmling hier vorhanden sein mag, schließen sich meiner Meinung nach nicht aus. Im Gegenteil: wenn wir die Flüchtlinge hier freundlich begrüßen, sie aber gleich mit den Regeln des Zusammenlebens in unserem Land vertraut machen, können wir alle nur gewinnen - als Gesamtgesellschaft, aber auch als jüdische Gemeinde. Nur wer hier Anschluss findet, gerät nicht in die Fänge von Extremisten. Dass vor allem Salafisten auch in Wien aktiv sind, darüber gibt es immer wieder Berichte. Lasst uns diese Menschen an der Hand nehmen, bevor es die Extremisten tun. Auch das in all unser Interesse.

    Und ja, selbst wenn ganz viele Menschen sich hier engagieren – auch das ist keine Garantie, dass es nicht irgendwann wieder zu Übergriffen wie in Köln oder zu Attentaten wie in Paris kommt. Aber vielleicht wird es zu weniger negativen Vorfällen kommen. All diese was-wäre-wenn-Überlegungen sind aber nicht das, was zählt. Was zählt ist: wir haben es versucht. Wir haben den neu Angekommenen unsere Hände gereicht. Ich verstehe mich als Teil dieses wir. Und nicht als Teil jenes, das Angst hat und die Grenzen schließen möchte.





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    Dokument erstellt am 2016-01-28 21:12:00



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