• vom 23.06.2016, 11:10 Uhr

Jüdisch leben

Update: 23.06.2016, 11:16 Uhr

Jüdisch leben

Freundschaft gegen den Hass




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Von Alexia Weiss


    Imam Ramazan Demir (links) und Rabbiner Schlomo Hofmeister am Rand der Buchpräsentation.

    Imam Ramazan Demir (links) und Rabbiner Schlomo Hofmeister am Rand der Buchpräsentation.© Alexia Weiss Imam Ramazan Demir (links) und Rabbiner Schlomo Hofmeister am Rand der Buchpräsentation.© Alexia Weiss

    Viel war in den vergangenen Wochen von der Bedrohung durch Antisemitismus von islamistischer Seite die Rede. Und ja, die Anschläge in Europa in den vergangenen Monaten und Jahren haben gezeigt, dass Juden durchaus zu den Zielen islamistischer Attentäter gehören. Das schürt Vorurteile und Mauern im Kopf: plötzlich werden alle Muslime beziehungsweise alle, die auch auf den ersten Blick als solche erkennbar sind, zum potenziellen Feind. Und so schaukelt sich ein Konflikt hoch, der allen schadet.

    Wiens Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister hat sich vor einiger Zeit mit dem Imam Ramazan Demir, er ist Gefängnisseelsorger und Religionslehrer, angefreundet. Was die beiden auf privater Ebene erkannt haben, dass es nämlich im Grunde viele Gemeinsamkeiten im Alltag von Muslimen und Juden gibt, wollten sie auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen: gemeinsam reisten sie nach Istanbul und Jerusalem und stellten einander jeweils die religiösen Stätten des Islam und des Judentums vor. In dem Buch "Reise nach Jerusalem" (eben erschienen im Amalthea Verlag) haben sie diese Erfahrung nun dokumentiert – die Fotos steuerte Florian Rainer bei.

    An Hand dieser Aufnahmen lassen Hofmeister und Demir das gemeinsame Abenteuer Revue passieren: viel erfährt man dabei über den Islam, viel über das Judentum, viel über Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Der von gegenseitigem Respekt und wechselseitigem Wohlwollen und Verständnis geprägte Dialog lässt einen als Leser nicht unbeeindruckt zurück. Was bereits bei der Präsentation des Buches im Außenministerium – es kamen mehr Menschen, als der Raum fassen konnte – spürbar war, manifestiert sich hier auch schriftlich: die Probleme, die es gibt, sind politischer Natur. Auf der rein religiösen Ebene gäbe es diese nicht. So erleben es zumindest Hofmeister und Demir.
    Beide haben sich im Rahmen ihrer Reflexion auch um heikle Themen nicht herumgeschummelt. Stichwort Radikalisierung. Gemeint ist hier jene, die so vielen Juden Sorgen macht: die islamistische. "Obwohl die Radikalisierung in Österreich zur Zeit noch ein Randphänomen ist, ist es aber gleichzeitig ein sehr ernst zu nehmendes Thema. Deshalb besteht auch ein Teil meiner Arbeit dagegen anzugehen", betont Demir. Wichtig sei ihm dabei, die mehrheitlichen friedlichen Muslime davor zu schützen und die wenigen Radikalen zu deradikalisieren, "was keine leichte Aufgabe ist".

    "‘Ich muss in den Krieg‘, habe ich etwa von einem Insassen im Gefängnis gehört, der YouTube-Videos gesehen hat, die Assads Armeen bei der Massakrierung von Frauen und Kindern zeigen, und Hasspredigten, die zum Krieg gegen das Assad-Regime aufrufen. Bei diesem Häftling war der politische Hintergrund die Ursache für seine Radikalisierung. Bei Gesprächen mit anderen Gefängnisinsassen habe ich dann noch viele weitere Gründe erfahren, die dazu führen können. Dazu gehört an erster Stelle die Suche nach Anerkennung, die viele weder von der Gesellschaft noch von ihren Familien oder ihrem sozialen Umfeld bekommen. Ein weiterer Faktor ist die falsche Sichtweise des Islams durch die Social Media oder durch Freunde, die den Koran für ihre eigenen Zwecke missbrauchen, indem sie einzelne Verse herauspicken, ohne den Kontext zu beachten. Meistens sind es perspektivlose Menschen, also Arbeitslose, Schulabbrecher oder solche, die ihre Lehre nicht zu einem Ende gebracht haben. Sie hoffen, durch ihre Gewalttaten Aufmerksamkeit und Anerkennung von Seiten ihres Umfelds zu bekommen. Einige haben auch traumatische Erfahrungen gemacht, sei es nun im Krieg oder in der Familie. Nicht zuletzt spielen auch Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen eine Rolle, wenn es darum geht, sich von der Gesellschaft abzuschotten und extremistische Positionen einzunehmen."

    Dem halte er als Imam dagegen: der Islam bedeute Frieden. Eine Gewalttheologie werde abgelehnt. Wenn nun Muslime, die zur Kriminalität neigen, von ihren Freunden hören, dass Islam Gewalt sei, falle das auf fruchtbaren Boden. "Gerade solche Auffassungen sind äußerst gefährlich und müssen daher mit Hilfe der Vermittlung des islamischen Wertesystems bekämpft werden. Genau da setze ich mit meiner Arbeit als Seelsorger an. Den Friedensauftrag des Islam als Vorbild zu leben und lehren, das kann so einigen Extremisten die Augen öffnen." Immer müsse man aber auch die Zahlen im Blick behalten: von 600.000 Muslimen in Österreich seien 250 in den Krieg gezogen. "Jeder Einzelne ist zu viel, man darf jedoch nicht den Fehler machen, von einer Minderheit auf die Mehrheit zu schließen."

    Hofmeister ging bei der Diskussion anlässlich der Buchpräsentation auch auf die Vorbehalte gegen Religion in einer mehrheitlich säkularen Gesellschaft ein. Was observante Juden und Muslime hier verbinde: sie seien sichtbar. Unter anderem auch deshalb, weil sich Religion nicht nur in Feiertagen manifestiere, sondern gelebter Alltag sei – von der Kleidung bis zum Essen. Gläubige Muslime und Juden: sie fallen im Straßenbild auf.

    Sowohl der Rabbiner, als auch der Imam vertreten dazu den Standpunkt: Integration dürfe nicht Assimilation bedeuten. Integration sei auch möglich, ohne sich entscheiden zu müssen, nicht mehr strikt seiner Religion zu folgen. "Integration ist ein beidseitiger Prozess, ein Wir-Prozess", gibt Demir zu bedenken. Er ist in Deutschland geboren, seine Familie stammt aus der Türkei. "Auch wenn ich mich als Österreicher sehe und es offen ausspreche, sehen mich trotzdem viele Österreicher nicht als Österreicher. Für sie bin und bleibe ich ein Ausländer. Mir begegnen aber auch Muslime, die in gewisser Weise unentschieden sind. Sie können sich weder der einen noch der anderen Kultur zuordnen." Man könne ja aber auch eine multiple Identität haben. Es sei kein entweder oder.

    Hofmeister und Demir geben in dem Buch viele Denkanstöße: da geht es um die Bedeutung von heiligen Stätten, den Umgang mit anderen Religionen, wechselseitige Vorurteile, aber auch den interkonfessionellen Dialog. Dabei sind sich die beiden einig: Bedingung dafür ist der Respekt vor dem Gebet des anderen. Hofmeister bezeichnet das Bedürfnis nach interreligiösen Gemeinschaftsgebeten als "absurd", denn in der Praxis bedeute das, "dass in der Form, im Konzept und im Inhalt dezidiert christliche Gebet von Vertretern anderer Religionen gesprochen werden sollen." Er trete dafür ein, dass Christen ihre Kirchen, "die Muslime ihre Moscheen und wir unsere Synagogen haben". "So kann jeder sein Gebet authentisch verrichten." Bei vermeintlich religionsneutralen Gebetsräumen etwa in Spitälern oder auf Flughäfen handle es sich dann meist um christliche Gebetsräume, die anderen Religionen offenstehen, aber nicht neutral seien und in der Praxis wegen der verschiedenen religiösen Symbole weder Juden noch Muslimen das eigene Gebet wirklich ermöglichen. Denkanstöße also in viele Richtungen.

    Hofmeister und Demir haben ihre Reise bereits mit einer größeren Gruppe wiederholt und hoffen so auf Multiplikatoren. Je mehr Freundschaften zwischen Muslimen und Juden in Wien entstehen, desto rascher werden die gegenseitigen Vorurteile abgebaut werden. Das kann ich persönlich nur bekräftigen: die verschiedene Religion steht dem wunderbaren Auskommen mit unseren direkten Nachbarn, gläubigen Muslimen aus Usbekistan, nicht im Weg. Die Kinder sind gleich alt und besuchen einander ständig gegenseitig. Hier wie dort gibt es übrigens kein Schweinefleisch. Und schon ist da eine Gemeinsamkeit. Das Fleisch holt unser Nachbar übrigens bei einem koscheren Schlachter in der Leopoldstadt. Man muss nur genau hinschauen und schon ergeben sich Berührungspunkte.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2016-06-23 11:13:58
    Letzte nderung am 2016-06-23 11:16:28



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