• vom 08.07.2016, 10:11 Uhr

Jüdisch leben

Update: 08.07.2016, 10:16 Uhr

Jüdisch leben

Anstößig




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (21)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexia Weiss


    Alexia Weiss ist Journalistin und Autorin.

    Alexia Weiss ist Journalistin und Autorin.© Stanislav Jenis Alexia Weiss ist Journalistin und Autorin.© Stanislav Jenis

    Antisemitisches, Verhetzendes, Rassistisches auf Facebook: Alltag. Wie oft haben andere oder ich schon Gruppen gemeldet, deren Namen auf Wiederbetätigung schließen lassen. Man bekommt dann eine Nachricht, dem werde nachgegangen und einige Wochen später meist die Verständigung, das verstoße nicht gegen Gemeinschaftsstandards.

    Eine rasche Abfrage heute Früh zeigt etwa: da gibt es eine Facebook-Seite namens "Adolf Hitler’s Eagles’s Nest" und da kann auch das Foto eines Hitlergrusses hineingepostet werden. Da gibt es eine Gruppe mit dem Titel "Gegen Flüchtlinge", wo ein Grafiksujet zu sehen ist (Eintrag vom März), auf dem ein Skelett den Stinkefinger zeigt (die auf dem Schädelknochen angebrachten Symbole sind nicht klar erkennbar) und der Slogan dazu lautet "Toleranz heißt nicht, dass wir uns alles gefallen lassen müssen". Wer nach Gruppen mit Varianten von "We hate Zionists" sucht, wird mehrfach fündig. "We hate Israel" ist ebenfalls ein beliebter Titel. Befördert wird da wie dort neben politischer Kritik eben auch Antisemitismus.

    Da können die Austria-Hooligans von "Unsterblich", die inzwischen mit Stadionverbot belegt sind, in ihrem FB-Auftritt "Old School Austria Wien – Unsterblich" ungehindert ein Foto mit einem deutlich sichtbaren "88"-Transparent im Hintergrund veröffentlichen (daneben hängt ein "Blood & Honour"-Sujet). Und auch eine Aufnahme aus einem Stadion mit den Schriftbändern "Dresden 1945" und "Unvergessen" wird von Facebook offenbar nicht als Problem gesehen.

    Seit Wochen nervt die Plakatkampagne von bet-at-home.com. Zur Fußball-Europameisterschaft hat man sich in Anlehnung an Louis de Funès-Filme ein Sujet einfallen lassen, bei dem durch ein Fernglas die Rückenansicht einer kurvigen Nackten zu sehen ist, mit einer Frisur, die an Brigitte Bardot in ihren Zwanzigern erinnert. Beim Werberat sind inzwischen mehrere Beschwerden eingegangen. Das Sujet wird von vielen als sexistisch eingestuft.

    Die Plattform 20.000 Frauen hat nun eine Gegenkampagne gestartet: unter dem Titel "Fake zum Sommerloch" hat sie Sujets mit Männerhintern veröffentlicht (http://zwanzigtausendfrauen.at/2016/06/fake-zum-sommerloch/). Gedruckt wurden Stickers, die nun zum Aufkleben verteilt werden. Ich habe eines dieser Sujets gestern, Donnerstag, am späten Abend abfotografiert und mit dem Kommentar "Gegenkampagne" auf Facebook veröffentlicht. Da war ich eben beim Museumsquartier in die U2 Richtung Seestadt eingestiegen. Es ergab sich gleich eine Diskussion – Umsteigen am Praterstern in die U1 Richtung Leopoldau. Als ich die Station "Vienna International Center" passierte, teilte mir Facebook bereits mit, dass das Foto entfernt wurde und ich damit gegen Gemeinschaftsstandards verstoßen hätte. Nicht einmal 20 Minuten hat es gedauert, bis Facebook da tätig geworden ist. Nicht einmal 20 Minuten.

    Das Original-Sujet von bet-at-home.com mit dem Frauenhintern, das Standard-Kollegin Olivera Stajic daraufhin rund um Mitternacht testhalber auf Facebook veröffentlichte, war übrigens auch heute Morgen noch sichtbar. Der Vorwurf der "double standards" greife hier aber nicht, hielt mir mein Mann heute Morgen vor. Und ja, ein bisschen Recht hat er schon: die Frauenkehrseite ist eben eine Frauenkehrseite ohne sichtbare Geschlechtsteile. Im kritischen Gegensujet ist nicht nur ein Männerpo zu sehen, sondern es sind auch Genitalien sichtbar.

    Aber dennoch: wenn es um Antisemitismus, um Rassismus, um Hetze geht, dann kommt immer die Meinungsfreiheit ins Spiel. Immer wieder landet dann hier zu Lande solcherlei Gepostetes vor Gericht – und es kommt auch zu Verurteilungen. Erst vor kurzem erhielt ein 61jähriger Mann am Landesgericht Ried drei Monate bedingte Haft, weil er in einer (inzwischen gelöschten) Gruppe "Weg mit dem Muslimdreckgesindel, man sollte diese Dreckschweine gleich abschieben" geschrieben hatte. Die Gruppe hieß "Ja zu Österreich ohne Minarette". Bis sie entfernt wurde, brauchte es einigen Druck, unter anderem auch durch die Grünen-Initiative rund um den Nationalratsabgeordneten Karl Öllinger "Stoppt die Rechten". Facebook wird hier von sich aus nicht aktiv – und Gemeldetes wird eben lange geprüft und oft für nicht anstößig befunden.

    Bei der Kampagne der Plattform 20.000 Frauen handelt es sich um eine kritische Positionierung gegenüber einer sexistischen Kampagne. Der Männerhintern soll nicht verkaufen, aber ja, er soll provozieren: um nachzudenken, wie Ähnliches doch völlig anders rezipiert wird. Facebook schafft hier eine differenzierte Betrachtung allerdings nicht. Solch ein Foto ist anstößig – und that’s it. Und dann frage ich mich doch: wenn diese Bilderkennung offenbar binnen Minuten funktioniert, warum werden dann nicht auch Hitlergruß-Fotos effizient entfernt? Oder andere Sujets, die auf NS-Wiederbetätigung schließen lassen? Das sind für mich die wirklich anstößigen Bilder, gegen die es vorzugehen gilt.

    Werbung




    2 Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
    Dokument erstellt am 2016-07-08 10:15:44
    Letzte nderung am 2016-07-08 10:16:53



    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Britische Verzweiflung
    2. Die Kehrseite öffentlicher Sparpolitik
    3. "Reißt diesen Tempel nieder"
    4. Es gibt sie doch, die unsichtbare Hand
    5. Mission Dreierkette
    Meistkommentiert
    1. Ich wähle Van der Bellen - nicht
    2. Wir werden uns noch wundern . . .
    3. Adieu, Währungsunion
    4. Klare Haltung zahlt sich aus
    5. Zeit, zusammenzurücken

    Werbung




    Werbung