• vom 21.09.2016, 13:15 Uhr

Jüdisch leben

Update: 21.09.2016, 13:43 Uhr

Jüdisch leben

Was nicht möglich war




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Von Alexia Weiss


    Die Jause im Wiener Rathaus ist inzwischen eine Jahre lange Tradition. Wenn der Jewish Welcome Service jüdische Emigranten sowie Nachfahren von österreichischen Jüdinnen und Juden, welche sich vor der NS-Verfolgung ins Ausland retten konnten, nach Wien einlädt, dann ist die Gruppe auch immer im Rathaus zu Gast. Ich bin über die Jahre mit Teilnehmern vieler Gruppen in Kontakt gekommen. Was zunehmend auffällt: die Zahl der Überlebenden, welche die Reise in die alte Heimat antritt, wird immer weniger. Inzwischen sind es vor allem die Nachkommen, die so ein wenig ihren Wurzeln nachspüren - so auch diese Woche, als wieder einmal eine Gruppe im Stadtsenatssitzungssaal Guglhupf und Sachertorte schmauste.

    Und so werden die Gelegenheiten, bei denen man mit Überlebenden sprechen kann, immer rarer. Die eigenen Erinnerungen der Gesprächspartner an die NS-Zeit sind dabei ebenfalls spärlich: wer noch ein Kind war, als der Horror seinen Lauf nahm, der kann vor allem das berichten, was seinen Eltern zugestoßen ist, das, was von der Familie weitergegeben wurde. Denn wie kann ein 1938 Vierjähriger, Fünfjähriger, Sechsjähriger tatsächlich aus der Perspektive von damals einordnen, was in den 1930ern passierte, als die Eltern plötzlich beschlossen auszureisen oder als sie das Kind mit einem Kindertransport in Sicherheit schickten? Die NS-Überlebenden, die heute noch als Zeitzeugen zur Verfügung stehen, sie waren während der NS-Zeit Kinder. Und auch sie sind schon hochbetagt. Wir schreiben das Jahr 2016. 1938, das ist 78 Jahre her.

    Als Journalistin habe ich mit dutzenden Überlebenden gesprochen. Ihre Geschichten sind so verschieden, wie es auch die Menschen eben sind. Jede Geschichte ist einzigartig, auch wenn es Details gibt, die einem immer wieder begegnen. Mit wem ich aber nie wirklich ausführlich über ihre Flucht, über ihre Erlebnisse im Wien des Jahres 1938 gesprochen habe, war meine Großmutter. Es war einfach kein Thema. Und ich kann immer weniger verstehen, warum.

    Alles, was ich über ihre Fluchtgeschichte weiß, hat mir meine Mutter erzählt. Dabei habe ich meine Großmutter vor allem in ihren letzten Lebensjahren oft gesehen: nachdem sie einem Schlaganfall erlitten hatte, holten sie meine Eltern aus ihrem beinahe lebenslangen Exil in Portugal nach Wien. Ich besuchte sie über viele Jahre jede Woche. Da hätte es viel Raum, viele Möglichkeiten gegeben, über die NS-Zeit zu sprechen. Aber irgendwie kam es nicht dazu.

    Meine Großmutter, sie erzählte oft aus ihrer Jugend: vom Schwimmen im Dianabad, von der Sommerfrische am Land, von der Schule, die sie nie so wirklich interessiert hat, weil sie sich schon früh der Schauspielerei verschrieben hatte – und dann auch am Max Reinhardt Seminar studierte. Erste kleine Rollen folgten, in der Josefstadt ebenso wie am Deutschen Theater in Prag. Davon habe ich sie schon nicht mehr sprechen gehört. Auch nicht von ihrem Künstlernamen Mimi Marian. Aber schon gar nicht hat sie darüber gesprochen, wie es war, nicht mehr als Schauspielerin engagiert zu werden, wie es war, als die Nazis immer präsenter wurden, wie es war - sie war 1938 bereits verheiratet – nach dem "Anschluss" mit ihrem Mann die Wohnung in der Nestroygasse zu verlassen und nach Frankreich auszureisen. Nichts hat sie erzählt, wie es war, als auch Paris für Juden nicht mehr sicher war, nichts darüber, wie sie sich schließlich bis nach Portugal durchgeschlagen haben.

    Was ich immer weniger verstehen kann: als meine Großmutter schließlich starb, war ich bereits weit über 30 und schon viele Jahre im Journalismus tätig. Ich weiß nicht, wie es sein kann, dass ich nicht nachgebohrt habe. Beim kleinsten Widerstand ihrerseits gab ich auf. Gut kann ich mich noch daran erinnern, wie wütend sie wurde, als ich mich von ihr verabschiedete, bevor ich für einen Monat nach Israel reiste, um dort Hebräisch zu lernen (leider sind meine Kenntnisse trotz mehrerer Sprachkurse noch immer rudimentär, aber das ist ein anderes Thema …). Sie verstand es nicht. Sie fand es nicht richtig.

    Das ist vielleicht vor dem Hintergrund zu verstehen, dass sie meinte, je weniger in Österreich das Umfeld vom Jüdischsein wisse, desto besser, desto geschützter seien wir Kinder vor den Nazis, die hier immer noch leben. Das ist im Rahmen der Zeit zu sehen – tatsächlich waren Juden ja nach 1945 hier nicht wirklich willkommen und die Nazis und ihre Ideologie nicht mit Kriegsende verschwunden. Die Waldheim-Zeit hat hier sicher viel verändert, aber die Waldheim-Zeit hat meine Großmutter eben nicht in Wien erlebt. Dieser Auseinandersetzungsprozess der hiesigen Gesellschaft ist ziemlich an ihr vorbeigegangen.

    Im Rückblick würde man oft vieles gerne anders machen. Im Rückblick hätte ich die Zeit, die ich mit meiner Großmutter verbrachte (und die kein einfacher Mensch war – was im Kontext des Geschehenen aber auch durchaus nachvollziehbar ist), gerne sinnvoller genutzt. Nicht quantitativ mehr mit ihr gesprochen, denn das habe ich ja, sondern mehr Relevantes mit ihr besprochen. Ihr mehr Fragen gestellt. In der Situation hat man aber Hemmungen, wenn man merkt, dass das Gegenüber nicht wirklich antworten will. Man nimmt Rücksicht auf das Alter und den schlechten Gesundheitszustand, man ist taktvoll und man kann ja auch nichts erzwingen.

    Insoferne ist es unwahrscheinlich, dass ich mehr erfahren hätte, hätte ich nur tiefer gebohrt. Insoferne ist es wohl auch ein verklärter Rückblick, indem ich das Gefühl habe, hätte ich es nur intensiver versucht, hätte ich mehr erfahren. Aber dennoch: immer, wenn ich mich wieder mit einem Zeitzeugen unterhalten habe, wie diese Woche, dann frage ich mich erneut: warum ist mir ein solches Gespräch nie mit meiner Großmutter gelungen?

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
    Dokument erstellt am 2016-09-21 13:16:56
    Letzte nderung am 2016-09-21 13:43:45



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