• vom 29.09.2016, 10:22 Uhr

Jüdisch leben


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5777




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Von Alexia Weiss


    Ein neues Jahr wirft seine Schatten voraus: Sonntag Abend beginnt 5777. Begrüßt wird es traditionellerweise mit Apfel und Honig – und momentan plagt mich die Frage: wie ist das zu bewerkstelligen mit einem fruktoseintoleranten Kind? Unser jüdisches Familienleben ist kein religiöses. Für mich steht die Symbolik im Vordergrund. Wenn aber nicht einmal das Verspeisen der symbolischen traditionellen Gerichte – der in Honig getauchte Apfel steht für die Hoffnung, dass das neue Jahr süß werden möge – möglich ist, was bleibt dann noch übrig von den großen Festen?

    Nun, es gibt ja auch noch die spirituellen Inhalte: im Fall von Rosch HaSchana (Hebräisch für: Kopf des Jahres) ist es das Revue passieren lassen des zu Ende gegangenen Jahres, die Überlegung, wem man vielleicht nicht fair gegenüber war, wem man sogar gekränkt, beleidigt, wen man geschädigt haben könnte. Und dann geht es ans Verzeihen. Am Ende bittet man Gott um Verzeihung – da muss man aber vorher seine Dinge auf der Erde geregelt haben.

    Verzeihen: das klingt einfach. Dazu gibt es auch ein Ritual in der Synagoge, bei dem man sich im Lauf der Hohen Feiertage grundsätzlich bei jedem entschuldigt, egal ob man ihn/sie verletzt hat oder nicht. Das ist durchaus vernünftig. Es kommt ja auch manchmal vor, dass man jemanden kränkt, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Mit solch einem Ritual ist auch hier vorgesorgt.

    Aber dennoch stellen sich mir viele Fragen. Was zum Beispiel, wenn sich mein Groll gegen einen Nichtjuden, eine Nichtjüdin gerichtet hat? Wende ich dann ebenfalls das Entschuldigungsritual an? Und was, wenn ich es einfach nicht schaffe, jemandem zu verzeihen? Wenn der Ärger und die Wut so tief sitzen? Wenn es mit einer Entschuldigung eben einfach nicht getan ist, wenn es einmal eines intensiven Gespräches bedürfte, um Dinge zu klären, dem anderen zu erklären, warum man so wütend ist?

    So etwas kann im Arbeitsumfeld der Fall sein (die intrigante Kollegin: will ich ihr wirklich symbolisch Absolution erteilen im Wissen, sie wird im kommenden Jahr um keinen Deut besser und wohlwollender agieren?) oder aber in der Nachbarschaft. Ein Beispiel: die Familie nebenan kocht ständig stark gewürzte Gerichte und durch die Lüftung kommen die Geruchsschwaden permanent auch in die eigene Wohnung (und nur um Missverständnissen vorzubeugen: alle hier angeführten Beispiele sind erfunden, es gibt weder die intrigante Kollegin noch die geruchsaufdringlichen Nachbarn). In beiden Fällen wäre aber nicht davon auszugehen, dass diese Menschen ihr Verhalten verändern. Soll ich dennoch verzeihen (wobei mich ja beide nicht einmal um Vergebung bitten würden) im Wissen, der Ärger hört auch im kommenden Jahr nicht auf und dann stünde die nächste Vergebensrunde an?

    Noch tiefer kann der Groll gehen, wenn es Unstimmigkeiten innerhalb der eigenen Familie gibt (auch das hier nun hypothetisch) oder zum Beispiel dem eigenen Kind im Lauf des vergangenen Jahres Unrecht getan wurde (das einzige nicht ganz hypothetische Beispiel in diesen Überlegungen). Es gibt Situationen, in denen das Verzeihen wirklich schwer ist (aus meiner Sicht jedenfalls – wobei ich auch den Hang habe, wenn ich einmal wütend bin, sehr nachtragend zu sein). Inwiefern kann ich selbst dann ein symbolisches Entschuldigungsritual ernst nehmen? Wieviel Wert hat solch eine Entschuldigung?

    Fragen über Fragen. Fragen, auf die ich wohl niemals Antwort finden werde. Fragen, die ich mir vor jedem Neujahr aufs Neue stelle. Kann man auf Knopfdruck verzeihen und vergessen? Würde ich insgesamt alle 613 Gebote befolgen, würde es dann leichter fallen? Macht es überhaupt Sinn, Religion nur auf einer symbolischen Ebene zu betreiben, zu sagen, ich picke mir vor allem die moralischen Fragen heraus und versuche mich im Zusammenleben mit meinen Mitmenschen richtig zu verhalten? Und wenn aber genau so meine Herangehensweise an Religion definiert ist, warum fällt dann gerade das Verzeihen in manchen Fällen so schwer?

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    Jüdisch leben, Alexia Weiss

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    Dokument erstellt am 2016-09-29 10:23:18



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