• vom 11.10.2016, 15:03 Uhr

Jüdisch leben


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Stoppt die Abschiebungen nach Kroatien




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Von Alexia Weiss


    Gestern Nachmittag flatterte erfreuliche Post in meine Mailbox: der Verein "Shalom Alaikum – Jewish Aid for Refugees" wird kommende Woche im Außenministerium ausgezeichnet. Die Gruppe Wiener Jüdinnen, die sich seit einem Jahr Menschen annimmt, die sich nach Österreich geflüchtet haben, wird mit dem Anerkennungspreis für den Intercultural Achievement Award 2016 ausgezeichnet. Anerkennung tut gut und freut – allerdings ist die Freude dieser Tage eine getrübte. Zwei der Familien, um die sich "Shalom Alaikum" kümmert, droht die Abschiebung nach Kroatien.

    Beide Familien kommen aus Syrien. Die eine Familie hat ein eineinhalbjähriges Kind und die Mutter erwartet ein zweites: sie ist im achten Monat schwanger. Das zweite Paar hat eine elfjährige Tochter, die seit dem vorigen Schuljahr ein Wiener Gymnasium besucht. Sie ist gut integriert und auch an der Schule kann man es nicht nachvollziehen, dass hier eine Familie, die dabei ist, sich ein neues Leben aufzubauen, erneut entwurzelt werden soll: der Elternverein unterstützt durch Hilfe für die rechtliche Vertretung.

    Vergangene Woche postete eines der Vorstandsmitglieder von "Shalom Alaikum" auf der Facebook-Seite des Vereins: "(Es ist mir unerträglich, diesen Spendenaufruf schreiben zu müssen.) Eine unserer befreundeten Familien lebt in Angst davor, von Wien nach Kroatien ‚ausgewiesen‘ zu werden. Die beiden Eltern einer Tochter möchten bereit sein für den Moment, falls die Polizei kommt, um sie zu holen. Sie wünschen sich daher einen größeren Trolley, also Koffer mit Rollen. Hat jemand einen Koffer abzugeben? In der Hoffnung, dass ihn diese kleine Familie nie benützen muss! Danke."

    Ein Koffer hat sich inzwischen gefunden. Die Hoffnung, dass sich die Behörden doch noch eines Besseren besinnen, bleibt. Sie schwindet allerdings, wenn man sich unter anderen NGOs umhört: die Fälle, in denen hier Menschen benachrichtigt werden, dass sie nach Kroatien abgeschoben werden, beziehungsweise die Zahl von Fällen, in denen bereits abgeschoben wird, häufen sich. "BorderCrossing Spielfeld" spricht hier von 1.700 Menschen, die nach Kroatien transportiert werden sollen.

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    Als die Medien vergangene Woche über eine solche Abschiebung berichteten, stand in den Kommentaren darunter allerlei Hässliches. Vor allem aber war da immer wieder zu lesen: wozu das ganze Theater, es hätten wohl einfach Papiere gefehlt. Das ist der springende Punkt. Die beiden von "Shalom Alaikum" betreuten Familien haben nichts anders gemacht als andere syrische Familien, denen bereits Asyl in Österreich zugesprochen worden ist.

    Es hat einfach den Anschein, die Regierung, die Behörden schlagen nun einen neuen Kurs ein: die Europäische Union konnte sich bis dato noch immer nicht auf eine gerechte Aufteilung der Flüchtlinge einigen, und nun beginnt Österreich eben im Alleingang umzuverteilen. Man beruft sich dabei auf Dublin III – wonach das erste EU-Land, das der Geflüchtete betreten hat, zuständig ist. Da Griechenland ohnehin schon mit den vielen Flüchtlingen, die inzwischen dort gestrandet sind (seitdem die Balkan-Route geschlossen wurde) nicht mehr zurecht kommt, wird Dublin III so interpretiert, dass manchen Menschen hier in Österreich Asyl zuerkannt wird und andere Menschen eben in das zweite EU-Land, das sie betreten haben, abgeschoben werden. Und dieses zweite Land kann, je nach gewählter Fluchtroute, Kroatien sein.

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    Jüdisch leben, Alexia Weiss

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    Dokument erstellt am 2016-10-11 15:04:59



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