• vom 24.11.2016, 14:58 Uhr

Jüdisch leben

Update: 24.11.2016, 15:09 Uhr

Jüdisch leben

Reden statt schweigen




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    Esther Bejarano im Interview mit Alexia Weiss.

    Esther Bejarano im Interview mit Alexia Weiss.© Alexia Weiss Esther Bejarano im Interview mit Alexia Weiss.© Alexia Weiss

    "Man muss sich klar sein, dass es wieder so weit kommen kann, wenn man nicht dagegen ankämpft", sagte die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano vergangenes Wochenende in Wien. Und, betonte sie am Rand einer Auftrittes im Rahmen des Festivals KlezMORE: "Man darf nicht schweigen. Ich habe die große Angst, dass die Menschen wie damals auch wieder schweigen." Die AfD (Partei "Alternative für Deutschland"), die Bewegung Pegida, aber auch Hass und Hetze im Internet sind für sie die Materialien, aus denen sich Faschismus zusammenbraut. Der Nationalsozialismus sei auch nicht von einem Tag auf den anderen entstanden. Da habe es zuvor viele einschlägige Zirkeln, Vereine, Bewegungen gegeben, gibt sie zu bedenken.

    Stichwort Hass im Internet: Bejarano sah sich selbst mit Anfeindungen konfrontiert, die ihr sehr nahe gegangen sind. Die Journalistin Ingrid Brodnig hat sich damit und insgesamt dem steigenden Antisemitismus im Internet in ihrem Beitrag für "Das Jüdische Echo 2016", das eben erschienen ist, befasst. Bejarano war in Auschwitz Teil des Mädchenorchesters, sie spielte das Akkordeon. Sie ist als Zeitzeugin aktiv, sucht das Gespräch vor allem mit jungen Menschen, denn, siehe eingangs: sie ist der festen Ansicht, dass man nicht schweigen darf. Auf Facebook warf ihr ein User vor, die "Esther-Bejarano-Show" abzuziehen. Vor allem aber hielt er ihr vor, dass sie andere mit einem lachenden Auge in den Tod habe gehen lassen, indem sie sich mit anderen freiwillig zur Bildung eines Lagerchores gemeldet habe. "Eine Täter-Opfer-Umkehr in Reinform", schreibt Brodnig. Gegen den Poster wurde inzwischen Anklage erhoben, denn Bejarano schaltete einen Anwalt ein.

    Das diesjähriges "Jüdische Echo" setzt sich mit dem Themenfeld "Bedrohungen, Feindbilder, Sündenböcke" auseinander. Untertitel: "Wie die Furcht vor dem Fremden die Empathie tötet". Bei der Präsentation des aktuellen Bandes – gegründet wurde die Publikation von der Vereinigung Jüdischer Hochschüler Österreichs und Leon Zelman – stand die Fluchtsituation im Mittelpunkt: wie sahen die Rahmenbedingungen für Flucht in der NS-Zeit aus, wie sind sie heute?

    Was die Historikerin Gabriele Anderl da zu berichten hatte, kommt vielen FlüchtlingshelferInnen von heute sehr bekannt vor. Staaten, die niemanden hereinlassen wollen und die Grenzen dicht machen, die Schwierigkeit an Visa zu kommen, um legal einreisen zu können, die Hilfe von Schleppern, auf die Flüchtende angewiesen sind, die immer weiter in der Zahl abnehmenden Möglichkeiten, sich noch irgendwohin retten zu können.

    Ich habe die für viele Jüdinnen und Juden so wichtige Frage - ist die Situation von heute mit jener von damals vergleichbar? – in diesem Blog schon einmal für mich beantwortet und ich stelle es noch einmal klar: der Holocaust war in seiner systematischen Vernichtung einmalig. Aber: die Lage der Flüchtenden heute gestaltet sich ähnlich wie die Situation der Flüchtenden damals. Die einen flohen vor den Nazi-Schergen, die anderen retten sich vor islamistischen Terroristen, Bürgerkrieg oder Bomben. Damals wie heute steht im Zentrum der Flucht, sein Leben und das Leben seiner Liebsten zu retten. Damals wie heute ist die Reaktion vieler Staaten und Politiker, sie dafür zu kriminalisieren: weil sie illegal einreisen. Wenn man ehrlich ist, haben sie aber auch keine andere Möglichkeit.

    Im Rückblick anerkennen wir den Mut der Menschen, die in den 1930er und 1940er Jahren alle Hindernisse aus dem Weg räumten, um doch noch irgendwo in Sicherheit zu kommen. Wir erzählen ihre Geschichten, wir gedenken, wir sagen, niemals wieder dürfe das passieren. Und doch ist aktuell in der Debatte um den Umgang mit Flucht, mit Flüchtenden permanent von illegalen Flüchtlingen die Rede, davon, dass sie keine Papiere hätten, dass sie falsche Angaben machen.

    Und wenn das oft genug wiederholt wird, dann setzt sich in großen Teilen der Bevölkerung fest: das sind Kriminelle, diese Menschen erschleichen sich Aufenthalt hier, sie erschleichen sich Privilegien wie die Mindestsicherung. Denn eigentlich seien das ja nur Wirtschaftsflüchtlinge.

    Anderl wies bei der Präsentation des Jüdischen Echo einmal mehr ganz klar darauf hin: die Genfer Flüchtlingskonvention ist ein Ergebnis der Wirren in und nach dem Zweiten Weltkrieg. Menschen, die in Gefahr sind (wegen individueller Verfolgung, was ja auch im Asylverfahren nachgewiesen werden muss) haben das Recht auf Asyl. Ist die Situation im Herkunftsland gefährlich, gibt es zudem die Möglichkeit, subsidiären Schutz zu erhalten, bis eines Tages sich die Lage so verbessert, dass sie wieder in ihre Heimat zurückkehren können.

    Nur will man nun europaweit nichts mehr von diesem Bekenntnis wissen. Und Österreich, dass zunächst Flüchtlinge aufnahm, bevor sich Außenminister Sebastian Kurz daran machte, in der EU für das Schließen der Balkanroute zu werben und dies schließlich auch durchzusetzen, schiebt nun nach und nach Geflüchtete wieder ab – vor allem nach Kroatien (wo man sich eigentlich auch nicht zuständig sieht, sich vor allem aber nicht auf die Unterbringung geschweige denn Integration von Flüchtlingen vorbereitet hat). Gegen diese Praxis wenden sich nun zahlreiche NGOs und zivilgesellschaftliche Initiativen, darunter auch Shalom Alaikum, die sich in der "Plattform für eine menschliche Asylpolitik" zusammengefunden haben. Für kommenden Samstag haben sie unter dem Motto #LetThemStay / #LasstSieBleiben zu einer Kundgebung aufgerufen. Start ist um 14 Uhr am Christian-Broda-Platz, dann geht es über Mariahilfer Straße und Ring zum Ballhausplatz.

    "Es ist ein ungeheurer Skandal, was die Regierung und die Behörden hier treiben", betonte Plattformsprecher Michael Genner von "Asyl in Not" heute in einer Aussendung. "Da werden schwerstkranke und suizidgefährdete Menschen aus Spitälern gezerrt, Kinder und Jugendliche mit Polizei aus Schulklassen gerissen oder wie in Kumberg sogar mit Hubschraubern und Hundestaffeln gejagt. Diese Menschenjagd muss ein Ende haben!" All das könnte sofort beendet werden, denn: "Österreich könnte sich jederzeit für die hier gestellten Asylanträge zuständig erklären." Dieser Ansicht ist auch die Schriftstellerin Susanne Scholl, die nun seit Wochen Offene Briefe an die Regierungsverantwortlichen schreibt und fordert, dass die Abschiebungen gestoppt werden sollen. Sie wird bei der Demonstration am Samstag auch das Wort ergreifen.

    Sprechen, nicht schweigen: damit sind wir wieder bei den anfänglich zitierten Worten von Esther Bejarano. In den vergangenen Tagen gab es vieles, wozu man nicht schweigen kann: Hitler-Gruß-Videos aus den USA beispielsweise, wo weiße Männer "Heil Trump!" oder "Heil Victory!" rufen. Alt-Right nennt sich diese Bewegung, sie versammelt Rechtsradikale in den Vereinigten Staaten. Sie können sich jenseits des Atlantiks über soziale Netzwerke wie Facebook ihre Echokammern schaffen so wie es Rechtspopulisten wie die Freiheitlichen auch in Österreich tun. Netzwerke, die mit Angst und Panikmache operieren: zuerst wird die Angst gefüttert, dann die Antwort darauf angeboten: Abschottung, Werte (bald kommt dann das Wort christlich ins Spiel), Ausgrenzung von Minderheiten. Und so lange wird suggeriert, dass es ohne diese Abschottung, ohne Härte gegenüber MigrantInnen, gegenüber Flüchtenden zum Bürgerkrieg kommt, dass sich sehr viele Menschen sehr sicher sind, dass es nun nur mehr mit einem harten Kurs geht. Und im Hinterkopf setzt sich fest, aber vielleicht kommt doch noch ein Bürgerkrieg. Und man stellt sich darauf ein. Ich kann die Sorgen von Esther Bejarano verstehen.

    Wir sind heute mit einem heterogenen Konglomerat verschiedenster sorgenbereitender Phänomene konfrontiert, die jedes für sich ein Alarmzeichen darstellt, und wir noch nicht wissen, zu welchem Ganzen sich all diese Erscheinungen eines Tages zusammensetzen werden. Gutes verheißen sie jedenfalls nicht. Und das muss aufgezeigt und wieder aufgezeigt und nochmals aufgezeigt werden.

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    Schlagwörter

    Jüdisch leben, Flucht, Altright

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
    Dokument erstellt am 2016-11-24 14:59:57
    Letzte nderung am 2016-11-24 15:09:15



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