• vom 07.02.2017, 13:25 Uhr

Jüdisch leben

Update: 07.02.2017, 13:54 Uhr

Jüdisch leben

Rassistische Debatte




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Von Alexia Weiss


    Wenn das Kopftuch aus Berufsbildern verbannt wird, verbannt man alle anderen religiösen Bekleidungen – und damit die Kippa –gleich mit.

    Wenn das Kopftuch aus Berufsbildern verbannt wird, verbannt man alle anderen religiösen Bekleidungen – und damit die Kippa –gleich mit.© APAweb, dpa, Frank Rumpenhorst Wenn das Kopftuch aus Berufsbildern verbannt wird, verbannt man alle anderen religiösen Bekleidungen – und damit die Kippa –gleich mit.© APAweb, dpa, Frank Rumpenhorst

    Religion ist dieser Tage ständiges Thema in der politischen Berichterstattung, aber auch in alltäglichen Gesprächen. Vollverschleierung für Muslimas – nein, Kopftuch ist okay, aber nicht immer (und für manche soll es im öffentlichen Raum überhaupt nicht sichtbar sein), das Kreuz soll aus den Klassenzimmern verschwinden – oder wieder dorthin zurückkehren. Der Staat soll neutral auftreten, die Gesellschaft säkular sein und Religion Privatsache. Allerdings steht Österreich in christlicher Tradition, die aufrechtzuerhalten ist. Religionsfreiheit gilt als ein Wert, den es zu schützen gilt. Oder auch nicht.

    Gleichberechtigung der Frau, Schutz des Kindes, Tierleid: wenn es um Kritik an Religion geht, vermischen sich die Debatten – oder werden vermischt. Was steht höher? Frauenrechte oder Religionsfreiheit? Beschneidet allerdings das Tragen eines Hidschab Frauen in ihrer Eigenständigkeit? Tragen sie es freiwillig? Wird es ihnen aufgezwungen? Wie sieht es mit Kippa tragenden Buben aus? Oder gar der Beschneidung? Im Kampf gegen Religion scheint jedes Argument recht, egal aus welchem Diskurs es eigentlich stammt, egal wie sehr oder wenig manchem Diskutierenden ansonsten dieses Thema am Herzen liegt.

    Dieses ganze Geflecht an Argumenten und Scheinargumenten, gilt es zu entwirren. Was man dann immer wieder hört: Kinder sollen nicht religiös indoktriniert werden. Lasst sie sozusagen in Freiheit aufwachsen, und dann sollen sie sich als Erwachsene für eine Religion oder ein Leben ohne Gott entscheiden. Unterrichtet sie in Ethik, der Rest kommt dann schon. Klingt theoretisch auf den ersten Blick vernünftig. Aber auf den zweiten Blick eben schon nicht mehr. Religion ist nicht nur Handeln nach gewissen Regeln und Glauben an eine höhere Macht. Religion gibt Sicherheit, gibt Orientierung – wenn man sie verinnerlicht hat. Religion ist nichts, was man jemandem einfach überstülpen kann. Viel hat hier mit Gefühl, mit gelebtem Alltag zu tun. Wer Religion, seine Religion nicht von klein auf lebt, wird aus ihr viel schwerer jene Sicherheit, jenes Urvertrauen schöpfen können, für die sie observante Christen, Juden, Muslime, Hindus etc. so schätzen und hochhalten. (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel: oft sind jene, die im Erwachsenenalter konvertiert sind, die pflichtbewussteren Gläubigen. Wobei pflichtbewusst eben nicht automatisch gleichzusetzen ist mit: in ihrem Glauben gefestigt.)

    Diskurse werden vermischt

    Das kann man nun gutheißen oder nicht. Wer aber Religionsfreiheit gesetzlich festschreibt, wie das in Österreich der Fall ist, der muss ermöglichen, dass Religion auch ausgeübt werden kann – egal, ob es sich um eine hier über Jahrhunderte ausgeübte handelt oder eine, die es, wie den Islam, zwar hierorts auch schon länger gibt, deren Mitgliederzahl aber erst in den vergangenen Jahrzehnten stärker angestiegen ist. Für das Judentum hat der fürchterliche Einschnitt durch den Holocaust in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Sondersituation geschaffen (und das ist auch gut so). Kein Politiker will in irgendeiner Form mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht werden. Jüdisches Leben gilt es zu ermöglichen und zu fördern. Doch auch hier machen sich bereits Erosionserscheinungen bemerkbar: wenn das Kopftuch aus Berufsbildern im öffentlichen Dienst, wie in der Polizei oder der Richterschaft, verbannt wird, verbannt man alle anderen religiösen Bekleidungen – und damit die Kippa – gleich mit (und ob das nun in der Praxis mangels einer Heerschar an jüdischen orthodoxen Polizisten eine Rolle spielt oder nicht, ist da aus meiner Sicht zweitrangig). Wenn die FPÖ eine Kampagne gegen das rituelle Schlachten durch Muslime reitet, dann steht auch das koschere Schlachten zur Disposition.

    Was manche Regierungsmitglieder, Kommentatoren und der reale wie virtuelle Stammtisch nun aber in der Debatte über religiöse Symbole, siehe oben, tun, ist, erneut Diskurse vermischen: Integration, Migration, Flucht, Asyl, Religionsausübung, Sichtbarkeit von religiöser Zugehörigkeit – alles wird vermengt. Bedient wird damit eine fremdenfeindliche Debatte. Nur darum geht es. Bedient werden damit rassistische Ressentiments und das ganz bewusst: die FPÖ hat über viele Jahre vorexerziert, wie viele Stimmen das bringen kann. Nun sind andere auch auf diesen Zug aufgesprungen. Wozu das führt ist am Ende eine gespaltene Gesellschaft, eine Gesellschaft des wir und sie, eine Gesellschaft, die von Gräben durchzogen ist.

    Vielleicht sollten wir einmal eine ehrliche Debatte darüber führen, ob Religionsfreiheit noch gewünscht ist oder nicht. Bekennt man sich aber zu dieser als Grundwert dieses Landes, dann sollte nicht unterschwellig suggeriert werden, dass es bessere, schlechtere, unterstützenswertere, abzulehnende, harmlosere und gefährlichere Religionen gibt.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-02-07 13:26:00
    Letzte nderung am 2017-02-07 13:54:02



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