• vom 27.02.2017, 14:38 Uhr

Jüdisch leben

Update: 27.02.2017, 14:47 Uhr

Jüdisch leben

Der Markt sollte nicht alles regeln




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Von Alexia Weiss


    Alexia Weiss - © Paul Divjak

    Alexia Weiss © Paul Divjak

    Rechtsextreme Seiten im Netz haben ihren Zenit zwar überschritten, da inzwischen vor allem in sozialen Medien versucht wird, potenzielle neue Anhänger anzusprechen. Aber es gibt sie nach wie vor. Sind es deutschsprachige Seiten, weichen die Betreiber gerne auf Provider in den USA aus: die Meinungsfreiheit macht es dort möglich, Inhalte zu veröffentlichen, die zum Beispiel in Österreich unter das Verbotsgesetz fallen.

    Inzwischen ist allerdings weltweit eine andere Art von Portalen groß geworden: rechtspopulistische Seiten, die gegen das so genannte Establishment wettern, Verschwörungstheorien aller Art bedienen und dabei rechte Inhalte einflechten. "Natural News" ist eine solche Seite in den USA, aber auch das inzwischen weithin bekannte Portal "Breitbart". Dessen Mastermind Stephen Bannon ist heute Berater von US-Präsident Donald Trump.

    Propagiert wird ein weißes Amerika, wobei hier eine Leser- und Gefolgschaft aufgebaut wurde, die man gar nicht mehr mit explizitem Antisemitismus oder Rassismus füttern muss. Ähnlich wie etwa auch auf der Facebook-Seite von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache reicht es, einfach nur ein Thema anzusprechen, wie etwa Kritik des Filmemachers Michael Moore an der Politik Trumps. Den Rest erledigen dann die Poster und Posterinnen in den Kommentaren unter dem eigentlichen "Breitbart"-Beitrag.

    So schaukelt sich ein Publikum deutlich rechts der Mitte gegenseitig in seinen juden- und ausländerfeindlichen Ressentiments hoch und wird dann möglicherweise auch aktiv. Ist es Zufall, dass sich nun Meldungen über Bombendrohungen gegen jüdische Einrichtungen in den USA häufen oder jüdische Friedhöfe geschändet wurden?

    Wie ist solchen Seiten Einhalt zu gebieten? Hass im Netz ist dieser Tage auch in Europa ein wichtiges Thema. Staatssekretärin Muna Duzdar arbeitet hier für Österreich derzeit an einer Initiative, die diese Tendenz stoppen soll. Herzstück ist eine Meldestelle, bei der auf Seiten, Einträge, Postings aufmerksam gemacht werden kann.

    Google spielt nicht mehr mit: Sinkende Werbeeinnahmen

    In den USA wiederum ließ nun Google aufhorchen: mit dem Argument, sie hätten gegen Nutzungsbedingungen verstoßen, zeigt die Suchmaschine einige rechtspopulistische Seiten bei Suchanfragen schlicht nicht mehr an. Betroffen sind davon etwa laut eines Berichts der "Welt" die Seiten "Natural News" und "Info Wars". Damit verzeichnen diese Seite wesentlich weniger Zugriffe, da sie nur mehr direkt angesurft werden können. Sinkende Zugriffszahlen bedeuten allerdings auch sinkende Werbeerlöse.

    Seit Ende Jänner bekommen zudem an die 200 Seiten, die der "Fake News"-Szene zugeordnet werden, keine Werbeanzeigen mehr über das Google-Netzwerk zugespielt. Und auch andere Werbenetzwerke beginnen solchen Seiten zu boykottieren, wie etwa Omnicom, das zum Beispiel Werbebudgets von Apple, McDonald’s und einigen Autoherstellern verwaltet. Viele Omnicon-Kunden wollen ihre Anzeigen schlicht nicht auf Seiten wie "Breitbart" sehen, war laut "Welt" in einem internen Memo der Plattform zu lesen. Ein Konzern, der sich ganz öffentlich gegen Werbung bei "Breitbart" entschied war Kellog’s.

    Nun könnte man sagen: gut so. Endlich passiert einmal etwas. Dem Anstieg der Zugriffszahlen wird so entgegengewirkt und die Seitenbetreiber spüren die wirtschaftlichen Auswirkungen. Und dennoch: ich bin nicht der Ansicht, dass der Markt alles regeln sollte. Das gilt umso mehr, wenn es um demokratische Grundprinzipien geht. Schön, wenn das Vorgehen von Google und Omnicon nun dazu führt, dass "Breitbart" oder "Natural News" Leser und Leserinnen abhanden kommen.

    Wie aber sähe es aus, wenn die Gesellschaft zunehmend Hetze gegen Mexikaner, Muslime, Juden, politisch Linke etc. mehrheitlich gutheißen würde? Wenn es wirtschaftlich mehr Schaden anrichten würde, solche Portale nicht zu bewerben, weil sich Unternehmen mit Shitstorms aufgebrachter "Breitbart"-Anhänger konfrontiert sähen? Bannon sitzt heute im Zentrum der Macht. Wie groß sein Einfluss tatsächlich ist, wird sich nach und nach herauskristallisieren. Hier sind die Dinge im Fluß und wie rasch die Stimmung kippen kann, hat nicht zuletzt die Wahl Trumps zum US-Präsidenten gezeigt.

    Den Hebel, den es meiner Meinung nach im Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit oder Antisemitismus zuallererst zu bedienen gilt, ist der rechtliche. Eine klare Gesetzgebung und eine entsprechend agierende Exekutive und Justiz sollten die Garanten sein, dass die Demokratie nicht ausgehöhlt und unterwandert wird. Wirtschaftlicher Boykott mag ein gutes Mittel zum Zweck sein. Er kann sich aber auch rascher als man denkt als Waffe jener entpuppen, die dem Rechtsstaat, wie wir ihn schätzen, den Kampf angesagt haben.





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    Dokument erstellt am 2017-02-27 14:38:39
    Letzte nderung am 2017-02-27 14:47:38



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