• vom 27.03.2017, 20:58 Uhr

Jüdisch leben

Update: 27.03.2017, 21:05 Uhr

Jüdisch leben

Fort damit!




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Von Alexia Weiss


    Die traditionelle Challa kommt zu Pessach nicht auf den Tisch - sie ist Chometz und muss vor Beginn des Festes aufgegessen werden.

    Die traditionelle Challa kommt zu Pessach nicht auf den Tisch - sie ist Chometz und muss vor Beginn des Festes aufgegessen werden.© Alexia Weiss Die traditionelle Challa kommt zu Pessach nicht auf den Tisch - sie ist Chometz und muss vor Beginn des Festes aufgegessen werden.© Alexia Weiss

    Pessach wirft seine Schatten voraus und dieser Schatten heißt: Putzen. Nach und nach muss alles Gesäuerte (Chometz) im Vorratsschrank aufgegessen und danach jedes Brösel beseitigt werden. Alternativ kann man Chometz, den man nicht entsorgen möchte, symbolisch an Nichtjuden verkaufen. Dazu gibt es spezielle Vollmachten für einen Verkauf, der an das Rabbinat übermittelt wird, auf denen eingetragen wird, was wo gelagert wird und welchen Wert es hat. Nach Pessach kann man diese Vorräte dann wieder symbolisch zurückkaufen.

    In Erinnerung an die Juden, die laut Tora Ägypten Hals über Kopf verlassen mussten und keine Zeit hatten, vorzukochen oder vorzubacken, wird zu diesem Fest nur Ungesäuertes gegessen: Brot also, bei dem das Mehl nur kurz in Kontakt mit Wasser kam. Matzot nennt man diese Backwaren, die von Konsistenz und Geschmack an Knäckebrot erinnern. Die Vorfreude auf die ersten Matzot ist jedes Jahr groß, doch mit Fortschreiten der Pessachfeiertage sehnt man sich schon wieder nach herkömmlichem Brot, Nudeln, Mehlspeisen, die nicht aus geschichteten Matzot mit einer Creme dazwischen bestehen (auch das eine feine Leckerei – aber nicht acht Tage hintereinander).

    Über alte und neue Plagen

    Plagen wie Heuschreckenschwärme, Viehpest, Finsternis oder Hagel machten im alten Ägypten dem Pharao klar, dass er die Juden ziehen lassen musste. Und so zogen sie dahin und machten sich auf ihren langen, langen Weg. Heute fliehen Menschen vor anderen Plagen: vor lebenslangem Militärdienst und damit ausschließlicher Fremdbestimmung aus Eritrea, vor Bomben, dem Terror des IS und den Repressalien des Assad-Regimes aus Syrien, vor den das Land erneut in Schrecken versetzenden Taliban aus Afghanistan.

    Doch anders als damals die Juden scheint die Flüchtenden von heute niemand unter seine Fittiche zu nehmen und sicher dahin zu geleiten, wo sie sich – unterstützt von der Gesellschaft in der neuen Heimat – eine gesicherte Existenz aufbauen können. Ganz im Gegenteil: immer neue Hindernisse werden aufgebaut, damit möglichst wenige es schaffen, hier in Europa, hier in Österreich anzukommen.

    Der letzte Schachzug in diesem Trauerspiel, wo es um viel geht, um Menschenleben nämlich, der letzte Schachzug also, er lautet, dass Österreich sich nicht mehr an der zumindest theoretisch vorhandenen Flüchtlingsumverteilung innerhalb der Europäischen Union beteiligen will. Ja, andere EU-Länder haben sich von Anfang an unsolidarisch gezeigt. Hier aber Italien und Griechenland, die auf Grund ihrer geographischen Lage nun einmal erste Anlaufstelle von Geflüchteten sind, alleine zu lassen, ist niederträchtig. Oft wurde schon geschrieben, dass das Projekt EU gescheitert ist. Wenn es mit der fehlenden Solidarität so weitergeht, sind wir tatsächlich nicht mehr weit von einem In-Sich-Zusammenfallen der Union entfernt.

    Was wurde aus den Hotspots?

    Und so möchte ich rufen: lasst uns in den kommenden Tagen gemeinsam mit dem Chometz doch auch diesen Ungeist aus unserem Haus Österreich entsorgen. Fort damit! Fort mit den immer neuen Regierungsvorstößen, wie man Geflüchteten noch mehr Hindernisse in den Weg legt, sodass sie den Weg in das Herz Europas nicht mehr schaffen. Einige schaffen es nämlich doch. Aber um welchen Preis. Zum einen steigt die Schlepper-Kriminalität, zum anderen die Zahl der Toten. Wenn es zu kalt ist, erfrieren sie auf dem Weg durch Europa, wenn die Schlauchboote zu voll beladen werden mit der Ware Flüchtlinge, die so manchem dieser Tage so viel einbringt, dann ertrinken sie im Mittelmeer. Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, machen sich dennoch auf die Reise. Doch je mehr Hindernisse, desto mehr Tote. Und legale Einreisemöglichkeiten zu schaffen, davon sind wir weiter weg denn je. Was wurde eigentlich aus der Idee der Hotspots?

    Fort auch mit den Sonntagsreden und leeren Lippenbekenntnissen, die die Hilfe vor Ort beschwören. Jeder weiß, dass sich niemand auf den Weg machen würde, könnte er nahe der Heimat nicht nur überleben, sondern langfristig auch leben, könnte er also arbeiten, seine Kinder zur Schule schicken. Die substanziellen Unterstützungsprogramme lassen auf sich warten, ebenso die Gespräche mit Ländern wie dem Libanon, um mit diesen auszuloten, wie man ihnen bei ihrer schwierigen Aufgabe helfen kann.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-03-27 20:58:49
    Letzte nderung am 2017-03-27 21:05:49



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