• vom 03.04.2017, 10:22 Uhr

Jüdisch leben

Update: 03.04.2017, 10:29 Uhr

Jüdisch leben

Veganer und das Pessachopfer




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Von Alexia Weiss


    K wie koscher und V wie vegan. - © Alexia Weiss

    K wie koscher und V wie vegan. © Alexia Weiss

    Immer öfter finde ich auf koscheren Produkten neben dem Koscher-Zeichen die Kennzeichnung, dass dieses Lebensmittel auch vegan ist. Und Israel – vor allem Tel Aviv – gilt als Paradies von Veganern: fünf Prozent der Bevölkerung ernähren sich dort pflanzlich – und noch weit mehr vegetarisch. Das spiegelt sich auch in den gastronomischen Angeboten wieder. Zu dem Boom beigetragen haben Bloggerinnen wie Orit Shavit.

    Wie aber ist die rabbinische Sicht auf diesen Food-Trend, der mehr als nur Trend zu sein scheint? Grundsätzlich ist nichts gegen Veganismus einzuwenden, schrieb dazu kürzlich Wiens Oberrabbiner Arie Folger in der Facebook-Rubrik "Frag den Rabbiner". Aber. Die Motivation darf nicht die Falsche sein. Und: wer vegan isst, muss bereit sein, wenn der Maschiach, der Messias, zu seinen Lebzeiten kommt, ein Stück des Pessachopfers zu essen.

    Wenn der Tempel wiederersteht

    Pessach wird kommende Woche gefeiert – Juden weltweit erinnern sich mit diesem Fest an den Auszug der Jüdinnen und Juden aus Ägypten. Bis zur Zerstörung des Tempels war es eine sehr große Mitzwa – eine religiöse Pflicht – vom zu Pessach geopferten Tier zu essen. Kommt der Maschiach, wird der Tempel wiedererstehen – dann steht auch dem Pessachopfer nichts mehr im Weg.

    Schwierig. Als jemand, der seit Kindheit an kein Fleisch isst, eine nahezu unvorstellbare Pflicht. Da bleibt nur zu hoffen, dass einem mit dem Erscheinen des Maschiach solche Dinge völlig nebensächlich erscheinen werden. Und das jetzt einmal so für sich einzuordnen: die Welt wir dann um so viel besser sein, dass man sich vorstellen kann, selbst dieses im Verhältnis zum großen Ganzen kleine Opfer zu bringen, und einen sehr, sehr kleinen Bissen des Opfertieres zu essen. Wie klein ist groß genug? Das wird, wenn es so weit ist, wohl auch geklärt werden.

    Die Frage der Motivation

    Interessant finde ich die Ausführungen des Oberrabbiners zur richtigen und falschen Motivation, kein Fleisch zu essen. "Wer Fleisch nicht mag, der darf auf den Fleischkonsum verzichten", schreibt er. Oder eben fast verzichten. Die Bereitschaft, eines Tages das Pessachopfer zu verspeisen, die muss eben da sein.

     Aber: "Eine Haltung, die den Tierkonsum aus moralischen Gründen total ablehnt, ist nach der Tora nicht vertretbar", so Oberrabiner Folger. Seine Argumentation: In der Tora gebe es viele Gebote bezüglich des Tierkonsums zu Hause und der Tieropfer im Tempel. "Damit vermittelt die Tora eindeutig, dass Tiere für einen legitimen Zweck umzubringen kein Mord oder sonstige Sünde ist."

    Indem man also Fleischkonsum ablehnt, weil man gegen das Töten von Tieren ist, dann spießt sich das mit der Tora. Das ist natürlich schwierig. Mir persönlich schmeckt kein Fleisch, aber viel schwerer wiegt die Vorstellung, in etwas zu beißen, was einmal im Idealfall fröhlich auf der Wiese herumgesprungen ist. Ist es nun der Geschmack oder ist es das Grausen davor, totes Tier zu sich zu nehmen, das mich kein Fleisch essen lässt? Eher zweiteres. Ein Dilemma, das aber wohl jeder mit sich selbst auszumachen hat. Mir kommt in jedem Fall kein Fleisch auf den Teller.





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    Dokument erstellt am 2017-04-03 10:22:46
    Letzte nderung am 2017-04-03 10:29:25



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