• vom 10.04.2017, 12:27 Uhr

Jüdisch leben

Update: 10.04.2017, 12:37 Uhr

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Leichenbilder




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Von Alexia Weiss

  • Brauchen wir wirklich Schockfotos, um Schreckliches zu verstehen?

Am Schwedenplatz erinnert nun ein Denkmal an sieben Wiener jüdische Kinder, die von einem Kinderheim in Izieu/Frankreich nach Auschwitz in den Tod deportiert wurden.

Am Schwedenplatz erinnert nun ein Denkmal an sieben Wiener jüdische Kinder, die von einem Kinderheim in Izieu/Frankreich nach Auschwitz in den Tod deportiert wurden.© Alexia Weiss Am Schwedenplatz erinnert nun ein Denkmal an sieben Wiener jüdische Kinder, die von einem Kinderheim in Izieu/Frankreich nach Auschwitz in den Tod deportiert wurden.© Alexia Weiss

Georgy Halpern war ein fröhlicher Wiener Bub. Dieses Gefühl wird einem jedenfalls vermittelt, wenn man sich Fotos von dem Kind ansieht, das nur acht Jahre alt wurde. Seit vergangener Woche erinnert am Schwedenplatz ein Denkmal an Georgy und weitere sechs jüdische Buben und Mädchen aus Wien, die in der NS-Zeit zunächst in einem Kinderheim in Izieu in Frankreich in Sicherheit schienen, doch dann auf Befehl des "Schlächters von Lyon", Klaus Barbie, abgeholt und in den Tod verschickt wurden.

"In Erinnerung an Georgy Halpern 1935 – 1944, der bis 1939 mit seinen Eltern Julius und Serafine in der Rotenturmstraße 29 lebte. Die Familie floh 1939 nach Frankreich und Georgy kam Ende 1943 in das Kinderheim von Izieu. Am 6. April 1944 wurden er und 43 Kinder sowie ihre Erzieherinnen festgenommen, ins Sammellager Drancy verbracht, am 13. April ins KZ Auschwitz deportiert und sofort ermordet", ist auf dem von Milli Segal initiierten Erinnerungsstein verewigt.

Wer auch immer künftig an diesem Denkmal vorbeigeht, weiß: hier ganz in der Nähe hat einmal ein jüdischer Bub gelebt. Und er wurde nicht alt, denn er wanderte in eine der Gaskammern der Nationalsozialisten. Das bedeutet "in Auschwitz ermordet". Man braucht es gar nicht extra dazuschreiben. Wer am Tag der Ankunft in einem KZ starb, der starb keines natürlichen Todes. Das ist heute kollektives Wissen.

Wider die "Leichenbergpädagogik"

Es gibt noch andere Formulierungen, aber auch Bilder, die man sieht, und es ist alles klar: einen Berg Brillen. Einen Berg Schuhe. Eine Ansammlung dieser bestimmten kleinen Koffer. Es braucht keine Fotos von Leichenbergen, um den Holocaust zu veranschaulichen. Es braucht keine Bilder von Toten, die wie mit Haut überzogene Skelette wirken.

"Leichenbergpädagogik": so nennt man jene Form der Holocaust Education, die eben mit Bildern von Leichenbergen arbeitet. Machen diese Fotos den Holocaust anschaulicher? Rühren sie mehr als Bilder der Menschen, als sie noch lebten, von denen man aber weiß, dass sie ermordet wurden? Oder aber nehmen sie Menschen, die von den Nationalsozialisten ohnehin schon ihrer Würde beraubt und entmenschlicht wurden, nochmals die Würde?

Ich finde ja. Zum einen. Zum anderen sehen wir: trotzdem viele solcher Bilder im Umlauf sind, hindert es nicht immer wieder Menschen daran, den Holocaust anzuzweifeln. Und es schützt auch nicht vor anderen Genoziden.

Die Kinder von Idlib

Vergangene Woche machten Bilder von anderen Toten die Runde in den sozialen Netzen: zu sehen waren darauf vor allem Kinder. Kinder, die in Idlib in Syrien bei einem Giftgasangriff starben. Ich bin strikt dagegen, solche Fotos in Umlauf zu bringen. Sie nehmen den Toten – siehe oben – ihre Würde, sie machen sie zum Objekt eines Schreckens-Voyeurismus. Oh, wie schrecklich! Die armen Kinder!

Ja, die armen Kinder. Ich bezweifle allerdings, dass ein nächster solcher Anschlag durch das Verbreiten dieser Fotos verhindert wird. Genau damit argumentieren allerdings die Befürworter einer Veröffentlichung solcher Bilder: die Menschen, die Welt müsse aufgerüttelt werden. Sie müsse die Wahrheit erfahren!

Was aber ist der Beitrag solcher Fotos, der nicht auch mit Worten erreicht werden kann? "So und so viele Kinder bei Giftgasanschlag getötet" – bleibt da irgendetwas unklar? Weiß nicht jeder, der das liest, was passiert ist? Muss das nicht reichen? Brauchen wir die Schreckensbilder wirklich? In einer Tageszeitung war der Bericht zu dem Grauen von Idlib mit dem Foto eines lebenden Kleinkindes illustriert, das mit einer Maske beatmet wurde. Beim Betrachten ist man froh, dass dieses Kind überlebt hat. Man vergisst dennoch nicht, dass viele andere Mädchen und Buben ermordet wurden.

Die Psychotherapeutin Barbara Preitler arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit traumatisierten Geflüchteten. Sie ist aber auch immer wieder in Gegenden unterwegs, in denen Menschen kollektive Traumata erlebt haben - wie in Gonagola, einem Dorf in Sri Lanka. In ihrem Buch "An ihrer Seite sein. Psychosoziale Betreuung von traumatisierten Flüchtlingen" schreibt sie, dass in Gonagola im Bürgerkrieg 44 Dorfbewohner und –bewohnerinnen brutal ermordet wurden. Fünf Jahre nach diesem Massaker besuchte Preitler das Dorf. Sobald sie Platz genommen hatte, wurde ihr ein Album gereicht, das von außen einem Hochzeitsalbum ähnelte.

"Aber die Bilder im Inneren waren ganz anders: Sie zeigten die Opfer des Massakers, unmittelbar nachdem die Täter abgezogen waren: Bilder des Schreckens. Auch bei meinem zweiten und dritten Besuch wurde nach einigen Minuten dieses Album gebracht und ich vermute auch bei jeder anderen Gelegenheit, wenn jemand zu Besuch kam. Mein dritter Besuch fand im Rahmen eines großen Trauerrituals statt. Und so konnten wir anregen, doch ein neues Album mit den Fotos dieser 44 Menschen zu gestalten, mit Erinnerungsbildern an das Leben dieser Menschen: Fotos von Festen, Geburtstagen, Hochzeiten und Ausflügen. Es sollen Bilder sein, die die Verstorbenen mitten in ihrem Leben und in der Dorfgemeinschaft zeigen und so zum Erzählen und Erinnern an die Situationen, die mit den Menschen erlebt worden sind, einladen."

Fotos von Georgy Halpern

Genau das ist nun auch Milli Segal mit einem ganz besonderen Buch gelungen. Zeitgleich mit der Enthüllung des Denkmals am Schwedenplatz präsentierte sie einen Fotoband, der Aufnahmen von Georgy Halpern zeigt, aber auch Briefe und Zeichnungen, die der Bub seinen Eltern aus Izieu geschickt hat. Es war ein kurzes Leben. Aber man sieht: hier ist ein Kind, das seine Eltern geliebt hat, ein Bub, der trotz allen Schreckens viele schöne Momente mit den anderen Kindern im Heim in Frankreich erlebt hat. Man denkt nach, was aus Georgy alles hätte werden können, der schon im Alter von acht Jahren wunderbare Briefe nicht auf Deutsch, sondern auf Französisch schrieb.

Statt Fotos von den in Idlib ermordeten Kindern zu sehen, würde ich gerne mehr über ihr bisheriges Leben erfahren. Das Leid würde dadurch nicht geschmälert, im Gegenteil: der Verlust würde sich noch eindringlicher ins Bewusstsein schieben.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-10 12:28:15
Letzte nderung am 2017-04-10 12:37:36



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