• vom 19.04.2017, 11:47 Uhr

Jüdisch leben

Update: 19.04.2017, 11:54 Uhr

Jüdisch leben

"Wir sind ja praktisch alle Jewish mothers"




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Von Alexia Weiss


    Jenny Simanowitz behandelte in ihrem "Communication Cabaret" bisher Themen wie Genderrollen, interkulturelle Kommunikation oder das Älterwerden. In ihrem neuen Programm "Who's Afraid of the Jewish Mother?" geht es um die jüdische Mame.

    Jenny Simanowitz behandelte in ihrem "Communication Cabaret" bisher Themen wie Genderrollen, interkulturelle Kommunikation oder das Älterwerden. In ihrem neuen Programm "Who's Afraid of the Jewish Mother?" geht es um die jüdische Mame.© Bernadette Reiter Jenny Simanowitz behandelte in ihrem "Communication Cabaret" bisher Themen wie Genderrollen, interkulturelle Kommunikation oder das Älterwerden. In ihrem neuen Programm "Who's Afraid of the Jewish Mother?" geht es um die jüdische Mame.© Bernadette Reiter

    Woody Allen, Lenny Bruce, Philip Roth: sie alle haben immer wieder die jüdische Mutter aufs Korn genommen. Das Witzrepertoire zu diesem Thema ist schier endlos und die darin transportierten Stereotype sind die immer gleichen: sie will nur das Beste für ihre Kinder, fordert gleichzeitig von ihnen Leistung und Liebe, ist wahnsinnig stolz auf sie – und beklagt sich anschließend, wieviel Kraft sie das alles kostet.

    Jenny Simanowitz, die selbst in einer jüdischen Familie aufgewachsen ist und zwei inzwischen erwachsene Söhne großgezogen hat, kennt das Thema von beiden Seiten: als Tochter und als Mutter. In ihrem neuen Kabarettprogramm "Who’s Afraid of the Jewish Mother?" (Premiere am 24. April im Atelier Theater auf Deutsch, weitere Vorstellungen am 3. und 8. Mai in der Café Korb Art Lounge auf Englisch) setzt sie der jüdischen Mutter nun ein Augen zwinkerndes Denkmal. Sie sieht sie sowohl als schillernde als auch als Witzfigur, aber auch sowohl als Heldin als auch Projektion der Männer in einer patriarchalen Gesellschaft.

    Wie würde sie das typisch Jüdische im Umgang mit ihren Söhnen (heute 36 und 26 Jahre alt) beschreiben? "Ich will immer alles über ihr Leben wissen, insbesondere ihr Liebesleben (sie sagen mir aber nichts!). Ich mache mir auch wegen Kleinigkeiten Sorgen. Ich insistiere, dass sie, wenn sie mich besuchen, eine Mahlzeit haben müssen – danach meckere ich, wieviel Arbeit es war. Und natürlich glaube ich, dass sie die schönsten, intelligentesten, witzigsten, begabtesten sind", erzählt mir Simanowitz.

    Engagiert, fordernd, voller Selbstmitleid

    Und wie hat sie ihre eigene Mutter erlebt? "Sie war extrem engagiert, gleichzeitig fordernd. Man konnte es ihr nie Recht machen, sie war voller Selbstmitleid, eine Art ‚Negaholic’ und hat uns allen ständig Schuldgefühle eingejagt. Positiv war, dass sie eine Frau mit sehr hohen Prinzipien war, intelligent, mit viel Energie. Sie hat auch immer gegen Ungerechtigkeit gekämpft – zum Beispiel gegen das Apartheidsystem in Südafrika – und war definitiv eine Feministin." Simanowitz’ Großeltern flüchteten vor den Pogromen in Polen nach Südafrika, wo sie selbst aufwuchs. Sie verließ das Land aber als Erwachsene, weil sie selbst nicht im Apartheidsystem leben wollte.

    Treffen diese Beschreibungen aber nicht auf viele Mütter zu – egal welcher Konfession oder ob konfessionslos, egal welcher Nationalität? "Ich glaube heutzutage sind sie kaum zu unterscheiden. Wir sind ja praktisch alle Jewish mothers geworden, inklusive der Väter! Früher hat die jüdische Mutter das Opfer ihrer Kinder gespielt. Jetzt sind die Eltern wirklich die Opfer ihrer Kinder. Alles muss perfekt sein."

    Das finde ich doch sehr interessante Aussagen, die ich teils bestätige, teils anders einordne. Ja, wenn ich mich heute unter den Eltern der Mitschülerinnen und Mitschüler meiner Tochter umsehe, kann ich wenig Unterschiede im Umgang mit dem Nachwuchs erkennen. Da und dort wird geschaut, dass in der Schule alles gut läuft, dass das Kind seinen Hobbys nachgehen kann, dass es insgesamt eine gute Ausbildung bekommt, aber auch die so genannte Herzensbildung nicht zu kurz kommt. Und all das ist – jedenfalls in meinem persönlichen Umfeld – meist verpackt in sehr viel Wärme und Fürsorge und Herzlichkeit, man will das Kind motivieren, aber es nicht zu etwas hinprügeln. Man will ihm Werte vermitteln, aber verlangt keinen Gehorsam. Nachfragen wird gefördert, stures Befolgen von Regeln nicht erwartet.

    Wie ist das mit der Aufopferung?

    Wird man dadurch zum Opfer der Kinder? Das sehe ich anders. Ich denke Eltern von heute sind (wer es sich leisten kann und nicht ums Überleben ringt, Generalisierungen funktionieren natürlich auch in diesem Kontext nicht) Kinder-fokussierter, ja. Vieles wird dem Wohlergehen des Nachwuchses untergeordnet. Anders als aber in eben in vielen Jüdische Mame-Witzen wird das nicht als Aufopferung gesehen und schon gar nicht als solche gegenüber den Kindern kommuniziert oder dafür im Gegenzug etwas eingefordert. Wer bewusst ein Kind bekommt, der will sich auch so gut als möglich um es kümmern. Und es fit machen für die Welt, die ihn oder sie als Erwachsener, Erwachsene dereinst erwartet.

    Jede Menge Diskussionsstoff also bereits im Vorfeld – die Kabarettabende werden sicher noch mehr Debattenmaterial herbeizaubern. Simanowitz verspricht viel Humor und Warmherzigkeit, aber keine "one gag a minute"-Show. Das Thema gibt jedenfalls sicher viel her – denn wer kennt sie nicht, diese Momente des Wiedererkennens? Und wie viel "jüdische Mame" steckt(e) in Ihrer Mutter?

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-04-19 11:48:09
    Letzte nderung am 2017-04-19 11:54:24



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