• vom 24.04.2017, 16:41 Uhr

Jüdisch leben

Update: 24.04.2017, 17:03 Uhr

Jüdisch leben

Was ist es noch wert, das "never again"?




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Von Alexia Weiss


    An der diesjährigen Gedenkzeremonie in Jerusalem nahm auch Österreichs Bundeskanzler Christian Kern teil. - © APAweb / AP Photo, Dan Balilty

    An der diesjährigen Gedenkzeremonie in Jerusalem nahm auch Österreichs Bundeskanzler Christian Kern teil. © APAweb / AP Photo, Dan Balilty

    Jom HaSchoa. Das ist jener Tag, an dem in Israel alles kurz still steht. Ob am Strand, auf der Autobahn: kollektives Innehalten. In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zünden sechs Schoa-Überlebende, stellvertretend für sechs Millionen in der NS-Zeit ermordete jüdische Frauen, Männer und Kinder eine Fackel an. Heuer wurden die Fackeln von Elka Reines-Abramovitz (geb. 1932 in Novoselitsa in der heutigen Ukraine/damals Rumänien), Moshe Ha-Elion (geb. 1925 in Thessaloniki/Griechenland), Moshe Jakubowitz (geb. 1929 in Warschau/Polen), Moshe Porat (geb. 1931 in Hajdúnánás/Ungarn), Max Privler (geb. 1931 in Mikulichin in der heutigen Ukraine/damals Polen) und Jeannine Sebbane-Bouhanna (geb. 1929 in Nemours/Algerien) zum Leuchten gebracht.

    An der diesjährigen Gedenkzeremonie in Jerusalem nahm auch Österreichs Bundeskanzler Christian Kern teil. Bei einem Treffen mit Holocaust-Überlebenden sagte er, Österreich habe seine Lektion gelernt. Und: "Wie wir mit Rassismus und Antisemitismus umgehen, zeigt, was für eine Gesellschaft wir sind." Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bedauerte in seiner Rede, dass Massenmord und Genozid auch nach der Schoa nicht verhindert worden sind. Als Beispiele nannte er Kambodscha, Ruanda, den Sudan und auch Syrien.

    Erinnern ist wichtig

    Damit hat Netanjahu aus meiner Sicht etwas sehr Wichtiges angesprochen. "Never again" lese ich heute vielfach auf den Facebook-Seiten meiner Freunde und Freundinnen. Sie alle meinen es gut. Das Erinnern ist wichtig. Das "Niemals wieder" zu verinnerlichen ist essenziell, um aus der Vergangenheit zu lernen. Aber sieht die Realität leider nicht ganz anders aus? Versagt die Menschheit nicht ein ums andere Mal und beklagt dann wieder eine humanitäre Katastrophe? Ein Massensterben? Eine verlorene Generation?

    Die UN-Menschenrechtskonvention ist als Lehre aus den Wirren des Zweiten Weltkriegs und der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten zu sehen. Flüchtenden Menschen soll nicht mehr die Tür vor der Nase zugeschlagen werden, sprich: im Idealfall sollte es für jeden Menschen auf dieser Erde einen sicheren Hafen geben.

    Genau das Gegenteil passiert: Tür um Tür wird geschlossen, Grenze um Grenze dicht gemacht. Die Türkei errichtet eine Mauer, um Syrer und Syrerinnen von der Einreise abzuhalten. Die Europäische Union hat die so genannte Balkanroute auf dem Papier dicht gemacht. In der Praxis heißt das: Schlepper verlangen immer höhere Preise für eine immer gefährlich werdendere Flucht, wodurch am Ende tatsächlich weniger Menschen die EU erreichen. Von Nordafrika aus wagen immer mehr Verzweifelte mangels Alternativen die Fahrt übers Mittelmeer. Die Schlepper überfrachten dabei ohnehin schon kleine Boote, wer nicht von einem Rettungsschiff in Sicherheit gebracht wird, läuft Risiko zu ertrinken. Und genau das passiert auch in immer höherer Zahl.

    Jedes Menschenleben ist kostbar

    Nein, es kann nicht Ziel sein, die Bevölkerung ganzer Länder in andere Länder zu übersiedeln. Aber wenn wir etwas aus der NS-Zeit gelernt haben, dann muss es das sein, dass jedes Menschenleben gleich viel wert ist. Und dass jedes Menschenleben kostbar ist. Und dass wir Menschen, die sich in Sicherheit bringen wollen, nicht noch Steine in den Weg legen.

    Ich sehe im Moment überall nur Hilflosigkeit: es brauche Flüchtlingslager vor Ort, meinte etwa kürzlich Bundeskanzler Kern. Und da müsse sich dann Europa auch beteiligen: finanziell wie militärisch (letzteres zum Schutz dieser Unterkünfte). Ja, Menschen in Not einen ersten sicheren Zufluchtsort anzubieten, ist sicher einmal ein wichtiger Schritt. Aber wie soll es dann weitergehen? Man kann Menschen nicht perspektivenlos über Jahre in solchen Lagern (und ja, dieser Begriff hat einen entsetzlichen Beigeschmack) parken.

    Es müssen die vielen Krisenherde gelöscht werden. Das wird ohne militärisches Eingreifen nicht möglich sein. In Afghanistan hat man das versucht. Nun sind die Taliban wieder auf dem Vormarsch. Syrien? Bomben abzuwerfen scheint nicht der Weisheit letzter Schluss zu sein. Im Gegenteil: man riskiert, dass Zivilbevölkerung stirbt. So werden jene, denen man zu Hilfe kommen will, am Ende getötet. Die vielen Unruhegebiete in Afrika? Ein weites Feld.

    Ich verstehe, dass sich die westlichen Armeen dieser Welt davor scheuen, das Leben ihrer Soldaten (manchmal auch Soldatinnen) zu opfern. Ohne massives militärisches Einschreiten wird dem Gemetzel des IS, der Taliban, dem Folter-Regime Assads allerdings nicht beizukommen sein. Ohne diese zerstörerischen Kräfte zu vernichten, kann nichts Neues entstehen und schon gar keine Demokratie. Ich verstehe die Regierungschefs der EU durchaus. Zynisch gesagt: bevor man die eigenen Leute möglicherweise in den Tod schickt, nimmt man den Tod anderer in Kauf. Und das Pathos, das eigene Sterben im Kampf für ein hehres Ziel in Kauf zu nehmen, das gibt es in dieser Form in westlichen Gesellschaften nicht mehr. Und grundsätzlich finde ich es auch gut, wenn eine Gesellschaft diesen Punkt überwindet.

    Flüchtlingslager nur als kurze Überbrückung

    Was ist also zu tun? Es ist dennoch dafür zu sorgen, dass Menschen in Sicherheit und Frieden leben können. Und wenn das im eigenen Land nicht mehr möglich ist, dann muss es eben in einem anderen Land möglich gemacht werden. Wenn die von Kern initiierten Lager nur eine kurze Überbrückung sind, bis die Betroffenen von dort aus Asylanträge in einem sicheren Staat stellen können, dann wäre das einmal ein Anfang. Wenn sich die westliche Welt auf einen Verteilungsplan einigen könnte: umso besser. Geld wird jede Aktion kosten, ob eine militärische Operation oder konkrete Hilfs- und später Integrationsangebote.

    Was aber nicht sein kann, ist, dass weiter viel debattiert, viel abgewehrt und am Ende die Situation der Betroffenen Stück um Stück verschlechtert wird. Wer das "Niemals wieder" nur auf den Nationalsozialismus bezieht, nur auf den Kampf gegen Antisemitismus (der wichtig ist!), der hat nichts aus der Geschichte gelernt. Wenn nun weiter Tag für Tag Menschen im Mittelmeer ertrinken, Kinder bei Giftgasanschlägen in Syrien sterben, Menschen in Afghanistan bei Anschlägen in die Luft gejagt werden, ohne dass irgendetwas passiert, um denen, die vor diesem Grauen fliehen, zu helfen, dann ist das "Never again" nicht sehr viel wert.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-04-24 16:42:22
    Letzte nderung am 2017-04-24 17:03:04



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