• vom 02.05.2017, 11:08 Uhr

Jüdisch leben

Update: 02.05.2017, 11:16 Uhr

Jüdisch leben

Im Gleichschritt, Marsch?




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Von Alexia Weiss


    1. Mai am Bahnhof Praterstern. Wie müssen Menschen aussehen, um als zugehörig empfunden zu werden?

    1. Mai am Bahnhof Praterstern. Wie müssen Menschen aussehen, um als zugehörig empfunden zu werden?© Alexia Weiss 1. Mai am Bahnhof Praterstern. Wie müssen Menschen aussehen, um als zugehörig empfunden zu werden?© Alexia Weiss

    "Aber du lebst ja ganz normal." Diesen Satz habe ich schon öfter gehört. Auch in der Variation: "Aber du bist ja so wie wir." Oder: "Bei Ihnen merkt man es ja nicht." Oder, am klarsten: "Sie sehen gar nicht jüdisch aus." Das hat erst vor wenigen Wochen ein Taxifahrer zu mir gesagt, nachdem ich mich nach einem kurzen antisemitischen Ausritt seinerseits genötigt sah, die Dinge nicht einfach unkommentiert stehen zu lassen.

    Selbst bei Menschen, die interessiert an der Geschichte des Judentums, an Bräuchen und Riten sind, die es ganz wunderbar finden, dass die Mazzesinsel ein Revival erlebt oder Klezmer-Musik diese melancholisch-schwermütige Note unterstreicht und dennoch ein positives Lebensgefühl vermittelt, erlebt man oft diesen erleichterten Moment: Gott sei Dank können wir jetzt ohne groß nachzudenken noch ins nächste Lokal etwas trinken gehen. Ich kann dir die Hand geben. Und ist es eh in Ordnung, wenn ich dich am Samstag anrufe? Ja, ist es. Ich mache ja keinen Hehl daraus, dass ich säkular lebe.

    Aber was heißt das im Klartext? Es bedeutet, dass Jüdinnen und Juden, die orthodox leben, als doch nicht ganz so normal empfunden werden. Die politische Korrektheit verlangt das gute Miteinander zu beschwören, die Wichtigkeit von Vielfalt zu unterstreichen und irgendwann in dieser Gedankenkette das "Nie mehr wieder" zu beschwören. Aber eigentlich schwingt doch bei sehr vielen Menschen mit: die Juden, die eigentlich so wie wir leben, die nicht auffallen, die sind uns ein Stück lieber. Die tragen nicht so das Besondere vor sich her. Mit denen lässt es sich doch wesentlich leichter zusammenleben.

    Assimilation hat Jüdinnen und Juden nichts gebracht

    Meinen Großeltern hat es herzlich wenig genutzt, dass sie im Wien der Zwischenkriegszeit sehr modern, sehr weltoffen, zwischen Universität, Schauspielausbildung, Theatern, Cafés und Sport aufgewachsen sind. Am Ende waren sie Juden und hatten Gott sei Dank den Weitblick, zeitig genug das Weite zu suchen. Am Ende bestimmten Hitler und seine Handlanger, wer Jude, wer Jüdin ist. Vielen, vielen anderen erging es ähnlich. Immer wieder hört beziehungsweise liest man Erzählungen, wonach Menschen sagen, eigentlich hat mich überhaupt erst der Nationalsozialismus zum Juden gemacht. Assimilation – egal, ob bewusst angestrebt, oder ob der- oder diejenige sich einfach in diese Richtung entwickelt hat – schützte nicht vor Verfolgung. Eine bittere Erkenntnis. Eine bittere Lehre.

    Vergangene Woche hatte ich ein Déjà-vu. Lassen wir beiseite ob die überspitzte Formulierung von Bundespräsident Alexander Van der Bellen, man werde eines Tages alle Frauen bitten müssen, aus Solidarität mit jenen, die für ihr Tuchtragen angefeindet werden, ein Kopftuch aufzusetzen, sehr durchdacht war und vielleicht noch eine bessere Botschaft ausgesendet hätte, wenn er in seinem Bild das Haarverhüllen auf Männer und Frauen ausgeweitet hätte. Soll sein. Dass wir nun einen Bundespräsidenten haben, der den Wert von Solidarität nicht nur zu schätzen weiß, sondern aktiv fördert, ist allerdings sehr wichtig. Wie wichtig, das zeigte nicht zuletzt die auf seine Wortmeldung folgende Diskussion.

    Wo ist der gegenseitige Respekt?

    Die könnte man so beschreiben: Obstsalat mit schalem Nachgeschmack. Statt sich mit den vom Staatsoberhaupt angesprochenen Anfeindungen gegenüber Kopftuch tragenden Muslimas zu befassen, artete der Diskurs wieder einmal in eine völlig undifferenzierte Kopftuchdebatte aus. Und da wird rasch klar, dass es mit dem gegenseitigen Respekt gegenüber anderen Kulturen oder Religionen nicht weit her ist.

    Immer wieder werden da die liberalen Muslime vor den Vorhang gezerrt, die ja, so wird dann gleich hervorgestrichen, auch das Kopftuchtragen nicht für nötig halten. Weil das Kopftuchtragen, wie zuletzt auch immer wieder von der Politik postuliert, nur ein Symbol, aber kein religiöses Gebot sei. Ich halte das erstens für eine unfassbare Grenzüberschreitung. Ich maße mir nicht an, zu urteilen, dass die einen ihre Religion besser, richtiger, vernünftiger ausleben als andere. Und ich maße mir auch nicht an, über die Ansicht religiöser Gelehrter einer Religionsgemeinschaft drüberzuwischen, die sagen, nein: das Kopftuch ist nicht nur Symbol, das Bedecken des Haares ist für Frauen ein religiöses Gebot.

    Integration darf niemals Assimilation bedeuten. Die aktuelle Debatte zeigt aber einmal mehr auf, dass vielen Menschen genau das das liebste wäre. Wir kleiden uns alle ähnlich, wir haben einen ähnlichen Lifestyle, wir sitzen nebeneinander in der U-Bahn und niemand sieht uns an, ob wir nun christlich, muslimisch, jüdisch, hinduistisch oder atheistisch sind. Vielleicht unterscheiden wir uns in Haut- und Haarfarbe, aber mit ein bisschen Makeup und künstlichen Haarfarben können wir selbst da noch einen Schritt hin in Richtung Einheitslook machen.

    Und dann geht es in Richtung Gleichschritt

    Die Frage ist nur: was wird den Menschen dann einfallen? Werden dann die ausgegrenzt, die bei der Haartönung nicht den richtigen Rotton treffen? Oder die, welche lieber auf Nagellack verzichten, obwohl nun gerade violette Nägel mit gelben Pünktchen angesagt sind? Wer immer mehr Schritte Richtung Assimilation geht beziehungsweise einfordert, der landet am Ende in einer gesellschaftlichen Stimmung, die nur mehr den Gleichschritt akzeptiert.

    Ich habe andere Visionen. Und daher gilt es für die Rechte anderer einzutreten, ihre Religion, ihre Kultur, ihre Ansichten zu leben und auch äußerlich zum Ausdruck bringen zu können. Auch wenn es nicht meine Überzeugungen sind. Auch wenn ich anders lebe. Der Wert eines Menschen für die Gesellschaft darf nicht daran bemessen werden, wie leicht er oder sie in einer anonymen Masse aufgeht.

    Gelebte Vielfalt bedeutet genau das: gelebte Vielfalt. Riten und Bräuche anderer gilt es nicht nur zu studieren wie die Ernährungsgewohnheiten wilder Tiere im Zoo, wodurch eine Abwertung als archaisch gleich mitschwingt, sondern zu respektieren und zuzulassen. Und mit ein bisschen Entgegenkommen aller wird es auch nicht allzuschwer, selbst verschiedenste religiöse Vorschriften unter einen Hut zu bekommen. Da bringt eben die eine Familie ihr koscheres Essen zum Picknick mit, die muslimische Familie ihre halal Fleischlaibchen und die Salatschüssel oder der Obstsalat können an alle weitergereicht werden. Ist das wirklich so schwer?

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-05-02 11:08:58
    Letzte nderung am 2017-05-02 11:16:15



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