• vom 15.05.2017, 18:53 Uhr

Jüdisch leben

Update: 15.05.2017, 19:11 Uhr

Jüdisch leben

Fluchtgeschichten




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Von Alexia Weiss


    Die Schriftstellerin Julya Rabinowich im Gespräch mit Jugendlichen der Neuen Mittelschule Kinzerplatz über ihr Buch "Dazwischen: Ich" und Flucht.

    Die Schriftstellerin Julya Rabinowich im Gespräch mit Jugendlichen der Neuen Mittelschule Kinzerplatz über ihr Buch "Dazwischen: Ich" und Flucht.© Alexia Weiss Die Schriftstellerin Julya Rabinowich im Gespräch mit Jugendlichen der Neuen Mittelschule Kinzerplatz über ihr Buch "Dazwischen: Ich" und Flucht.© Alexia Weiss

    Tausende Wiener Juden von heute sind entweder selbst in der ehemaligen Sowjetunion geboren oder haben familiäre Wurzeln in einem der Nachfolgestaaten. Eine von ihnen ist die Schriftstellerin Julya Rabinowich, die in St. Petersburg zur Welt kam und seit 1977 in Österreich lebt. Wie viele andere jüdische Familien, entschieden ihre Eltern, aus der Sowjetunion zu flüchten. Ihre Emigration im Kindesalter, das Ankommen in Wien, die zerrissene Jugend hat sie in ihrem Roman Spaltkopf beschrieben, mit dem sie auch ihren Durchbruch als Autorin feierte. Mit Dazwischen: Ich hat sie im Vorjahr ihr erstes Jugendbuch vorgelegt, das sich zu ihrem bisher bestverkauften Werk mauserte: aktuell tourt sie damit im deutschsprachigen Raum und ist dabei auch an vielen Schulen zu Gast.

    Dazwischen: Ich erzählt die Geschichte der 15jährigen Madina, die mit ihrer Familie geflüchtet ist. Woher sie genau stammt, definiert Rabinowich nicht, weil es eine universelle Geschichte ist. So wie Madina, die mit ihrer Familie in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht ist, und die nicht weiß, wie es weitergehen wird, denn noch haben die Behörden nicht entschieden, ob sie Asyl zuerkennen oder zumindest subsidiären Schutz, so geht es derzeit vielen Menschen, die sich nach Österreich, nach Deutschland geflüchtet haben.

    Rabinowich hat hier ihre eigenen Erfahrungen eingearbeitet, aber nicht nur. Einige Jahre hat sie auch als Simultandolmetscherin in der Betreuung von Geflüchteten gearbeitet. Auch vieles, von dem, was sie dabei hörte, floss in Dazwischen: Ich, ein, ohne, dass sie hier die Geschichte einer bestimmten Familie wiedergeben würde, wie Rabinowich am Montag Wiener Schülerinnen und Schülern bei ihrem Besuch in der Neuen Mittelschule und Fachmittelschule Kinzerplatz in Wien-Floridsdorf verriet.

    Zerrissen zwischen zwei Welten

    Einige ihrer Zuhörer und Zuhörerinnen wussten, wovon Rabinowich erzählt und wie es der von ihr geschaffenen Figur Madina geht. Da schilderte etwa ein kurdisches Mädchen einer dritten Klasse der Neuen Mittelschule, dessen Eltern vor ihrer Geburt aus dem Grenzgebiet zwischen Irak und der Türkei nach Österreich gelangt sind, wie es ist, dort, im Irak, Familie zu haben und auf Besuch zu sein, sich aber in Österreich mehr zu Hause zu fühlen. Da beschrieben zwei Mädchen der Fachmittelschule in kurzen berührenden Texten, die sie Rabinowich vortrugen und die ihnen darauf Feedback gab, wie ihre Mutter beziehungsweise ihre Eltern noch bevor sie auf die Welt kamen, im Zug der Wirren des Jugoslawien-Kriegs von Bosnien nach Österreich geflüchtet sind.

    Eine geflüchtete jüdische Schriftstellerin im Dialog mit Kinder und Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund, mit verschiedenstem religiösen und kulturellem Background, teils aus Familien mit Fluchterfahrung: das ist ein Teil von Wien, ein Teil von Österreich. Erfrischend war es, dem kurdischen Mädchen zuzuhören, das perfekt Deutsch spricht, gerne liest und selbst Geschichten schreibt. In diesem Umfeld berührt die Geschichte von Madina, ihr Brückenbauen zwischen der Familie und der neuen Gesellschaft, ganz besonders.

    Für den Leseteil ihres Schulbesuchs hatte Rabinowich eine Passage ausgesucht, die zeigt, wie schwer es für Flüchtlingskinder, selbst wenn sie Anschluss und eine beste Freundin gefunden haben, ist, so zu leben wie ihre Freunde: zu einer Geburtstagsparty lässt sie ihr Vater nur, nachdem die Mutter des Geburtstagskindes die Einladung damit verbunden hatte, dass sich der Vater den Garten ansehen könne, bei dessen Pflege sie Hilfe brauche. Diese Arbeitsmöglichkeit konnte er nicht links liegen lassen. Dennoch bestand er darauf, seine Tochter selbst und recht früh wieder abzuholen, um dann mit frisch gebügelter Hose aufzutauchen. Und wenn Madina das erzählt, dann erzählt sie auch gleich mit, dass ihr bewusst ist, dass es wahrscheinlich nicht leicht gewesen ist, in der Flüchtlingsunterkunft ein Bügeleisen aufzutreiben und dass ihre Mutter nun sicher irgendjemandem einen Gefallen schuldig ist. Rabinowich weiß eben genau, wovon sie da schreibt. (Die Büchereien sammeln derzeit übrigens Leserstimmen - auch für Dazwischen: Ich kann dabei gevotet werden: http://www.leserstimmen.at/online-voting)

    Das lange Warten auf das Interview

    Warten, warten, warten, ob endlich die Einladung zum Interview kommt: das muss nicht nur Madinas Familie in Dazwischen: Ich, das müssen derzeit auch viele Geflüchtete in Österreich. Und je länger das Warten andauert, umso größer wird die psychische Belastung. Kurz nach dem Ankommen musste die Flucht verdaut werden, dann hat man sich ein bisschen eingelebt, versucht Deutsch zu lernen, doch nun, wo viele Deutsch schon einigermaßen verstehen, da wird plötzlich jede Zeitung, die man gratis in der U-Bahn bekommt und jede Zeit im Bild zu einem möglichen neuen Quell der Sorge. Was hat es mit den Abschiebungen auf sich? Warum bekommen die einen einen negativen Bescheid und warum dürfen andere bleiben?

    Besonders groß ist die Sorge vieler Flüchtlinge aus Afghanistan. Das Abkommen mit dem Land macht Abschiebungen möglich und schon wurden auch aus Österreich Geflüchtete mit negativem Bescheid in ihre ehemalige Heimat zurückgeflogen. Wie Flüchtlingshelferinnen, die mit einigen von ihnen in Kontakt sind, berichten, geht es ihnen dort nicht gut, beziehungsweise haben sie sich neuerlich auf die Flucht gemacht. Zu groß ist die Angst, nun, da man dem Land den Rücken gekehrt hatte, erst Recht von den Taliban verfolgt zu werden.

    Demonstration "Afghanistan ist nicht sicher"

    Tragisch ist der Fall eines jungen Afghanen, der diesen Februar von Deutschland nach Afghanistan zurückgeschickt wurde. Farhad Rasuli, 1988 in Afghanistan geboren, stellte vor rund zwei Jahren einen Asylantrag in Deutschland. Als Fluchtgründe gab er laut dem Verein Asyl in Not unter anderem seine Angst vor den Taliban an – sein Vater war in den 1970er und 1980er General der afghanischen Armee gewesen und hatte sich aktiv gegen religiöse Extremisten ausgesprochen, was die Mudschahedin seiner Familie nie verziehen hätten. Deutschland gewährte weder Asyl noch subsidiären Schutz. Am 10. Mai wurden Rasuli und sein Cousin offensichtlich gezielt von Taliban angegriffen und ermordet.

    "Afghanistan ist nicht sicher" – darauf will kommenden Samstag auch eine Demonstration unter diesem Titel in Wien aufmerksam machen, zu der die "Plattform für eine menschliche Asylpolitik" aufruft, in der verschiedenste Organisationen, darunter "Asyl in Not", "Afghanische Jugendliche – Neuer Start in Österreich", "Refugees for Refugees" oder "Shalom Alaikum – Jewish Aid for refugees", vertreten sind. Gestartet wird um 14.00 Uhr am Karlsplatz – Ziel ist das Bundeskanzleramt. Gefordert wird der Ausstieg Österreichs aus dem EU-Afghanistan-Abkommen.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-05-15 18:53:57
    Letzte nderung am 2017-05-15 19:11:49



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