• vom 31.05.2017, 12:18 Uhr

Jüdisch leben

Update: 31.05.2017, 12:32 Uhr

Jüdisch leben

Kann Religion nur Privatsache sein?




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Von Alexia Weiss


    Alexia Weiss - © Paul Divjak

    Alexia Weiss © Paul Divjak

    Heute ist Schawuot, das Wochenfest. 50 Tage nach Pessach erinnern sich Jüdinnen und Juden an den zweiten Empfang der Zehn Gebote. Viele haben die vergangene Nacht mit Tora-Lernen verbracht. Am Speiseplan steht seit gestern Abend traditionell Milchiges: auf vielen Festtagstischen zu finden ist dann die Topfentorte, in verschiedenen Variationen, mit und ohne Obst.

    "Religion ist Privatsache": das meint in Schule, Uni, Beruf hat Religion nichts verloren. Und wenn du beten willst oder religiöse Feste feiern, dann mach das bitte zu Hause, in deiner Freizeit. Der Jahreskreislauf einer Religion hält sich allerdings nicht an Normalarbeitszeiten und staatliche Feiertage. Mit einer Ausnahme: wer als Christ – vor allem als Katholik - in Österreich lebt, der kann derzeit seine Feiertage begehen, da diese ebenfalls staatliche Feiertage sind. Außer er oder sie ist Spitalsarzt, Rettungsfahrer, Pflegekraft, lenkt ein öffentliches Verkehrsmittel, kurz, muss auch an Sonn- und Feiertagen fallweise arbeiten.

    Würde der Ansatz "Religion ist Privatsache" allerdings konsequent umgesetzt, hieße das, dass auch die christlichen Feiertage entfallen. Und dann könnten Katholiken genauso wenig zu Fronleichnam in die Kirche gehen wie zu Mariä Himmelfahrt. Dann ginge es ihnen wie Juden, die zum Beispiel zum heutigen Wochenfest zu Hause bleiben wollen und dafür einen Urlaubstag nehmen müssen. Grundsätzlich spricht auch nichts dagegen, dass jeder sich die Urlaubstage nehmen kann, die er braucht, um seine Feste zu feiern. Die Frage ist allerdings: werden sie ihm auch gewährt? Oder sagt der oder die Vorgesetzte: tut mir leid, ich kann an diesem Tag nicht auf Sie verzichten?

    Je observanter jemand seine Religion lebt, desto schwieriger wird es grundsätzlich diese mit einem Berufsleben unter einen Hut zu bekommen. Ja, da gibt es die Jobs innerhalb der jeweiligen Community, im Fall der jüdischen Gemeinde zum Beispiel: eine Anstellung in einer der Einrichtungen der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, eine Tätigkeit als Lehrender oder Betreuer in einer jüdischen Schule oder einem jüdischen Kindergarten, ein Job in einem der koscheren Restaurants, Geschäfte. Oder man macht sich selbständig.

    Für religiöse Minderheiten ist es schon jetzt schwer

    Wer aber in einem nichtjüdischen Unternehmen beschäftigt ist, der wird in dem einen oder anderen Fall sagen müssen: ok, da stecke ich nun zurück. Ich will meinen Job behalten, also kann ich im Winter nicht schon vor Einbruch der Dunkelheit Schluss machen, weil da der Schabbes beginnt. Auch Muslime können im derzeit laufenden Ramadan nicht sagen, ich kann meinen Job nur halbtags machen, ich darf nichts essen und trinken, daher fühle ich mich zu schwach, um meiner Tätigkeit im gewohnten Ausmaß nachzukommen.

    Gehört man einer religiösen Minderheit an, sind jetzt schon die Grenzen eng gesteckt. Jeder hat dann individuell zu entscheiden: was ist mir wichtiger? Aber auch: kann ich es mir überhaupt leisten, meinen Job zu gefährden?

    Würden auch die christlichen Feiertage abgeschafft, kämen weit mehr Menschen in diese Situation. Bei der Mehrheit ginge das Abwägen letzten Endes wohl zu Ungunsten der Religion aus. Langfristig bedeutet das dann den Rückgang gelebter Religion, das Einschlafen von Traditionen, das langsame Sterben von Religion.

    Religionsfreiheit ist in Österreich ein Grundwert. Die praktische Umsetzung ist ein Drahtseilakt: ja, es ist schwierig, auf die Bedürfnisse aller Glaubensgemeinschaften in gleichem Ausmaß Rücksicht zu nehmen, in der Schule, am Arbeitsmarkt, beim Bundesheer, in Spitälern. So orientiert man sich an der Mehrheitsgesellschaft. Gleichzeitig werden auch den Minderheiten Rechte eingeräumt: Jom Kippur ist zum Beispiel für Juden ein Feiertag so wie für Evangelische, Altkatholiken und Methodisten der Karfreitag. Und je mehr sich der Einzelne, auch der einzelne Arbeitgeber, bemüht, dem anderen die freie Religionsausübung zu ermöglichen, desto besser wird es auch funktionieren. Wenn sich denn eben alle bemühen. Das Verfechten des Ansatzes "Religion ist Privatsache" halte ich für das Gegenteil davon.

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    Dokument erstellt am 2017-05-31 12:19:09
    Letzte nderung am 2017-05-31 12:32:30



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