• vom 12.06.2017, 14:49 Uhr

Jüdisch leben

Update: 12.06.2017, 15:05 Uhr

Jüdisch leben

Menschenmüll




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Von Alexia Weiss


    Muslimenfeindliche Beschmierung in Wien-Donaustadt.

    Muslimenfeindliche Beschmierung in Wien-Donaustadt.© Alexia Weiss Muslimenfeindliche Beschmierung in Wien-Donaustadt.© Alexia Weiss

    Muslime sollen also in Mistkübel gestopft werden, weil, ja weil? Weil sie Mist sind, Müll? Wertlos? Entsorgt werden müssen? Und entsorgen steht für: ja was? Unerwünscht sein? Vernichtet werden sollen? Freies Assoziieren führt in die verschiedensten Richtungen. Jede von ihnen nimmt ein unerquickliches gedankliches Ende. Was sich der Beschmierer, die Beschmiererin des Mistkübels auf der Donaufelder Straße in Wien-Donaustadt, der/die den Begriff "Moslems" in Versalien anbrachte und schließlich mit einem Pfeil versah, der vom Wort zur Öffnung des Mülleimers führte, hier im Detail gedacht hat, bleibt dem Leser, der Leserin der Botschaft verschlossen. Umso wichtiger ist die Frage: was löst eine solche Aktion beim Betrachter aus? Und: welche Stimmung, welche Atmosphäre macht eine solche Aktion überhaupt erst möglich?

    Positiv zu vermerken: ich habe diese am Wochenende entdeckte Beschmierung noch am gestrigen Sonntag der zuständigen MA 48 gemeldet. Bereits heute, Montag, Mittag war der Mistkübel von dem Schriftzug samt Pfeil befreit. Negativ zu vermerken: es sind genau solche Dinge, die der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Ibrahim Olgun, beklagt. Schmierereien, Anfeindungen gegenüber Muslimen und Musliminnen in Österreich nehmen zu. Darauf ging auch Bundeskanzler Christian Kern vergangene Woche bei einem Dialog-Fastenbrechen im laufenden Ramadan ein, zu dem die Islamische Glaubensgemeinschaft vor allem auch Vertreter anderer Religionsgemeinschaften geladen hatte.

    Der Bundeskanzler verurteilte in seiner kurzen Rede politische Tendenzen, die zunehmend Platz greifen würden, und die Muslime als Österreicher und Österreicherinnen zweiter Klasse sehen würden. Und Kern fügte hinzu: auch vor 70 Jahren sei der Gewalt der Worte die Gewalt der Taten entsprungen.

    Und wieder einmal: Debatte um einen (unzulässigen) Holocaust-Vergleich

    Das sei ein unzulässiger Vergleich mit dem Holocaust, tönte es dann einerseits vom (Noch-)Koalitionspartner ÖVP. Diese Meinung wurde aber auch von manchen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde formuliert. Mir erscheinen solche Wortmeldungen inzwischen wie ein – unreflektierter – Reflex, den ich massiv in Frage stelle. Wenn erinnert wird, wie das alles begann mit der Schoa, was der Massenvernichtung der Jüdinnen und Juden vorausging, wie es so weit kommen konnte, dass in der Bevölkerung eine Stimmung herrschte, die es vielen möglich machte, zu finden, Juden zu enteignen, ihre Jobs zu kündigen, sie zu verjagen, zu enteignen, abzutransportieren und schließlich zu ermorden, sei legitim, sei in Ordnung, dann ist das noch lange kein Vergleich mit dem in der Tat einzigartigen Holocaust.

    Nicht weil es ein Genozid besonders großen Ausmaßes war – Genozide sind stets furchtbar, welche Zahl an Toten am Ende auch in den Geschichtsbüchern steht. Was den Holocaust einzigartig macht, ist das kühle Kalkül dahinter, die emotionslose Planung, das industrielle Massenmorden. Da wurde eine Gruppe von Menschen einfach kollektiv zu Feinden, zu Unmenschen erklärt. Ein Schädlingsbekämpfer überlegt, wie er das Geziefer, das er auszurotten hat, am effizientesten vernichtet. So ähnlich stellt sich für mich die Arbeit der Nationalsozialisten dar, jedenfalls derer, die am Reißbrett entwarfen, wie Menschen deportiert, dann (jedenfalls teilweise) – inklusive ihrer Arbeitsleistung – ausgebeutet und schließlich umgebracht werden sollten. Stichwort Ungeziefer: da sind wir wieder beim Mistkübel.

    Muslime würden sich nun zu Opfern stilisieren, höre ich immer wieder, dabei seien sie doch umgekehrt Täter. Weil doch der aktuelle Terror von Islamisten verübt werde - kaum ein Attentat, von dem nicht berichtet wird, der oder die Täter hätten "Allahu akbar" ("Gott ist groß") gerufen. Das ist korrekt. Die Verbindung zum Islam ist da. Doch nicht automatisch sind alle Muslime auch Islamisten, nicht automatisch sind alle Muslime Terroristen. Im Gegenteil: sie haben die meisten Opfer durch den islamistischen Terror weltweit zu beklagen. Und sie distanzieren sich in der Mehrzahl vom Terror. Diese Woche etwa unterzeichnen im Islamischen Zentrum in Wien 300 Imame eine Deklaration gegen Extremismus.

    Die Frage der Glaubwürdigkeit

    So weit, so gut, möchte man meinen, doch weit gefehlt: da gibt es die, die das positiv anerkennen, die sagen, ja genau, wir brauchen die Islamische Glaubensgemeinschaft als Partner im Kampf gegen den islamistischen Terror. Und da gibt es die, die meinen: alles nur Show. Muslimische Vertreter sagen das, aber meinen etwas ganz anderes – das sei ein Spiel mit doppelten Botschaften, die Botschaft nach außen, die Botschaft nach innen.

    Ich halte das für ein gefährliches Spiel, aber nun nicht seitens der Muslime, denn ich gehöre zu jenen, die meinen: wenn der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft versichert, er trete gegen Extremismus ein, dann glaube ich ihm das. Tut man es nicht, erübrigt sich jeder Dialog, erübrigt sich jedes Bemühen. Und das wäre dann aus meiner Sicht eben ein gefährliches Spiel. Wer Signale aussendet, die sagen, die Muslime sagen zwar das und das, meinen aber etwas ganz anderes, der trägt zu einer Stimmung bei, in denen Muslime in den Köpfen vieler tatsächlich zu Menschen zweiter Klasse degradiert werden.

    Das hätte verheerende Auswirkungen. Lehrer und Lehrerinnen würden sich nicht mehr um einen guten Unterricht für muslimische Kinder bemühen, Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen gäben muslimischen Jobbewerbern à la longue keine Chance, es wäre salonfähig als Muslime sichtbare Menschen in der Öffentlichkeit anzupöbeln, sie zu beschimpfen (wie das leider teilweise, man sehe sich etwa den letzten Bericht von ZARA - Zivilcourage und Anti-Rassismusarbeit an, jetzt schon gehäuft Muslimas, die Kopftuch tragen, berichten).

    Wo bleibt die Differenzierung?

    Der gesamte Diskurs schreit nach Differenzierung. Diese findet aber immer weniger statt. Dazu würde auch gehören, dass ein Innenminister in einer TV-Diskussion (ORF-"Im Zentrum" von Sonntag Abend) die Menschen muslimischen Glaubens, immerhin an die 700.000 in Österreich, korrekt als "Muslime" bezeichnet, und nicht als "Islame". Ein Versprecher, könnte man wohlwollend sagen. Juden kennen solche Versprecher, dann etwa, wenn wieder einmal von der "israelischen Kultusgemeinde" die Rede ist. Solche vermeintlichen Versprecher zeigen aber den inneren Abstand der Menschen, denen solche verbalen Fehlleistungen passieren, zu dem Thema auf. Darin offenbar sich eine Distanz. Es signalisiert: das ist mir fremd. Aber auch: damit will ich mich nicht auseinandersetzen.

    Die Rede von Bundeskanzler Kern beim Fastenbrechen wurde in den sozialen Medien auch als Anbiederung an Österreichs Muslime interpretiert. Das sehe ich nicht so. Der Kanzler vertritt alle Österreicherinnen und Österreicher und damit auch die Muslime. Genauso wie er Juden, Christen, Konfessionslose vertritt. Das sind Akte des Miteinander, die am Ende die Gesellschaft einen. Ebensolche Akte des Miteinander sind es, wenn sich Politiker und Politikerinnen zum Tag der Offenen Türen in der Kultusgemeinde einfinden oder am jährlichen Straßenfest teilnehmen, das lange am Judenplatz gefeiert wurde und seit ein paar Jahren im Arkadenhof des Rathauses stattfindet.

    Mit der SPÖ gibt es seit langem ein diesbezügliches gutes Einvernehmen und jede Menge Unterstützung für die jüdische Gemeinde, ebenso von den Grünen, deren antifaschistisches Engagement zu unterstreichen ist. Aber auch die ÖVP pflegt gute Kontakte zur Community, unterstützt – etwa im Innenministerium, im Außenministerium – die jüdische Gemeinde maßgeblich, wenn es um Sicherheit geht. Bei der FPÖ ist seit einiger Zeit das interessante Phänomen zu beobachten, dass man sich plötzlich als Freund der Juden, als Freund Israels sieht – ja geradezu anbiedert (hier passt nun das Bild, denn dass die FPÖ eine Nachfolgeorganisation der VDU ist, das wird dann nonchalant unter den Tisch gekehrt und irgendwie bekommt man den Eindruck, der Holocaust sei wie eine Naturkatastrophe vom Himmel gefallen). Die FPÖ hat einen neuen Sündenbock gefunden: genau, die Muslime. Hier ist also Vorsicht geboten.

    Das Engagement der Volkspartei für die jüdische Community schien bis dato vertrauenswürdig und glaubhaft. Der Skandal um allerlei Antisemitisches in Facebook- und Whatsapp-Gruppen, in den Mitglieder der VP-nahen Studierendenorganisation Aktionsgemeinschaft am Juridicum der Uni Wien, aber auch Mitglieder der Jungen ÖVP verwickelt sind, trübte diesen Eindruck etwas. Genauso wie das teilweise Herumeiern danach: da sprach etwa die Wiener ÖVP-Gemeinderätin Gudrun Kugler, selbst Juristin, von "einer Dummheit". "Ich glaube, es handelt sich hier um eine Dummheit, nicht um Absicht. Es ist ein Unterschied, ob man unbedacht handelt oder ob man sagt, Juden haben bei uns nichts verloren." Wer über Jahre Antisemitisches, aber auch Rassistisches, Frauenfeindliches, Behindertenfeindliches postet, agiert meiner Meinung nach nicht unbedacht, sondern hat eine Haltung. Diese Haltung gehört entschieden bekämpft. Genauso wie jene, die einen Menschen zu einem Edding greifen lässt, um seinen Mitmenschen kund zu tun, dass Muslime Müll sind.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-06-12 14:50:14
    Letzte nderung am 2017-06-12 15:05:16



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