• vom 19.06.2017, 19:40 Uhr

Jüdisch leben

Update: 19.06.2017, 20:44 Uhr

Jüdisch leben

Antisemitismus? Antisemitismus!




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Von Alexia Weiss


    Mit dieser antisemitischen Karikatur wurde 2015 für den Al Quds-Tag in Wien auf Facebook geworben. Das Sujet wurde inzwischen von den Seitenbetreibern entfernt.

    Mit dieser antisemitischen Karikatur wurde 2015 für den Al Quds-Tag in Wien auf Facebook geworben. Das Sujet wurde inzwischen von den Seitenbetreibern entfernt.© Screenshot der Facebook-Seite "Internationaler Al-Quds Tag Wien - Free Palestine" vom 8. Juli 2015 Mit dieser antisemitischen Karikatur wurde 2015 für den Al Quds-Tag in Wien auf Facebook geworben. Das Sujet wurde inzwischen von den Seitenbetreibern entfernt.© Screenshot der Facebook-Seite "Internationaler Al-Quds Tag Wien - Free Palestine" vom 8. Juli 2015

    Eine Gruppe bosnischer Handballfans griff am Samstag am Schwarzenbergplatz in Wien einen US-Amerikaner an: Er soll an der Regenbogenparade teilgenommen haben und war in eine Israel-Fahne gehüllt. Laut Polizei wurde der Mann rassistisch und antisemitisch beschimpft und mit Fäusten attackiert.

    Die Frankfurter Soziologin Julia Bernstein kommt in einer Studie zum Schluss: unter Juden in Deutschland sind Antisemitismus-Erfahrungen weit verbreitet, berichtete jüngst die Frankfurter Rundschau. Bernstein interviewte dazu dutzende Jüdinnen und Juden ausführlich und der Befund macht wenig froh: demnach habe Antisemitismus in den vergangenen Jahren nicht nur zugenommen, sondern sei auch salonfähiger geworden. Antisemitismus werde in verschiedensten Gruppen der Gesellschaft deutlich offener geäußert als noch vor einigen Jahren.

    Ähnliches berichten in Wien auch Eltern von jüdischen Kindern, die eine nichtjüdische Schule besuchen. Immer wieder komme es zu antisemitischen Äußerungen von Mitschülern. Mein Kind besucht auch eine nichtjüdische Schule: ich kann von solchen Erlebnissen bisher nicht berichten. Würde es eines Tages passieren, würde ich wohl zur Furie mutieren.

    Andernorts können sich alternative Bildungsangebote nicht klar von dubiosen Haltungen distanzieren: die Wiener Zeitung veröffentlichte vergangenes Wochenende brisante Recherchen zur Lais-Pädagogik, die in Österreich immer mehr Anhänger findet. Dabei wurde eine Vernetzung von Lais-Anbietern mit der Esoterik-Szene und rechtsextremen Kreisen inklusive eines Holocaust-Leugners aufgezeigt.

    Al Quds-Tag

    Und antisemitische Slogans sind auch diese Woche wieder beim Wiener Marsch (Samstag Nachmittag, Start am Urban-Loritz-Platz, Uhrzeitangaben variieren derzeit zwischen 15.30 Uhr und 16.30 Uhr) anlässlich des international begangenen Al Quds-Tages (der sich gegen Israel wendet) zu erwarten, auch wenn im Demo-Aufruf anderes zu lesen ist: "Wir stehen für Frieden, Gerechtigkeit und Schutz von Bedürftigen. Wir treten gegen Antisemitismus ein, lehnen jede Form davon vehement ab und stellen klar, dass Zionismus und Antisemitismus zwei verschiedene Begriffe sind! Nein zur Apartheid! Nein zu Zionismus!"

    Der Punkt ist jedenfalls: ist das vehemente Eintreten gegen Israel, das Anprangern von "Apartheid" nicht eben doch Antisemitismus? In Israel gibt es sowohl jüdische als auch arabische Staatsbürger. Als antisemitisch stuft jedenfalls ein breites Bündnis aus Politikern von SPÖ, Grünen und ÖVP, der Israelitischen Kultusgemeinde, jüdischen Organisationen, Studierendenverbänden sowie dem Republikanischen Club den jährlichen Al Quds-Tag ein. Ebenfalls am Samstag ab 14 Uhr wird von diesem daher auf der Mariahilfer Straße zur Kundgebung "Gemeinsam gegen Antisemitismus! #KeinQudsTag in Wien" aufgerufen.

    In der Vergangenheit wurde nämlich im Vorfeld des Quds-Marsches oder während der Demo sehr wohl auch vom österreichischen Veranstalter "Free Palestine" und Kundgebungsteilnehmern Antisemitisches preisgegeben. 2015 entsetzte eine Karikatur, mit der für den Marsch geworben wurde, die zum Judenmord aufrief. Vergangenes Jahr wurden laut Veranstalter der "#KeinQudsTag in Wien"-Demo antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet, wonach Israel den "Islamischen Staat" hochzüchte.

    Al-Quds bedeutet Jerusalem. Der Al-Quds-Tag wurde im Iran von Ayatollah Khomeini 1979 eingeführt, über die Jahre entwickelten sich daraus auch international antiisraelische und antisemitische Proteste. In London fand der heurige Quds-Marsch bereits am gestrigen Sonntag statt. Dabei wurden Zionisten auch für den Hochhaus-Brand verantwortlich gemacht, der die Stadt zuletzt erschütterte. Konkret rief ein Mann laut The Jewish Chronicle am Beginn des Demonstrationszugs via Lautsprecher: "Diese Demonstration ruft nach Gerechtigkeit für Grenfell. Einige der größten Unterstützer der Conservative Party sind Zionisten. Sie sind verantwortlich für die Ermordung der Menschen in Grenfell." Als das Medium eine Polizistin befragte, warum solche Aussagen zugelassen würden, habe diese gemeint: "Das ist nur eine Meinung."

    Antisemitismus-Definition

    Damit ist einer der heißen Punkte in der allgemeinen Antisemitismus-Diskussion angesprochen: was ist Meinung, was überschreitet eine Grenze? Österreichs Regierung hat hier Ende April die Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance" (IHRA) im Ministerrat beschlossen. Diese lautet: "Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus wendet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen."

    Was aber, wenn statt dem Begriff "Juden" oder "jüdisch" andere Begriffe verwendet werden – wie eben, siehe London, "Zionisten"? Es wurde nicht von Juden gesprochen, doch die Botschaft kam an. Am Hochhausbrand sind also die Juden Schuld.

    Die umstrittene Antisemitismus-Dokumentation

    Erläutert wird dieses Phänomen auch in der in den vergangenen Tagen massiv diskutierten Dokumentation "Auserwählt und Ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa" von Joachim Schröder und Sophie Hafner. Der Westdeutsche Rundfunk (WDT) hatte diese für ARTE produzieren lassen, am Ende entschied man sich aber gegen eine Ausstrahlung. Zensur, hieß es postwendend, vor allem von jüdischer Seite. Bild stellte den Film für 24 Stunden online. Seitdem wird analysiert, was das Zeug hält.

    Ich habe mir die Dokumentation vergangene Woche auch angesehen. Zunächst überwog der positive Eindruck: endlich jemand, der die Dinge beim Namen nennt. Endlich zäumt jemand das Pferd von der richtigen Seite auf, wie etwa die Sache mit den Schlagzeilen, die ein Attentat palästinensischer Terroristen auf Israelis produziert. Ein aktueller Fall: am Freitag wurde die 23jährige israelische Polizistin Hadas Malka in Jerusalem erstochen. Die BBC titelte daraufhin: "Three Palestinians killed after deadly stabbing in Jerusalem". Die Doku ist ein Gegengewicht zu den vielen Nachrichtenberichten zu Israel, die oft eine sehr pro-palästinensische Haltung einnehmen anstatt objektive News zu liefern.

    Aber dann bleibt da doch ein schaler Nachgeschmack. Machen es sich die Filmemacher nicht zu leicht? Kann man Christen derart pauschal des Antisemitismus bezichtigen? Hat sich da in den vergangenen Jahrzehnten nicht sehr viel getan? Gab es da nicht eine massive Distanzierung vor allem der evangelischen Kirche vom Antisemitismus des Martin Luther? Und wie sieht es bei Muslimen aus? Und, und, und. Es gäbe viel zu sagen, es wurde allerdings auch schon viel geschrieben.

    Wer sich selbst ein Bild machen möchte: die Doku wird diesen Mittwoch Abend auf dem TV-Kanal ARD gezeigt und ist auch weiter auf Youtube abrufbar. Es ist wichtig, über diesen Film zu diskutieren, und zwar ohne pauschales Aburteilen von beiden Seiten. Wenn Der Spiegel etwa Bedenken an der Dokumentation anmeldet, muss das dann eben nicht gleich Antisemitismus sein. So würgt man nämlich auch von jüdischer Seite jede Diskussion ab und das führt nirgendwo hin außer zu einer Verhärtung der Standpunkte. Der Film, ob nun gut oder schlecht gelungen, könnte als Katalysator fungieren, endlich eine tief gehende und breite Debatte zum Thema Antisemitismus in die Gänge zu bringen. Damit hätte die Doku auch schon einen wertvollen Beitrag geleistet.

    À propos Verhärtung: mit den vielen muslimischen Flüchtlingen, die seit 2015 nach Österreich kamen, werde auch eine neue Welle des Antisemitismus zu beklagen sein, befürchteten viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde, schließlich werden zum Beispiel in Syrien Kinder schon mit dem Feindbild Israel groß. Befragungen von Jugendlichen, zuletzt von Lehrlingen, scheinen zu bestätigen, dass der Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen größer ist als unter nicht-muslimischen. Dem muss nachgegangen und Aufmerksamkeit geschenkt werden. Genauso wie braunen Spuren in der Esoterikszene (siehe Lais-Bewegung). Oder immer wiederkehrenden verbalen Ausrutschern von freiheitlichen Funktionären.

    Leon Zelman-Preis für Shalom Alaikum

    Es gibt aber auch die anderen Beispiele. Diese Woche wird der Verein "Shalom Alaikum – Jewish Aid for Refugees", dem ich auch angehöre, mit dem Leon Zelman-Preis ausgezeichnet. Seit mehr als eineinhalb Jahren kümmern sich hier jüdische Frauen um mehrheitlich muslimische Flüchtlingsfamilien. Blauäugigkeit wurde uns nachgesagt, Naivität, wir würden schon noch sehen, dass das auch schief gehen könne. Nichts ist schief gegangen. Es gab bisher keinen einzigen antisemitischen Sager geschweige denn Vorfall. Entwickelt haben sich dagegen viele persönliche Beziehungen und wir alle haben viel über die syrische Gesellschaft, ich vor allem über die afghanische Gesellschaft und Kultur gelernt. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus, lautet eine Redensart. Ja, vielleicht geht dieses Konzept nicht immer auf. Im Fall von Shalom Alaikum ist es aufgegangen. Das sind die schönen Seiten.

    Die nicht so schönen: wie lange wird nun schon an Österreichs Schulen Holocaust Education betrieben. Und dennoch zeichneten sich jüngst gerade Studierendenvertreter am Juridicum durch Antisemitisches in Facebook- und Whatsapp-Gruppen aus. Warum erreicht oder überzeugt der edukative Ansatz offenbar nicht alle? Eine Konferenz kommenden Februar will sich diesem und vielen anderen Aspekten des Themas Antisemitismus widmen und am Ende eine Handlungsanleitung erarbeiten, wie Antisemitismus endlich Einhalt geboten werden kann. Ich bin ja grundsätzlich sehr optimistisch, immer für Dialog, für Differenzierung und keine pauschale Verurteilung. Aber sogar ich bezweifle, dass Antisemitismus für immer zu verbannen ist. Zu lange ist seine Geschichte, zu weit seine Verbreitung.





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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-06-19 19:40:54
    Letzte nderung am 2017-06-19 20:44:35



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